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Aus: Ausgabe vom 15.02.2021, Seite 10 / Feuilleton

Der Tycoon

Von Erwin Riess
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Elefantentreiber oder rechter Autokrat? Dietrich Mateschitz bei einem Formel-1-Test

»Unter den österreichischen Milliardären ragt ein Name hervor: Dietrich Mateschitz. Er ist der reichste Österreicher, in weltweiten Ranglisten belegt er Plätze unter den ersten fünfzig. Sein Red-Bull-Konzern ist hochprofitabel, dennoch nimmt er gern horrend hohe Agrarförderungen für den Zucker, den er aus EU-Osteuropa bezieht. Die sprudelnden Gewinne steckt der Tycoon zu einem großen Anteil in Werbung und Marketing. Er sponsert Hunderte Extremsportler und genießt daher die Rechte an Exklusivfotos und -videos. Ihm gehört die halbe Steiermark, nach der katholischen Kirche und zwei, drei Großadeligen gilt er als größter Grund- und Immobilienbesitzer. Weiters gehören ihm zwei Formel-1-Teams mit über tausend Angestellten, Eishockeyklubs und etliche Fußballvereine, darunter RB Leipzig, Red Bull Salzburg und die New York Red Bulls, weiters Dutzende Farmteams auf allen fünf Kontinenten und mehrere Fußballakademien unter anderem in Brasilien. Und er ist Eigentümer des Red-Bull-Rings, Österreichs einziger Rennstrecke, die in allen Rundstreckenbewerben aufscheint. Den Umbau ließ Mateschitz sich mit öffentlichen Geldern finanzieren. Und er betreibt in Salzburg ein Medienhaus, in dem Hunderte Mitarbeiter Filme für den hauseigenen Fernsehsender Servus TV produzieren. Mateschitz ist bekannt dafür, seine Investments langfristig anzulegen, das war in der Formel 1 ebenso der Fall wie im Eishockey oder im Fußball. Aus den belächelten und von den Fans anfänglich bekämpften Millionärsvereinen Leipzig und Salzburg sind mittlerweile Serienmeister – so in Österreich – und international höchst konkurrenzfähige Vereine geworden. Im Mediensektor läuft es ähnlich. Die Red Bull Media House GmbH mit ihrem Fernsehsender Servus TV ist ein ernstzunehmender Konkurrent des ORF – eine Art österreichisches Fox News. Dass Mateschitz seit Jahren die Gründung eines Betriebsrats verhindert, erwähne ich nur am Rande.«

Dies berichtete Herr Groll seinem Freund, dem Dozent, während eines Spaziergangs am Ufer der Donau unterhalb des Kraftwerks Greifenstein. Die Donau führte hohes Mittelwasser, der Sturm peitschte die Wellen gegen die Strömung. Von Zeit zu Zeit hielt der Dozent inne und nahm eine Eintragung in seinem Notizblock vor. »Danke für die Informationen«, sagte er. »Stimmt es denn, dass Mateschitz weit rechts stehenden Leuten eine Bühne bietet?«

»Die Frage muss bejaht werden«, entgegnete Groll. »Geleitet von dem früheren Chefredakteur von Presse und Standard, Michael Fleischhacker, lädt Servus TV wöchentlich zum ›Corona-Quartett‹, in dem Verschwörungstheoretiker und andere Gesprächsrüpel auf jeweils eine zivilisierte Expertin losgelassen werden. Die Rolle des Moderators beschränkt sich darauf, den vernünftigen Leuten das Wort abzudrehen und die schlimmsten Ausraster der Coronaleugner unwidersprochen stehenzulassen. Schon vor Corona hofierte Fleischhacker in seiner Sendung Identitäre und Pegida-Leute. Seltsamerweise unterstellen Österreichs Journalisten Mateschitz ausschließlich profitgetriebene Motive nach dem Motto: Der Elefant im Porzellanladen sorgt für Einschaltziffern. Niemand kommt aber auf die Idee, dem Konzernchef jene Denkweise zuzumessen, die er in seinen Diskussionen verbreiten lässt: Mateschitz als Autokrat am rechten Rand der Gesellschaft.

Es gibt eine Person, in der sich die rechte Vorstellung von der Welt verdichtet. Einen Haus- und Hofagitator, der in einer achtminütigen Hasspredigt auf alle einschlägt, die nicht daran glauben, dass Bill Gates das Virus in die Welt gesetzt hat, um die Menschheit zu unterjochen. Ferdinand Wegscheider ist nicht nur Intendant des Senders, er inszeniert seine Kanzelreden großspurig in der Rolle eines Wiedergängers von Abraham a Sancta Clara, der im späten 17. Jahrhundert als katholischer Eiferer die Juden beschuldigte, den Ausbruch der Pest 1679 in Wien zu verantworten. Nun waren die Juden aber neun Jahre zuvor zur Gänze aus Wien vertrieben worden. Dass Sancta Clara von den Nazis verehrt wurde, verwundert daher nicht. Neulich war im ›Corona-Quartett‹ der chinesische Botschafter in Österreich, Li Xiaosi, zu Gast. Er schlug sich tapfer, mehr lässt sich aber nicht sagen, denn kaum war er am Wort, wurde es ihm vom Moderator auch schon wieder entzogen.«

Ein talwärts fahrendes Frachtschiff passierte die beiden mit großer Geschwindigkeit, Herr Groll holte den Feldstecher hervor.

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