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Aus: Ausgabe vom 15.02.2021, Seite 12 / Thema
Klassenanalyse

Spontane Solidarität

Widerspruchserfahrungen und Praxisperspektiven. Zur Aktualität der Klassenfrage (Teil 2 und Schluss)
Von Werner Seppmann
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»Proletarische Öffentlichkeit«. Im Betrieb verdichten und reproduzieren sich gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse, die das Potential zum Widerstand bergen (Werftarbeiter in Stralsund)

Beschäftigen sich Marxistinnen und Marxisten mit der Klassenfrage, dann hat das einen politischen Hintersinn: Sie wollen vorrangig etwas über Gesellschaftsbild und Bewusstseinslagen (wie verarbeiten die Lohnabhängigen ihre Konflikterfahrungen?) und die daraus resultierenden politischen Einstellungen und Handlungspräferenzen wissen. Das ist übrigens auch das Hauptanliegen einer bürgerlichen Soziologie, die sich immer wieder mit der Arbeiterklasse beschäftigt hat – aber mit der entgegengesetzten Intention. Sie will nachweisen, dass die Lohnabhängigen keine »gefährliche Klasse«, kein Negationsfaktor der bürgerlichen Ordnung mehr sind, weil ihr Lebensstandard beachtlich gestiegen sei, sich ihr Gesellschaftsbewusstsein affirmativ entwickelt habe und ihre »soziale Integration« weitgehend gelungen sei.

Aber die Eskalation sozialer Abstiegsbewegungen hat solche legitimatorischen Absichten zusehends ad absurdum geführt: Es haben sich soziale Gräben aufgetan, und die Klassenspaltungen sind unübersehbar geworden. Die Zuspitzung und die Offensichtlichkeit gesellschaftlicher Ausgrenzungsprozesse haben eine klassenanalytische Neubesinnung provoziert. Aber dennoch ist die »Diskurslage« widersprüchlich geblieben: Vor allem angesichts (auch kritisch intendierter) akademischer Stellungnahmen, die sich der sozialen Widerspruchsdynamik nur in einer beschreibenden Weise nähern und Unterprivilegierung ohne Rückgriff auf ökonomietheoretische Fundierung zu thematisieren versuchen. Solche Vorgehensweisen kulminieren beispielsweise in dem Postulat, dass »Ausgrenzung (…) Ausbeutung ersetzt« habe.¹

Aber solche Positionen sind herrschaftskonformer »Liebesdienst«, wenn nicht gar Ausdruck intellektueller Selbstaufgabe. Wer sich im Rahmen eines »legitimen Wissens« bewegen will, muss offensichtlich zur theoretischen Selbstverleugnung bereit sein: Denn tatsächlich sind Prekarisierungsvorgänge, auch weil sie auf die Lohnabhängigen insgesamt eine einschüchternde Wirkung haben, Funktionselement des kapitalistischen Ausbeutungsregimes. Wird dieser Aspekt ausgeklammert, kann unberücksichtigt bleiben, dass soziale Bedrängniserfahrungen der Lohnabhängigen mit den ökonomischen Verfügungsverhältnissen, die den Kern der Klassenfrage ausmachen, vermittelt sind.

Psychische Deformierungen

Trotz tiefgreifender Veränderungen im Industriesystem besitzt die Arbeiterklasse immer noch die besten Voraussetzungen für einen politischen Selbstfindungsprozess, auch wenn sich die Verhältnisse durch Spaltungen innerhalb der Arbeiterklasse (in Kern- und Randbelegschaften), aber auch durch desorientierende Wirkungen kapitalistischer Vergesellschaftungsprozesse in den letzten Jahrzehnten verkompliziert haben, denn eine entfremdete Lebenspraxis verzerrt nicht nur das Bewusstsein der Menschen und deformiert ihre Psyche, sondern fördert auch selbstunterdrückende Dispositionen: Durchgesetzt hat sich eine machtkonforme Vergesellschaftung psychischer Strukturen als neuer Herrschaftsmodus.

Sozial erzeugte Angst, die Sorge vor dem Arbeitsplatzverlust und dem gesellschaftlichen Abstieg spielen bei dieser Zurichtung der Psyche eine große Rolle: Angst garantiert ohne den Einsatz äußerer Zwangsmittel die Machtreproduktion in den spätimperialistischen Ländern. Mit der »Zerstörung von traditionellen sozialen Instanzen, die eine angstreduzierende Funktion haben, indem sie Orientierung und gesellschaftliche Sicherheit vermitteln«², wird ein Klima der Einschüchterung erzeugt: Dezidierte Disziplinierungstechniken haben sich erübrigt, weil sich die Ausgegrenzten durch ihr Rückzugsverhalten selbst »neutralisieren«.

