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Aus: Ausgabe vom 15.02.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Antisemitismus

Umkämpfte Deutungshoheit

»Neuer Antisemitismus«: Karin Wetterau über die »Abgründe einer politischen Kampagne«
Von Matthias Reichelt
D18D0113RosaLuxKonferenz173154.jpg Achille Mbembe
Achille Mbembe bei der XXIII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz (Berlin, 13.1.2018)

Im Jahr 2010 veröffentlichte der israelische Historiker Moshe Zuckermann sein Buch »Antisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument«. Dieser Vorwurf trifft hierzulande in den letzten Jahren linke und auch viele jüdische Intellektuelle und Künstler, die die von der rechten Regierung in Israel betriebene Okkupations- und Enteignungspolitik in den besetzten Gebieten kritisieren. Inzwischen unterstellt man ihnen routiniert Antisemitismus oder definiert sie als »selbsthassende Juden« – mit ihnen, soll das heißen, stimme etwas nicht, weil sie die Politik der israelischen Regierung ablehnen.

Karin Wetterau rekapituliert in ihrem neuen und wichtigen Buch den Streit um die Definition des Begriffs Antisemitismus bzw. die Deutungshoheit über ihn und zeigt dabei auch, wie falsch Theodor Lessings problematischer Terminus des »selbsthassenden Juden« benutzt wird. Gemeint waren Anfang des 20. Jahrhunderts Juden, die aufgrund von Verfolgung und Ausgrenzung ihre jüdische Identität völlig ablehnten. Eine taugliche Kategorie ist das heute nicht mehr: Der Verein »Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost« wurde 2019 für sein Engagement mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet. Seine Mitglieder betonen bei ihrer Kritik an der israelischen Besatzungspolitik gerade ihre jüdische Identität.

Wetterau sieht im heutigen Streit um den Antisemitismusbegriff Parallelen zu den großen historischen Debatten in der Bundesrepublik wie der Fischer-Kontroverse und dem »Historikerstreit«. Wer die Auseinandersetzungen in den Feuilletons verfolgt, wird Wetterau darin nur zustimmen können. Allerdings schaltete sich hier das Parlament ein und beschloss im Mai 2019 mehrheitlich, der hierzulande unbedeutenden BDS-Bewegung entgegenzutreten. Ursprünglich hatte die AfD-Fraktion ein Verbot der BDS-Bewegung in Deutschland beantragt, wodurch die anderen Parteien unter Zugzwang gerieten. »Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen« (BDS) wurde 2005 von 170 palästinensischen Organisationen der Zivilgesellschaft gegründet und lehnt Gewalt ab. So verständlich es ist, die von BDS propagierte Boykottpolitik als Deutsche nicht zu unterstützen, so ist deren Einschätzung als antisemitisch nicht nur fragwürdig, sondern falsch, wie Wolfgang Benz, Gründungsdirektor des Instituts für Antisemitismusforschung an der TU, befand. Benz hat für das Buch ein Vorwort beigesteuert.

Die BDS-Bewegung sei nicht judenfeindlich, sondern empfehle ein politisches Mittel, um eine politische Absicht durchzusetzen. Es geht gegen die Politik des Staates Israel, aber nicht um Juden, wie Benz neulich im Deutschlandfunk ausführte. Auf der problematischen Gleichsetzung von Judentum und israelischem Staat, die die Diversität der Juden in Israel und in der Diaspora leugnet, beruht die deutsche Staatsräson, die die Sicherheit Israels garantieren will. Muss das aber den Schulterschluss mit der rechten Netanjahu-Regierung bedeuten? Sollte die Bundesregierung nicht deutliche Kritik an der fortgesetzten Besatzung üben, die Israels Sicherheit nicht dient, sondern eher bedroht? Angriffe aus dem Umfeld Netanjahus gegen BDS und das Jüdische Museum Berlin mit dem damaligen Direktor Peter Schäfer wurden hier durch eine breite Phalanx unkritischer Freunde der israelischen Regierung eins zu eins befeuert. Kein bisschen Kritik regt sich dagegen bei Netanjahus Allianzen, etwa mit Bolsonaro, Viktor Orban, der AfD oder den ultrarechten US-Evangelikalen. An deren Beispiel zeigt Wetterau, dass Zionismus und Antisemitismus Hand in Hand gehen können.

Achille Mbembe, dem Theoretiker des Postkolonialismus, wurde aufgrund einer Nähe zu BDS (Kontaktschuld!) und seiner Sicht auf Israel, dessen kolonialistische Praxis er kritisiert, sofort Antisemitismus unterstellt. Von ihm wird die Übernahme der deutschen Perspektive verlangt. Das offenbart eine germanozentrische und paternalistische Haltung zugleich. Dagegen wenden sich viele Kulturinstitutionen mit ihrer Initiative »GG 5.3«, benannt nach dem Grundgesetzartikel, der die Freiheit von Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre garantiert. Genau diese sehen zahlreiche und namhafte Institutionen und Personen bedroht. Karin Wetterau schildert viele besorgniserregende Vorkommnisse, die ein Klima von Angst, Opportunismus und Denunziation schaffen.

Auch auf der Linken gab es zweifellos Antisemitismus, etwa den Versuch eines Anschlags mit einem Brandsatz auf das jüdische Gemeindehaus in Westberlin 1969 oder die verblendete Täter-Opfer-Umkehr in einer Erklärung von Ulrike Meinhof zum palästinensischen Attentat auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München. Dennoch sind antisemitische Positionen dort eher die Ausnahmen. Götz Aly deutete nicht nur im Titel »Unser Kampf« seiner 2008 erschienenen Abrechnung mit »1968« eine Kontinuität der Studenten zu der NS-belasteten Elterngeneration an und leugnet, dass die Naziverbrechen überhaupt eine Rolle bei den 68ern gespielt hätten. In dem Kapitel »Umkämpfte Erinnerung« widerlegt Wetterau diesen Unsinn, für den Aly sich in einer TV-Diskussion im selben Jahr geharnischte Kritik von Klaus Theweleit gefallen lassen musste. Das erste »Antisemitismus«-Seminar nach 1945 wurde, schreibt Wetterau, im Umfeld des SDS Anfang der 1960er Jahre organisiert.

Karin Wetterau: Neuer Antisemitismus? Spurensuche in den Abgründen einer politischen Kampagne. Aisthesis, Bielefeld 2020, 144 Seiten, 18 Euro

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  • Herbert Steffes: Gehirn abgeben »So verständlich es ist, die von BDS propagierte Boykottpolitik als Deutsche nicht zu unterstützen ...«: Was ist für ein Unsinn? Muss ich, nur weil ich Deutscher bin, mein politisches Gehirn an der G...

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