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Aus: Ausgabe vom 09.02.2021, Seite 2 / Ausland
Geschichtspolitik in Polen

»Eine Offensive zur Verteidigung der Mythen«

Polen: Holocaustforscher vor Gericht. Regierungsnahe Organisation forciert Klagen gegen Historiker. Ein Gespräch mit Jan Grabowski
Interview: Reinhard Lauterbach
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SS-Soldat bewacht eine Gruppe jüdischer Zwangsarbeiter im Warschauer Ghetto (1943)

Gegen Sie läuft in Warschau ein Prozess. Für diesen Dienstag wird das Urteil erwartet. Worum geht es dabei?

Es geht um das 2018 erschienene Buch »Weiter ist Nacht«. Darin beschreiben wir Überlebensstrategien untergetauchter Juden im deutsch besetzten Polen. Eine ältere Dame hat gegen dieses Buch eine Zivilklage eingereicht, weil sie das Andenken an ihren Onkel darin beleidigt sieht. Meine Kollegin Barbara Engelking zitiert da eine Überlebende, Frau Estera Siemiatycka, mit der Aussage, der Ortsvorsteher von Malinowo, ein Mann namens Edward Malinowski, habe in den Jahren 1943 und 1944 22 Juden an die Deutschen ausgeliefert und sie damit der Ermordung preisgegeben.

Gleichzeitig habe er aber auch diese Estera Siemiatycka selbst gerettet, indem er ihr »arische Papiere« verschafft und sie als Zwangsarbeiterin nach Deutschland vermittelt habe. Das war eine seiner Kompetenzen als Ortsvorsteher, und es ist bekannt, dass für Juden, die sich versteckt hielten, die Überlebenschancen als Zwangsarbeiter in Deutschland wesentlich größer waren als in Polen selbst. Das heißt, sie war ihm einerseits persönlich dankbar, andererseits wusste sie von seinem Beitrag zur Ermordung von Juden. Das war im damaligen Polen überhaupt keine Seltenheit.

Eine alte Frau vom Land gegen zwei Professoren. Warum wird daraus jetzt ein Prozess?

2018 musste Polen unter internationalem Druck den Versuch abbrechen, öffentliche Beleidigungen der polnischen Nation unter Strafandrohung zu stellen. Jetzt ist eine von der Regierung finanzierte Organisation mit dem Namen »Reduta Dobrego Imienia« (Festung des guten Namens) in Erscheinung getreten. Sie hat die Fußnoten unseres Buches mit Gerichtsakten abgeglichen, und wo sie geglaubt hat, einen Anhaltspunkt zu haben, hat sie am Ort des damaligen Geschehens Angehörige der damals handelnden Personen gesucht und überredet, gegen uns zu klagen. Dass es Malinowo und diese Frau Leszczynska sind, ist nach meiner Überzeugung reiner Zufall.

Diese Reduta war vorher ein ziemlich marginaler nationalistischer Verein, der aber jetzt jede Menge staatliches Geld hat und dessen Chef, ein Herr Swirski, zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats der polnischen Nachrichtenagentur PAP ernannt worden ist. Diese Leute sind aus der marginalen Nische, wo sie hingehören, heraus- und im Mainstream angekommen. Dabei haben die von der Reduta keinerlei Ahnung von historischer Methodologie. Sie haben uns unterstellt, dass alles, was in einer Fußnote steht, eine Tatsachenbehauptung sei. Dabei stützt sich meine Kollegin Barbara Engelking zentral auf die sechsstündige Aussage von Estera Siemiatycka Mitte der 1990er Jahre vor der Shoah History Foundation in Israel. Die Reduta-Leute haben nicht gemerkt, dass es Estera Siemiatycka war, die in ihrer Aussage ihre Überzeugung geäußert hatte, der Ortsvorsteher sei schuldig. Statt dessen haben sie diese Aussage Barbara Engelking zugeschrieben und gegen sie geklagt.

Aber es ist doch da tatsächlich zu einer Verwechslung oder einem Flüchtigkeitsfehler gekommen: Frau Engelking hat eingeräumt, dass sie die Lebensläufe von zwei Personen mit gleichem Vor- und Nachnamen »zusammengefügt« hat.