Aber in kaum einer der gegenwärtigen Klassenanalysen ist von diesen Prozessen auch nur ansatzweise die Rede. Am allerwenigsten in den Diskussionen zur »neuen Klassenpolitik«, die in der Linkspartei geführt werden. Sich diesen Aspekten ideologischer Herrschaftsreproduktion zu stellen ist jedoch für eine kritische Wissenschaft unverzichtbar, weil »ohne jenen Teil der Aufklärung, den die Psychoanalyse angebahnt hat, gibt es keine Befreiung, welche das menschliche Bewusstsein befähigen könnte, des Feldes der Wirklichkeit und der Möglichkeit des eigenen Seins in vollem Umfang inne und mächtig zu werden«.³

Trotz der herrschaftskonformen Prägung der Psyche bleibt durch den autoritären Charakter der betrieblichen »Kommunikation« dennoch der antagonistische Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit weiterhin bewusstseinsrelevant. Deshalb ist der zu den konkreten Erfahrungen vermittelte Gedanke naheliegend (wenn auch nicht in einem mechanistischen Sinne zwingend), dass eine Sicherung der Lebenslage nur durch kollektives Handeln gelingen kann.

Schon in der Konstitutionsphase der modernen Arbeiterbewegung waren Spaltungstendenzen innerhalb der Lohnarbeiterklasse kein unbekanntes Phänomen. Auch im »Kommunistischen Manifest« ist davon die Rede, dass die kapitalistische Konkurrenz auch die Arbeiter entzweit. Aber Marx sah in der Kollektivität der betrieblichen Situation ein wirksames Korrektiv, um dennoch die gemeinsamen Interessen erkennen und artikulieren zu können. Dass die Klasse der Lohnabhängigen fragmentiert ist, relativiert nicht die Klassenzugehörigkeit ihrer Mitglieder, jedoch resultieren aus den aktuellen Organisationsformen des Kapitalismus unterschiedliche Verarbeitungsweisen der Widerspruchserfahrungen: »Der Stammarbeiter kann sich abgrenzen, seine Arbeitsrisiken kurzfristig auf Kosten der Leiharbeiter lösen. Oder es setzt sich die Erkenntnis durch, dass beide gemeinsame Interessen haben, und es bilden sich Solidarität und eine gemeinsame Kampfperspektive heraus.«⁴ Eine solch progressive Widerspruchsverarbeitung ist mittlerweile nicht mehr unwahrscheinlich, weil viele zu ahnen beginnen, dass im Schicksal des Leih- oder Vertragsarbeiters ihre eigene prekäre Zukunft sichtbar wird, weil ihre Soziallage als nicht mehr so sicher erlebt wird wie einst.

Gemeinsame Interessen

Trotz realer Spaltungstendenzen und desorientierender ideologischer Wirkungsmächte, gibt es einen gemeinsamen Interessenhorizont der Lohnarbeiter, und dessen Bewusstwerdung ist die einzige Chance, um der Machtdominanz des Kapitals wirkungsvoll, d. h. kollektiv entgegentreten zu können. Aber dieser Formierungsprozess ist eine anspruchs- und voraussetzungsvolle Angelegenheit. Das haben – trotz des Optimismus, der ihre Auffassung immer geprägt hat – Marx und Engels nie anders gesehen: Ihnen war klar, dass objektive Interessen konkrete sozioökonomische Ursachen haben, jedoch von den Lohnabhängigen in progressiver Perspektive verarbeitet werden müssen. Im »Manifest« wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich das Proletariat ein adäquates Verständnis seiner gesellschaftlichen Lage erst erarbeiten und sich seiner gemeinsamen Interessen erst bewusst werden muss, um politisch agieren zu können. Erst allmählich entwickelt sich aus einem soziostrukturellen Widerspruchsverhältnis die politische Konfrontation zweier Klassen.

