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Aus: Ausgabe vom 09.02.2021, Seite 7 / Ausland
Polen unter PiS

Die Niederlagenintrige

Polen: Indiskretionen über Stabsübung der Armee. Im Hintergrund Strategie- und Personalstreit
Von Reinhard Lauterbach, Pozan
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Polens Präsident Andrzej Duda zu Besuch bei der Truppe im Rahmen einer NATO-Operation (Gliwice, 25.5.2020)

Über Stabsübungen des Militärs erfährt man normalerweise nichts oder wenig. Das liegt erstens daran, dass sie im Prinzip geheim sind, und zweitens, dass sie im Büro stattfinden, ohne dass die Bevölkerung etwas davon bemerkt. Bei der Stabsübung Zima 2020 (Winter 2020) in Polen im Januar war das anders. Die offizielle Mitteilung von Staatspräsident Andrzej Duda vor Pressevertretern war ungewohnt lakonisch: Die Übung sei »eine gute Lektion« gewesen, sagte Duda, und sie erlaube, »bestimmte Korrekturen vorzunehmen«. Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak stand daneben und schwieg.

Nach wenigen Tagen wurde dann Ende Januar und Anfang Februar an verschiedene polnische Medien durchgestochen, was bei der Übung passiert war. Geprobt wurde die Abwehr eines russischen Angriffs auf Polen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Mit für das polnische Militär überaus peinlichem Ausgang. Nach vier Tagen, so stellte sich in der Simulation heraus, hätten russische Truppen an der Weichsel gestanden, nach fünf Tagen wäre Warschau eingekesselt gewesen – bevor die NATO hätte eingreifen können. Die östlich der Weichsel stationierten polnischen Truppen hätten Verluste von 60 bis 80 Prozent gehabt, der Bau von Ersatzbrücken über den Fluss sei nicht schnell genug gelungen, Städte wie Lublin und Bialystok seien praktisch ohne Gegenwehr in die Hände des »Gegners« gefallen. Dies, obwohl auf polnischer Seite der Einsatz von modernen US-Waffensystemen unterstellt gewesen sei, die erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts geliefert werden sollen.

Aber nicht das ist das Erstaunliche oder Meldenswerte. Stabsübungen sind in gewissem Sinne dazu da, verloren zu werden. Sie dienen dazu, eigene Schwächen aufzudecken. Und: Alles hängt dabei von der unterstellten Ausgangslage ab. In diesem Fall war es eine Konfrontation der polnischen Armee mit den Truppen des gesamten Westlichen Militärbezirks der russischen Streitkräfte. Ein in der Praxis unwahrscheinliches Geschehen.

Interessanter ist, warum diese Manöverergebnisse diesmal relativ schnell öffentlich bekannt wurden. Genaugenommen geschah das in zwei Wellen. Die erste betraf den Verlauf des simulierten Kampfgeschehens. Sie lässt sich lesen als eine vernichtende Kritik an der Militärpolitik der Regierungspartei PiS seit ihrem Machtantritt 2015. Deren strategische Konzeption sieht vor, möglichst viele kampffähige Verbände östlich der Weichsel zu stationieren, um einen unterstellten russischen Angriff grenznah zurückzuschlagen. Genau der Fehler von 1939, schrieben Kommentatoren: Damals wurde einer der kampfkräftigsten Großverbände, die »Armia Pomorze«, in der militärisch aussichtslosen Verteidigung des »polnischen Korridors« verschlissen und fehlte später bei der polnischen Gegenoffensive vor Warschau an der Bzura. Es fällt im übrigen auf, dass die USA diese Bewegung nach Osten nicht mitvollzogen haben. Ihre Garnisonen in Polen liegen mit einer militärisch unbedeutenden Ausnahme alle im Westteil des Landes, außer Reichweite der Iskander-Raketen und der taktischen Luftwaffe Russlands. Als Quelle dieses Teils der Indiskretionen kann man mit der aktuellen Politik unzufriedene hohe Militärs vermuten.

Zwei Tage später kam dann in einer zweiten Welle der informationelle Gegenangriff. Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak gab dem PiS-nahen Boulevardblatt Super Express ein längeres Interview, in dem er Generalstabschef Rajmund Andrzejczak persönlich für das Versagen bei der »Verteidigung Polens« verantwortlich machte. Übungskommandeur der angreifenden »Roten« war dagegen der nach Andrzejczak zweithöchste polnische Offizier, General Jaroslaw Mika, ein Anwärter auf Andrzejczaks Posten. Mika werden gute Beziehungen zu Blaszczak und der PiS nachgesagt, Andrzejczak steht dagegen im Ruf, der politischen Führung auch unbequeme Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Seine Amtszeit läuft im Juni aus. Dass sie verlängert wird, gilt jetzt als wenig wahrscheinlich. Stabsübungen sind normalerweise Formen institutioneller Selbstkritik des Militärs. Als Mittel der Personalpolitik wurden sie noch nicht eingesetzt.

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