Diesen Fehler hat zuallererst die deutsche Post gemacht, die im Jahre 1944 eine Postkarte der in Deutschland arbeitenden Estera Siemiatycka dem falschen dieser beiden Edward Malinowskis zugestellt hat. Sie hatte darin irgendwelche Tauschgeschäfte angeboten, und dieser »falsche« Edward Malinowski ist darauf auch eingegangen. Das heißt, diese absolut nebensächliche Verwechslung, auf der die Klage beruht, hat überhaupt keinen Zusammenhang mit dem Gegenstand der Klage, und wenn, dann spräche sie allenfalls für den Ortsvorsteher Malinowski, der mit der Siemiatycka Geschäfte gemacht und ihr damit das Überleben erleichtert hätte. Was er tatsächlich nicht getan hat. Und diese Episode hat für die Gesamtaussage des Aufsatzes und des Buches überhaupt keine Bedeutung.

Wenn wir sogar mal von dem ausgehen, was die Reduta herausgefunden haben will: Es gab in einem winzigen Dorf von heute 65 Einwohnern zwei Edward Malinowskis, der eine hat geholfen, der andere hat erpresst. Ist das ein realistisches Bild der Situation in Polen während der Okkupation?

Wir haben sogar in der Person dieses Ortsvorstehers eine Schizophrenie: Der einen Jüdin hat er geholfen, andere hat er verraten. Das hat es oft gegeben, dass die Leute die einen Juden geschützt haben und andere an die Deutschen ausgeliefert. Wir haben also eine Vielzahl verschiedener Verhaltensweisen, und nur die heute in Polen Regierenden glauben, alle Polen hätten damals Juden geholfen.

Wird da nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen?

Dahinter verbirgt sich die Offensive des polnischen Staats gegen die unabhängige Erforschung der Judenvernichtung. Das ist eine allgemeine Offensive zur Verteidigung der Mythen, in denen sich das polnische Nationalbewusstsein eingerichtet hat, und die die heute in Polen Regierenden zum guten Teil selbst geschaffen haben. Sie reagieren so hysterisch, weil sie die Wahrnehmung des Holocaust im Ausland nicht kontrollieren können.

Ich war 2016 als »Senior Fellow« beim United States Holocaust Museum tätig. Und da haben mich Leute aus dem amerikanischen Außenministerium als Fachmann eingeladen, damit ich ihnen erklärte, wie zum Teufel diese Regierenden in Polen tickten. Sie nahmen das als völlig irrsinnig wahr, und ich als Historiker sollte ihnen erklären, wie der polnische Nationalismus funktioniert, mit allen seinen Würdediskursen. Ich habe ihnen damals gesagt, sie sollten erst gar nicht versuchen, das logisch nachzuvollziehen. Denn die polnischen Nationalisten betrachten die Geschichte als eine Art religiöses Erleben. Sie glauben daran, völlig immun gegen eine beliebige Zahl historischer Beweise: Sie wissen ohnehin alles am besten. Und dieser mythologisierende Ansatz prallt auf eine wissenschaftliche Behandlung des Holocaust in Gestalt unseres Buches. Und leider ist diese Mythologie für die heutigen Machthaber in Polen ein ziemlich zentraler Punkt ihrer Politik. Sie sind bereit, Polens Ansehen im Ausland aufs Spiel zu setzen und das Land international lächerlich zu machen, um ihre Wählerschaft im Innern zu konsolidieren.

Ihr Problem ist, dass die Epoche der Judenvernichtung das einzige an der polnischen Geschichte ist, was irgendjemanden im Ausland interessiert. Oder interessiert sich in Deutschland jemand für die Union von Lublin (Verschmelzung des polnischen und des litauischen Reichsteils 1569, jW)? Es geht ihnen nicht um mich oder Barbara Engelking, es geht ihnen darum, die Diskussion im ganzen Land einzufrieren. Sie wollen ja jetzt auch völlig neue Begriffe in die polnische Rechtssprache einführen.