Auch wenn in ihren alltäglichen Lebensverhältnissen die Menschen mittlerweile von vielen traditionellen Orientierungen proletarischer Klassenexistenz entfremdet sind, haben sich dennoch mehr als bloß Restbestände erhalten. Zu einem nicht unwesentlichen Teil auch deshalb, weil sich im Industriebetrieb als konfliktprägendem Erfahrungsraum Denkmuster mit solidarischer Tendenz immer wieder »spontan« herausbilden. Gerade weil die Produktionssphäre nach Verwertungskriterien und autoritären Organisationsprinzipien funktioniert, entwickeln sich im betrieblichen Rahmen Widerstandspotentiale. Im Bereich der Arbeit konkretisieren sich die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse, sie werden nicht zuletzt und trotz aller »Mitbestimmung« nach wie vor durch den »Ausschluss der Lohnarbeiter aus den betrieblichen Entscheidungsgremien und im Zwang der Unterordnung unter das Direktionsrecht des Managements«⁵, erfahrbar.

Allerdings gibt es keine unmittelbare Ursache-Wirkung-Relation zwischen Widerspruchserfahrung und Handlungsbereitschaft, vielmehr existiert ein mehrstufiges Vermittlungsverhältnis. Beispielsweise müssen mehrere Belastungen und »Ärgernisse« zusammenkommen und oft auch noch auf einen konkreten Anlass treffen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die betrieblichen Alltagserfahrungen können als »Rohmaterial« politischer Bewusstseinsbildungsprozesse angesehen werden. Dabei ist der Pausenraum immer noch zentraler Ort einer »proletarischen Öffentlichkeit« (Negt/Kluge), in den zwar auch mediale Manipulationen hineinreichen (Bild), der jedoch eine eigene Entfaltungsdynamik bei der Verarbeitung unmittelbarer Widerspruchserfahrungen besitzt. Nichts anderes hat übrigens auch Max Weber 1918 in seinem Vortrag über den Sozialismus zum Ausdruck gebracht: »Ein Mittel, die sozialistische Überzeugung und die sozialistischen Hoffnungen aus der Welt zu schaffen, gibt es nicht. Jede Arbeiterschaft wird immer wieder in irgendeinem Sinne sozialistisch sein.«⁶

Aber evident ist auch, dass sich infolge sozialer Spaltungen eine verbindende Interessenlage nicht automatisch entwickelt, weil latente Vorbehalte bei allen Benachteiligten existieren. »Solidarisches Handeln (kann) also nur bewusst gegen diese spontane Tendenz durchgesetzt werden.«⁷ Ein Klima sozialer Verunsicherung sowie Situationen der Entsolidarisierung durch arbeitsalltägliche Spaltungserfahrungen bilden eine schwierige Ausgangslage für die Konstituierung eines politischen Blocks. Für dessen Entstehung ist es auch nicht förderlich gewesen, dass es »lange Zeit gewerkschaftliche Orientierung war«, die Prekarisierten wie »Anhängsel im Interesse der Kernbelegschaften«⁸ zu behandeln.

Jedoch existieren keine zwingenden Gründe, weshalb es nicht dennoch möglich sein sollte, Interessenverbindungen zu erarbeiten, denn – gerade das zeigen die historischen Erfahrungen – die »Arbeiterklasse« ist als Handlungsfaktor kein Zustand, sondern ein politischer Prozess: Klassen sind strukturelle Tatsachen, jedoch werden sie zu realen Wirkungsfaktoren »durch praktisches Handeln, durch konkrete Kämpfe und durch deren Reflexion, also durch die bewusste Verarbeitung ihrer Handlungen«⁹ und Erfahrungen, die in den betrieblichen Organisationsstrukturen einen hinreichenden Entstehungs- und Entfaltungsraum bieten.

Trotz der nach wie vor großen Bedeutung industrieller Kernbereiche für politische Formierungsprozesse ist auch die Notwendigkeit von Allianzen, Bündnissen und Zusammenschlüssen aller Teile der Lohnarbeiterklasse, aber auch mit Bewegungen, die außerhalb des Industriesystems die gesellschaftlichen Widersprüche erleiden und thematisieren, gewachsen. Auch wer »in der Arbeiterklasse oder dem modernen Proletariat die revolutionäre Kraft sah oder sieht, die bestehende kapitalistische Produktionsverhältnisse in einer Revolution umwälzt und Träger einer neuen Gesellschaftsordnung ist (…), muss begreifen, dass für diese Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse in einer komplexen Gesellschaft mehr Akteure gebraucht werden, als das klassische Industrieproletariat«.¹⁰

