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Aus: Ausgabe vom 05.02.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitsverhältnisse

Ausgebeutet und überlastet

Verdi-Studie zu Dienstleistungsberufen: Überstunden und Belastung durch »agiles Arbeiten«
Von Bernd Müller
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Besonders in der Gesundheitsbranche steigt die Belastung

Nicht immer Druck vom Chef bekommen, sondern selbstbestimmt arbeiten: Das ist der Traum von vielen. Unter der Bezeichnung »agile Arbeit« hat der Trend zur Selbstorganisation der Arbeit in zahlreichen Bereichen Einzug gehalten. Doch die Hoffnung auf »gute Arbeit«, in deren Mittelpunkt qualitätvolle Produkte, Dienstleistungen und Ergebnisse stehen, zerbricht an der Realität einer kapitalistischen Wirtschaft.

Am Mittwoch hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi eine Studie vorgestellt, die sich damit beschäftigt, wie sich der Traum von einer selbstbestimmten Arbeit gegen die Beschäftigten richtet. Sie wurde auf der Grundlage des DGB-Indexes »Gute Arbeit 2019«, einer repräsentativen Beschäftigungsbefragung, erstellt.

Der Grundgedanke des Konzepts der »agilen Arbeit« war, sagte Sabine Pfeiffer, Professorin für Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, in einem Interview mit den Studienautoren, die Beschäftigten von Druck und Stress zu befreien, damit sie langfristig produktiv blieben. Doch in der Realität werde das Konzept mehr als »Methode zur Beschleunigung von Prozessen gesehen«.

Es geht dabei unter anderem darum, wie Leistung bemessen wird. Aufwand, Kompetenzen und Zeit treten immer mehr in den Hintergrund – statt dessen zählt zunehmend nur noch das Ergebnis. Den Beschäftigten wird dabei oft die Entscheidung über personelle und zeitliche Ressourcen überlassen.

»Viele Beschäftigte erleben seit Jahren eine Arbeitsverdichtung, die zu Arbeitsstress und Arbeitshetze führt«, erklärte Astrid Schmidt, Referentin für Innovation und gute Arbeit bei Verdi, auf jW-Nachfrage. Dahinter stünden oft »überambitionierte Leistungs- und Profiterwartungen sowie entsprechende Sparmaßnahmen, insbesondere am Personal«. Was als Ergebnis erwartet werde, orientiere sich oft nicht am realistisch Machbaren, sondern an Renditeerwartungen. Wenn dann beispielsweise Arbeitsmenge und eingeplante Arbeitszeit in einem Missverhältnis stünden, werde dies von den Beschäftigten individuell kompensiert – auf Kosten der Gesundheit und der Vereinbarkeit mit dem Privatleben.

Die Studienautoren zeigen das für sechs verschiedene Dienstleistungsbereiche auf; einer davon ist der Pflegesektor. 57 Prozent der Befragten gaben an, dass die Arbeitsmenge durch gemeinsame Vereinbarungen im Team bestimmt werde. Den Rahmen dafür gibt die Einrichtungsleitung vor, unter anderem die Zahl der Betten und auch das verfügbare Personal. Trotz Teamabsprachen gab fast jeder zweite Befragte an, mit einer Arbeitsmenge konfrontiert zu sein, die in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen sei. Die Folge sind Mehrarbeit und Überstunden, die nun nicht einmal mehr vom Chef angeordnet werden müssen, sondern bereitwillig aus freien Stücken geleistet werden.

Eine Altenpflegerin berichtet in der Studie: Die Arbeit sei schon unter normalen Bedingungen kaum zu schaffen. Es belaste die Psyche, die Menschen nicht so versorgen zu können, wie es richtig wäre. Noch schlimmer werde es aber, wenn ein Kollege ausfalle; dann müsse ein anderer in seiner Freizeit angerufen werden. In der Regel mache das nicht die Leitung, sondern jemand vom Team. »Das erzeugt einen enormen moralischen Druck.« Hinzu komme das Gefühl, die pflegebedürftigen Menschen nicht im Stich lassen zu können. »Die Kollegialität und die soziale Einstellung der Pflegekräfte werden von vielen Arbeitgebern gnadenlos ausgenutzt«, erklärt die Altenpflegerin weiter.

In den Krankenhäusern sieht es ähnlich aus. Das System der Fallpauschalen führt dazu, dass immer mehr Patienten in immer kürzerer Zeit durch die Kliniken geschleust werden müssen – mit weniger Personal. Wie das geschafft werden soll, werde den Teams selbst überlassen, so eine Krankenpflegerin der Charité in Berlin. »Es wird gesagt: Ihr habt soundso viele Vollkräfte, damit müsst ihr klarkommen«, sagte sie gemäß der Studie. Das führe letztlich zu Überstunden oder dazu, dass der Dienst angetreten wird, obwohl man frei hat; die Pausen würden durchgearbeitet, und oft könne man nicht einmal auf die Toilette gehen.

Diese permanente Unsicherheit belaste viele.

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