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Aus: Ausgabe vom 09.02.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Tarifkampf

Arbeitskonflikt eskaliert

Hamburger Hafenbetreiber HHLA provoziert. Verdi und Beschäftigte fordern Manteltarifvertrag für Tochtergesellschaften
Von Burkhard Ilschner
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Nicht ausgeschlossen: Betriebsbedingte Kündigungen bei Hafenarbeitern – die wehren sich (Hamburg, 9.12.2019)

Es ist nicht nur eine Drohkulisse: Das Budget soll um rund 50 Millionen Euro gekürzt werden, Stellenstreichungen und »betriebsbedingte Kündigungen« seien möglich – so hatte Hamburgs größter Hafenbetreiber, die teilstaatliche Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), erst Mitte November umfangreiche Rationalisierungspläne angekündigt. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) versprach »Widerstand«.

Jetzt eskaliert ein lange währender Tarifkonflikt, es kam bereits zweimal zu Streiks, zugleich provozierte die Konzernleitung: Ein Infoblatt der Vertrauensleute meldete, die HHLA-Führung habe leitenden Angestellten – laut NDR vom vergangenen Dienstag rund 40 – je 1.500 Euro »Coronabonus« für 2020 gewährt, während die übrigen Tarifangestellten nur 240 Euro erhielten. Nach Ansicht der Vertrauensleute sei dies ein »enormer Verstoß gegen Anstand und Moral«.

Gestreikt haben Ende Januar und Anfang Februar die Beschäftigten zweier HHLA-Tochtergesellschaften. Schon vor längerer Zeit hat der Konzern den technischen Service an seinen Terminals Altenwerder und Burchardkai ausgelagert in zwei rechtlich selbständige GmbH. Seit Ende 2019 kämpfen die Beschäftigten der Service Center Altenwerder GmbH (SCA) und der Service Center Burchardkai GmbH (SCB) für einen Manteltarifvertrag, der ihre Arbeitsbedingungen an die Tarife der Konzernmutter HHLA angleichen soll. Laut Pressemitteilung von Verdi vom vergangenen Dienstag geht es um Anpassungen bei den Arbeitszeiten, um die Verringerung zusätzlicher Pflichtschichten sowie um Entlastung älterer Beschäftigter bei der Schichtarbeit. Vor allem sollen künftig Wochenenden von der Regelarbeitszeit ausgenommen werden, die Wochenendarbeit wäre dann nicht mehr verpflichtend – es gehe um planbare Freizeit, um mehr Zeit für die Familie, so Verdi.

Betroffen sind rund 360 Beschäftigte, die an den beiden Terminals für Wartung und Reparatur der riesigen Containerbrücken und weiterer Großgeräte zuständig sind. Nach Ablauf der Friedenspflicht im Dezember hat Ende Januar ein erster, eintägiger Streik stattgefunden. In anschließenden neuen Verhandlungen habe sich die HHLA aber nur »millimeterweise« bewegt, also rief Verdi vergangene Woche zu einer weiteren Arbeitsniederlegung auf, dieses Mal für knapp drei Tage. Dabei kam es laut Gewerkschaft wegen Sicherheitsbedenken auch »zu erheblichen Einbrüchen« im nicht bestreikten Umschlag, was den Druck erhöht haben dürfte. Die Konzernleitung sprach in einer Pressemitteilung prompt von unverhältnismäßigen und unverantwortlichen Forderungen der Gewerkschaft und sieht »die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens sowie des Hamburger Hafens insgesamt« gefährdet. Zugleich verwahrte sich die HHLA-Leitung gegen den Vorwurf, man habe versucht, Beschäftigte der bestreikten Betriebe unter Druck zu setzen, unterstellte Verdi aber ihrerseits ein »teilweise aggressives Auftreten« einzelner Funktionäre. Beachtenswert ist, dass in der Mitteilung namentlich auch Arbeitsdirektor Torben Seebold zitiert wurde – bis zu seiner Aufnahme in den HHLA-Vorstand im April 2019 Leiter der Verdi-Bundesfachgruppe Maritime Wirtschaft.

Es ist nicht bekannt, was die heutige Hamburger Verdi-Führung dabei empfindet, aber immerhin fand sie klare Worte zum aktuellen Konflikt: Die tariflichen Forderungen beliefen sich auf eine Maximalbelastung von weniger als 2.000 Euro pro Tag für die HHLA, rechnete Natale Fontana, Landesfachbereichsleiter Verkehr, vor. Selbst unter Coronabedingungen habe der Konzern 2020 ein positives Ergebnis von 107 Millionen Euro erwirtschaftet, die HHLA-Führung kaufe einen weiteren Terminal in Italien sowie eine auf Hafenautomatisierung spezialisierte Firma und verteile 1.500-Euro-Boni an ihre Führungsebene: »Die Behauptungen, dass die Forderungen für die HHLA zu teuer seien, entbehren jeder Grundlage.«

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