Computer als Herrschaftsmaschine

Durch die fortschreitende Informatisierung der Arbeitswelt sind neue Probleme entstanden. Während viele Gewerkschaftsspitzen sich der Illusion neuer »Humanisierungsschübe« und einer möglichen »Digitalisierungsdividende« hingeben, wird immer deutlicher, dass sich die Informatisierung kaum zum Vorteil der Beschäftigten auswirkt. Allein schon aufgrund der Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte spricht nichts dafür, »darauf zu vertrauen, dass sich das Problem der Inhumanität der industriellen Arbeit durch technischen Wandel automatisch lösen würde«.¹¹ Die gegenwärtige Digitalisierungswelle hat die negativen Tendenzen »moderner« Arbeitsverhältnisse in der Regel zwar nicht hervorgebracht, jedoch Beschleunigung, Verdichtung und Fragmentierung der Arbeitsabläufe verstärkt: Der Computer fungiert als sozialpolitische Restaurationsmaschine, weil er im Kern eine Überwachungs- und Automatisierungstechnik ist.¹²

Seine Verallgemeinerung in der Arbeitswelt geht mit historisch beispiellosen Formen der Erfassung einher, die aber nicht nur auf den Körper der Arbeitenden (wie es von den traditionellen Formen der »wissenschaftlichen Betriebsführung« im Sinne Taylors intendiert war), sondern auch auf deren Psyche zielt. Es sollen durch die »Digitalisierung« nicht nur höhere Leistungen »stimuliert«, sondern gleichzeitig auch die informellen Bereiche der Arbeitswelt zum Zwecke ihrer Beeinflussung »ausgeleuchtet« werden. Nun endlich soll die umfassende Sozialkontrolle gelingen, die ein industriegesellschaftlicher Taylorismus letztlich nicht erreicht hat, weil die Menschen eben doch nicht lückenlos »berechenbar« sind.

Mit mikroelektronischen Hilfsmitteln werden die Arbeitenden nun jedoch mit gesteigerter Intensität »gemessen«, »standardisiert« und »optimiert«. Die Behauptung, dass Digitalisierung in ihrer Haupttendenz dazu führe, dass die Produktion »dem Takt des Menschen« folgt und »der Mensch (…) wieder zurück in den Mittelpunkt der Arbeitswelt« rücke¹³, ist reine Ideologie – und angesichts der tatsächlichen Verhältnisse sogar eine der schamlosen Art.

Ob durch die Digitalisierung neue »Freiräume« für die Lohnabhängigen entstehen können, ist nicht zuletzt deshalb fraglich, weil die elektronischen Steuerungsformen es ermöglichen, Fremdverfügung hinter einer Fassade »selbstbestimmten Handelns« verschwinden zu lassen, mit dem Effekt, dass Selbsttätigkeit und ökonomisch determinierte Unterwerfung weitgehend deckungsgleich werden. Die IT-Technologien sind repräsentativ für eine Entwicklung, die zugleich Fortschritts- und Unterdrückungspotentiale enthält. Im Digitalisierungskontext wiederholen sich Erfahrungen, die schon in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Einführung automatisierter Fertigungsverfahren gemacht wurden: Damalige »Innovationen« waren mit der Hoffnung verbunden, »dass das Arbeitsleid tayloristisch-fordistischer Rationalisierung mit dem Medium ›technischer Fortschritt‹ überwunden werden könnte«. Doch »die Ergebnisse desillusionierten die Hoffnungsperspektive. Automatisierte Produktion blieb offenkundig auf insulare Nutzung beschränkt und war in ihren Einsatzbereichen mit höchst begrenzten Arbeitsverbesserungen verbunden«.¹⁴

Es ist aufschlussreich, dass in den Diskussionen über eine »neue Klassenpolitik« in der Linkspartei die Bedeutung der neuen Technologien für die Zusammensetzung und die Arbeitserfahrungen, die Unterwerfungsprozesse und die Handlungsbedingungen der Arbeiterklasse kaum vorkommt. Wer aber in diesem Zusammenhang vom Computer schweigt, redet über alles mögliche, nur nicht über aktuelle Klassenfragen.

Weil nicht zuletzt durch den Computereinsatz die Arbeit intensiviert, die Leistungsgrenzen permanent ausgeweitet werden und die Trennungslinien zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, muss häufig bis über die Grenze des Zumutbaren hinaus gearbeitet werden. Dies führt nicht selten zu einem Selbstzwang, der immer öfter psychische und körperliche Schäden verursacht. Die statistischen Daten sprechen eine deutliche Sprache über die gesundheitlichen Konsequenzen. Stimuliert wird der institutionalisierte Selbstzwang von einer Angst vor dem Scheitern: Es grassiert die Sorge, nicht mehr mithalten zu können, denn die Erfahrung ist allgegenwärtig, dass »Minderleister« (gerade durch den Einsatz elektronischer Überwachungs- und Bewertungssysteme) schnell aussortiert werden.

