Gegründet 1947 Montag, 8. März 2021, Nr. 56
Die junge Welt wird von 2466 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.02.2021, Seite 2 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitsbedingungen

»Die Gegenseite blockiert neue Tarife«

IG Metall verhandelt unter anderem in der Metall- und Elektroindustrie über Verträge zu Arbeitsbedingungen. Ein Gespräch mit Juan-Carlos Rio Antas
Interview: Steffen Stierle
imago0081752659h.jpg
Ganztägiger Warnstreik der IG Metall vor dem Haupttor der Still GmbH in Hamburg (31.1.2018)

Wie sind die bisherigen Verhandlungsrunden in der Metall- und Elektroindustrie gelaufen?

Das Bild ist differenziert, aber insgesamt kommen wir kaum voran. Bislang werden unsere Forderungen mit Gegenforderungen beantwortet. Zur Überwindung der Krise schlagen unsere Verhandlungspartner nahezu das Gegenteil dessen vor, was wir wollen. Zwar kommen wir mittlerweile zumindest in einzelnen Bereichen ins Gespräch. Insgesamt nimmt die Gegenseite aber eine Blockadehaltung ein.

Was wollen Sie für die Beschäftigten erreichen?

Wir fordern Beschäftigungssicherung, Zukunftsgestaltung und eine Entgelterhöhung um vier Prozent, wobei es uns nicht nur um die Entgelttabelle geht, sondern um das Volumen, das auch für Beschäftigungssicherung genutzt werden könnte. Die deutsche Industrie befindet sich in einer besonderen Situation. Zum einen hinterlässt die Pandemie tiefe ökonomische Narben. Die Perspektiven sind trotz der Prognosen, die bereits in diesem Jahr von einem starken Wachstum ausgehen, unklar. Die Erholung wird ihre Zeit brauchen. Zweitens stehen wir aufgrund des Klimawandels und der Digitalisierung vor einer Transformation, durch die viele Arbeitsplätze gefährdet werden. In dieser Situation geht es uns darum, Beschäftigung zu sichern, aber auch sicherzustellen, dass wir die Veränderungen im Sinne der Beschäftigten mitgestalten können.

Wir fordern daher Modelle der Arbeitszeitabsenkung mit Teillohnausgleich. Schon jetzt bezahlen die Beschäftigten einen Großteil der Krisenkosten, etwa durch Einkommensverluste, Zugeständnisse auf betrieblicher Ebene und einen bereits sichtbaren Abbau von Arbeitsplätzen. Das kann so nicht weitergehen. Deshalb dürfen Arbeitszeitabsenkungen nicht ausschließlich auf Kosten der Beschäftigten gehen. Darüber hinaus fordern wir einen Rahmen für betriebliche Zukunftstarifverträge, die es uns ermöglichen, die Veränderungen in der Fläche mitzugestalten.

Die Kapitalseite argumentiert, es gäbe keinen Verteilungsspielraum …

Es geht sogar noch weiter. Wir werden mit Forderungen konfrontiert, die Lohnkosten abzusenken. Dabei profitiert die Industrie von einer ganzen Reihe von Erleichterungen bei den Kosten. Ein Beispiel ist die Kurzarbeit, durch die derzeit zahlreiche Arbeitsplätze gerettet werden. Diese wurde für die Unternehmen noch günstiger gemacht, weil sie die Sozialversicherungsbeiträge erstattet bekommen. Letztlich wurde es auch auf Druck der IG Metall politisch ermöglicht, dass die Industrieunternehmen gut durch die Krise kommen. Sich jetzt die Krise dreifach bezahlen lassen zu wollen – erst vom Staat, dann von den Beschäftigten und jetzt noch mal in der Tarif­runde – dafür haben wir null Verständnis.

Wenn wir gut und schnell durch die Krise kommen wollen, brauchen wir Stabilität und Sicherheit, auch für die Beschäftigten. Ein ganz zentraler Faktor zur Erholung ist der private Konsum. Derzeit geht die Sparquote hoch, weil Verunsicherung vorherrscht. Um das zu ändern, brauchen wir Beschäftigungssicherheit und höhere Einkommen. Das kann sich die Industrie leisten.

Wann wird gestreikt?

Noch sind wir in der Friedenspflicht, und es macht aus meiner Sicht wenig Sinn, nach der zweiten oder dritten Verhandlungsrunde mit Streiks zu drohen. Wenn wir aber sehen, dass am Verhandlungstisch nichts passiert, können auch Warnstreiks eine Option werden. Arbeitskampf ist für uns das Mittel, unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Darauf werden wir sicherlich nicht verzichten.

Auch in der Textil- und Bekleidungsindustrie wird verhandelt. Wie ist der Stand der Dinge?

Unsere Hauptforderungen sind eine Entgelterhöhung um vier Prozent, ein Sockelbetrag bei der Entgelterhöhung, durch den vor allem die unteren Einkommen profitieren, sowie eine Verlängerung des Altersteilzeittarifvertrags. Allerdings stoßen wir auch hier auf eine Blockadehaltung. Zwar liegt mittlerweile überhaupt mal ein Angebot der Gegenseite vor, doch dieses ist vollkommen inakzeptabel. Wir werden nun in die Aktions- und Warnstreikphase übergehen.

Juan-Carlos Rio Antas ist Ressortleiter für operative Tarifpolitik und Tarifbindung bei der Vorstandsverwaltung der IG Metall

Ähnliche:

  • Hellwach in den Morgenstunden: Arbeiter im Warnstreik am Mittwoc...
    01.02.2018

    24-Stunden-Hammer

    Deutlich längere Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie als bislang. Hohe Beteiligung in Betrieben
  • Arbeiter vor dem Werkstor von Hydro Aluminium in Hamburg (10. Ja...
    11.01.2018

    Streiks werden ausgeweitet

    Gewerkschaft lässt sich in Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie nicht kleinkriegen
  • Dem Kapital einheizen: Arbeiter des Automobilzulieferers Kirchho...
    09.01.2018

    Vor die Werkstore!

    IG Metall startet bundesweite Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie. Mehr als 15.000 Arbeiter im Ausstand

Wir brauchen Dich, Genossin, Genosse! Werde Mitglied in unserer Genossenschaft: www.jungewelt.de/genossenschaft