Es tauchen ganz neue Rechtsgüter in der Klage auf: ein »Recht auf Verehrung Verstorbener«. Da wird ein Begriff aus der individuellen Sphäre in den öffentlichen Diskurs eingeführt. Oder es wird ein »Recht auf nationalen Stolz und Identität« eingeklagt.

Da haben Sie recht, darauf hat mich erst unser Anwalt aufmerksam gemacht. Ich bin ja kein Jurist. Das »Recht auf die Verehrung Verstorbener« bezieht sich in der polnischen Rechtsprechung normalerweise darauf, dass keine Gräber verwüstet werden. Und der Begriff des »Rechts auf nationalen Stolz und Identität« kommt im polnischen Zivilrecht überhaupt nicht vor. Aber das polnische Zivilrecht ist offen für Präzedenzfälle. Das heißt, wenn die ersten zwei Urteile mit diesen Kategorien argumentieren, dann ist das eine »gefestigte Rechtsprechung«, und andere Juristen können sich darauf berufen, dass es nicht nur eine persönliche Ehre und Identität gibt, die man einklagen kann, sondern auch noch eine kollektive, die heute im Recht überhaupt nicht existiert. Wenn wir diesen Prozess verlieren sollten, dann kann die Staatsmacht jede unabhängige Erforschung sensibler Themen sozusagen einfrieren.

Ist Ihr Prozess eigentlich ein Einzelfall oder wissen Sie noch von ähnlichen Verfahren in Polen?

Unser Verfahren ist eine Art Testballon. Das bestreitet der Chef dieser Reduta überhaupt nicht. Und seit ein paar Tagen haben die polnischen Rechten ihr Vorgehen noch radikalisiert. Da wurde nämlich eine Kollegin von mir, die Chefredakteurin des Portals jewish.pl, Katarzyna Markusz, von der Polizei vernommen, und zwar schon im Rahmen eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens nach § 133, der »Beleidigung des Nationalstolzes der polnischen Nation«. Und dafür drohen bis zu drei Jahre Haft. Der 133, das ist ein Schandparagraph, der hier zum ersten Mal seit dem Verfahren gegen Jan Tomasz Gross (Polnisch-amerikanischer Historiker, jW) wieder herangezogen wird. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall war, dass Polizei und Staatsanwaltschaft ausgerechnet drei Tage vor unserer Urteilsverkündung gegen eine Journalistin vorgehen, mit der wir seit Jahren intensiv zusammenarbeiten, aber die nicht so bekannt ist wie Barbara Engelking und ich. Die Staatsmacht will in einem Aufwasch sowohl Wissenschaftlern als auch Journalisten das Maul stopfen. Schon jetzt hat mich ein Bekannter aus Deutschland angerufen und gesagt, dass er auf eine polnische Übersetzung seines Buches verzichtet, weil er sich den Ärger nicht antun will.

Was für ein Urteil erwarten Sie?

Ich habe die große Hoffnung, dass die Klage in vollem Umfang zurückgewiesen wird. Aber auch dann wird das nicht der letzte Versuch der anderen Seite gewesen sein. Barbara Engelking und ich mussten die Kinder von Estera Siemiatycka aus Australien und Israel einfliegen, damit sie die Darstellung ihrer inzwischen verstorbenen Mutter bestätigten. Das hat uns eine Riesenmühe und einen Haufen Nerven gekostet. Die haben alles Geld der Welt, und sie wollen unabhängige Intellektuelle und Forschungsinstitutionen kleinkriegen. Das ist die große Gefahr. Die Chance ist, dass es uns gelungen ist, eine enorme Unterstützung der internationalen Fachöffentlichkeit zu mobilisieren: aus Kanada, aus den USA, von der israelischen Akademie der Wissenschaften und so weiter. Ich hoffe nur, dass die große Solidarität der internationalen Fachöffentlichkeit, die wir erfahren, den nationalistischen Deppen klarmacht, dass sich für sie nicht lohnt, den Streit um die Behandlung des Holocaust in die nächste Runde gehen zu lassen. Aber sicher bin ich mir nicht. Das sind leider keine klugen Menschen.

Jan Grabowski ist Historiker und lehrt in Kanada an der Universität Ottawa

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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