Die elektronisch stimulierten Ausbeutungsprozesse, die regelmäßig zur Selbstinstrumentalisierung führen, sind zusehends durch den Verzehr der psychischen Substanz der Arbeitenden, auch um den Preis der Zerrüttung ihrer personalen Stabilität, geprägt. Für das Individuum bedeutet diese Zwangsordnung, kaum noch ohne psychische Defekte durchs Leben zu kommen, oft infolge permanenter Überlastung niedergeschlagen und erschöpft zu sein.

Bedingungen der Veränderung

Soziale Bedrängung und Verelendungserfahrungen alleine reichen jedenfalls für die Entwicklung einer nachhaltigen Oppositionshaltung nicht aus. Noch niemals sind aus Hunger- und Elendsrevolten wirkungsmächtige soziale Bewegungen geworden. Marx und Engels waren sich bewusst, dass existentielle Not nicht unbedingt das Denken lehrt, vor allem kein progressives, weil unstrukturierte Empörung eher Fatalismus hervorruft, alle Aufmerksamkeit sich auf das pure Überleben konzentriert und nicht selten die Betroffenen für reaktionäre Umtriebe anfällig macht. Drängende Armut erschwert möglicherweise sogar den politischen Klassenbildungsprozess und verfestigt die Spaltungslinien innerhalb subalterner Klassen. Diese Erfahrung erinnert ein weiteres Mal daran, dass Selbstbewusstwerdung der Arbeiterklasse an mehrschichtige Voraussetzungen gebunden ist: »Für die Konstituierung einer auf gesellschaftliche Veränderung bedachten Protestbewegung bestehen mindestens drei Vorbedingungen: eine an der gemeinsamen Lage ausgerichteten Organisation, das Vorhandensein eines alternativen Gesellschaftsentwurfs und das Gefühl, für das Funktionieren der Gesellschaftsmaschine unerlässlich zu sein.«¹⁵ Von besonderer Bedeutung ist für Widerstandsbewegungen eine angemessene Organisationsform, denn der Dampf verpufft, wenn kein Zylinder vorhanden ist.

Anmerkungen

1 Francois Dubet und Didier Lapeyronnie: Im Aus der Vorstädte. Der Zerfall der demokratischen Gesellschaft. Stuttgart 1994, S. 5

2 Rainer Mausfeld: Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien. Frankfurt am Main 2019, S. 25

3 Hans Kilian: Das enteignete Bewusstsein. Zur dialektischen Sozialpsychologie. Neuwied 1971, S. 66 f.

4 Bernd Riexinger: Neue Klassenpolitik. Solidarität der vielen statt Herrschaft der wenigen. Hamburg 2018

5 Michael Schumann: Das Jahrhundert der Industriearbeit, Weinheim und Basel 2013, S. 45 f.

6 Max Weber: Der Sozialismus. Weinheim 1995, S. 118 f.

7 Morus Markard: Einführung in die kritische Psychologie. Hamburg 2009, S. 185

8 Riexinger: Neue Klassenpolitik, a. a. O., S. 73

9 Ebd., S. 94

10 Ebd., S. 67

11 Michael Schumann: Das Jahrhundert der Industriearbeit, a. a. O., S. 18

12 Vgl.: Werner Seppmann: Kritik des Computers. Der Kapitalismus und die Digitalisierung des Sozialen. Kassel 2017

13 Henning Kagermann: Chancen von Industrie 4.0 nutzen. In: Thomas Bauernhansl/Michael ten Hompel/Birgit Vogel-Heuser (Hg.): Industrie 4.0 in Produktion, Automatisierung und Logistik. Wiesbaden 2014, S. 608

14 Michael Schumann: Praxisorientierte Industriesoziologie. In: Detlef Wetzel/Jörg Hofmann/Hans-Jürgen Urban (Hg.): Industriearbeit und Arbeitspolitik. Hamburg 2014, S. 22

15 Robert Castel: Die Metamorphose der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz 2000, S. 358

Soeben ist von Werner Seppmann die Broschüre »Gibt es überhaupt noch eine Arbeiterklasse?« erschienen, die beim Pad-Verlag Bergkamen zum Preis von 6 Euro erhältlich ist. Bezug unter pad-verlag@gmx.net

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