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Aus: Ausgabe vom 08.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Systemübergreifend stabil

»Marslandschaften«: Phantastische Erzählungen von Angela und Karlheinz Steinmüller
Von Gerd Bedszent
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Könnte etwas gemütlicher sein: Marslandschaft

Werke der Literaturgattung Science-Fiction (SF) haben die unangenehme Eigenschaft, oft nach ein paar Jahrzehnten von der Realität eingeholt worden zu sein. Im Regelfall ruft die Lektüre dann nur noch ein Schmunzeln hervor – so weit liegen die Prognosen daneben. Es gibt allerdings Werke, die in verschlüsselter Form Kritik an gesellschaftlichen (Fehl-)Entwicklungen ihrer Gegenwart üben, indem sie diese in eine imaginäre Zukunft verlegen. Solche Texte sind bisweilen so lange aktuell, wie die kritisierten Fehlentwicklungen anhalten.

Angela und Karlheinz Steinmüller gehörten in der DDR zu den erfolgreichsten SF-Autoren, ihr im Jahr 1982 erschienener Roman »Andymon« hatte Kultstatus. Seit einigen Jahren ist der Memoranda-Verlag dabei, eine Gesamtausgabe ihrer zahlreichen Erzählungen und Romane herauszugeben. Der kürzlich erschienene zehnte Band »Marslandschaften« enthält 17 kürzere Erzählungen und ein Hörspiel des Autorenpaares. Die meisten Texte wurden bereits in der DDR publiziert, einige liegen zum ersten Mal in gedruckter Form vor – erstaunlich aktuell sind sie fast alle.

Manche der Merkwürdigkeiten der DDR, mit denen sich die Steinmüllers, aber auch andere Autoren auseinandersetzten, um sie kaum verhohlen zu verspotten, haben sich inzwischen als systemübergreifend stabil erwiesen. Die bitterböse Parabel »Krieg im All« (1980) klingt keineswegs gestrig. Die in der Erzählung »Fernschach« (1986) geschilderte, in sich abgeschottete Ökoidylle erinnert an so manche Region unserer Gegenwart. Der stumpfsinnige Alltag des Antihelden in der SF-Groteske »Immer schön abtauen« (1976) hat so einiges mit unserem Alltag zu tun.

Auch die im Erzählband enthaltenen Texte neueren Datums sind lesenswert. »Bücher müssen brennen« lässt zunächst eine Adaption von Ray Bradburys Roman »Fahrenheit 451« aus dem Jahre 1953 vermuten. Um eine dunkle Dystopie handelt es sich bei dieser Zeitreisegeschichte zwar ebenfalls, die Autoren sind allerdings auf der Höhe unserer Zeit, was die Vernichtung von Wissen anbelangt. Mehr wird nicht verraten. »Jaschtschik P-302 oder das unzerstörbare Herz« erinnert anfangs an einen drittklassigen Agententhriller, entfaltet dann aber einiges an Entwicklungspotential und überrascht mit einem traurig-komischen Ende.

Dass die Steinmüllers mit der Gesellschaft nach 1989 nicht so richtig glücklich geworden sind, wird im relativ frischen Text »Auf schwankendem Boden« deutlich. Bereits die Lektüre dieser Erzählung vom Untergang der atlantischen Gesellschaft lohnt den Erwerb des Bandes.

Angela und Karlheinz Steinmüller: Marslandschaften. Phantastische Erzählungen. Memoranda-Verlag, Berlin 2020, 286 Seiten, 18 Euro

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