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04.02.2021, 19:21:12 / Inland
Arbeiterkampf

»Unsere Wut ist groß«

Berlin: Protest gegen Standortschließungen und Kündigungen beim Getränkelieferanten Durstexpress – Gewerkschaft NGG will Betriebsräte durchsetzen
Von Oliver Rast
Wollen sich nicht einfach abwickeln lassen: Beschäftigte eines S
Wollen sich nicht einfach abwickeln lassen: Beschäftigte eines Sofortlieferdienstes mit signalfarbenem Dress (Berlin, 4.2.21)

René Rix ist in Rage. Seit zwei Jahren ist der drahtige Mittfünziger im Dauereinsatz. Rix ist Fahrer für den Getränkelieferdienst Durstexpress. Nun soll Schluss sein, ihm wurde gekündigt – mit Stichtag 28. Februar. »Die Bosse, die sich hinter uns in ihrem bonzenhaften Headquarter verschanzt haben, wollen uns einfach entsorgen«, empört er sich im jW-Gespräch.

Hinter ihm befindet sich die Berliner Zentrale von Durstexpress, einem Tochterunternehmen der Oetker-Gruppe. Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) der Region Berlin-Brandenburg rief Beschäftigte und Unterstützer am Donnerstag nachmittag zur Protestkundgebung in der Stralauer Allee in Friedrichshain auf. Schneegraupel, eisige Windböen, knapp 200 Versammlungsteilnehmern konnte das miese Wetter nichts anhaben.

Betroffen ist nicht nur Rix. Hunderte Durstexpresser stehen allein in der Hauptstadt vor dem Jobaus. Bundesweit wurden nach NGG-Informationen bislang mehr als 2.300 Kündigungen verschickt. »An mindestens drei Berliner Standorten erhielten bis zu 450 Beschäftigte entsprechende Schreiben«, sagte der regionale NGG-Geschäftsführer Sebastian Riesner gegenüber jW, während er Politprominenz aus dem Bundestag begrüßt und in seine Rednerliste einträgt. Gesine Lötzsch, Petra Pau (beide Linke) und Cansel Kiziltepe (SPD) etwa; alle demonstrierten mit den Betroffenen ihre Solidarität. Es ist schließlich Wahljahr. »Die Beschäftigten, die in der Coronakrise unzählige Extraschichten gefahren, Treppen mit Getränkekisten hoch und runter gerannt sind«, so Lötzsch gegenüber jW, »bekommen nun durch die Oetkerfamilie einen Tritt in den Hintern.« Dagegen sei öffentlicher Druck, auch Straßenprotest, nötig.

Der Hintergrund der Kürzungsoffensive ist folgender: Die Oetker-Gruppe hatte Ende 2020 den Aufkauf des früheren Startups Flaschenpost bekanntgegeben – und dabei tief in die Haushaltskasse gegriffen. Branchenkennern zufolge soll der Rat der Oetkerfamilie knapp eine Milliarde Euro für den Exkonkurrenten hingeblättert haben. Die Folge: Der Krisengewinner Oetker fusioniert beide Lieferdienste unter der Marke »Flaschenpost«. Auf der Strecke bleiben sollen Durstexpress-Standorte. Nicht nur in Berlin, auch in Leipzig und anderswo. Doppel- beziehungsweise Mehrfachpräsenzen wird es künftig nicht mehr geben, hatte Mitte vergangener Woche ein Firmensprecher gegenüber dieser Zeitung mitgeteilt – trotz coronabedingter Rekordumsätze für Sofortlieferservices. Dabei gibt sich der Konzern noch ganz jovial: Die Gefeuerten könnten sich bei Flaschenpost neu bewerben. »Ja, aber zu deutlich schlechteren Bedingungen«, weiß Rix. Konkret: »Mehr schuften für weniger Patte.«

Deshalb hält NGGler Riesner an der Kernforderung fest: »Wir wollen einen fairen Betriebsübergang zu den selben Konditionen, für alle, ohne Abstriche.« Einfach wird das nicht. Einige Kündigungsschutzklagen werden bereits vorbereitet. »Parallel initiieren wir Betriebsratswahlen an den Standorten, auch jetzt bei Flaschenpost.« Tim Löwenberg ist einer der Initiatoren. Er arbeitet in einem Charlottenburger Betrieb. »Wir wollen nicht mehr rechtlos sein, teils durch pure Unwissenheit«, betonte er gegenüber jW wenige Minuten vor seinem Bühnenauftritt bei der Protestkundgebung. Am kommenden Freitag sei es soweit, erzählt Löwenberg stolz, »dann wählen wir in einer Betriebsversammlung einen Wahlvorstand für einen Betriebsrat«. Das werde vor allem auch für zahlreiche migrantische Kollegen die Situation verbessern, hofft der Betriebsrat in spe.

Rix ist skeptisch. »Die Chefs des Ladens hier sind doch als Betriebsratshasser bekannt.« Er weiß, wovon er spricht – denn: »Drei Tage bevor wir in unserem Durstexpress-Lager in Tempelhof einen Wahlvorstand für den Betriebsrat bestimmen wollten, wurde uns der Schließungsbeschluss auf den Tisch geknallt«, erzählt Rix.

Dennoch, es bewegt sich was. »Gerade auch über Standortgrenzen hinweg«, sagte der NGG-Verantwortliche für die Region Leipzig-Halle-Dessau, Jörg Most, gegenüber jW. Most war extra aus der Messestadt nach Berlin geeilt. In Leipzig hatten am vergangenen Donnerstag Durstexpresser gegen das Plattmachen ihres Lagers protestiert.

Der Berliner Rix holt noch einmal tief Luft. Eines will er dem Pressemenschen noch auf den Weg geben. Klar, einige seiner Kollegen seien enttäuscht, hätten sich zurückgezogen, räumt er ein. Das Kämpferherz will sich aber nicht unterkriegen lassen. »Unsere Wut ist groß.« Der Protest geht weiter.

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