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Aus: Ausgabe vom 04.02.2021, Seite 16 / Sport
Turnen

Die Fragen der Basis

Olympiastützpunkt Sachsen: Im Streit um die Turntrainerin Frehse geht es um weit mehr als eine »Einzelfallprüfung«
Von Andreas Müller
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Untragbar? Die Turntrainerin Gabriele Frehse

Sensible Themen gehören sensibel behandelt. Was profan klingt, scheint in der Wirklichkeit ein schier übermenschlicher Kraftakt – erst recht, wenn Aussagen von mehr als einem Dutzend Turnerinnen im Raum stehen, sie seien von ihrer früheren Trainerin körperlich wie psychisch auf unerträgliche Weise malträtiert und gegen Schmerzen verbotenerweise medikamentiert worden. So geschehen am Olympiastützpunkt (OSP) Sachsen, es geht um die Trainerin Gabriele Frehse.

Umgehend beauftragte der Deutsche Turnerbund (DTB) eine Main-Frankfurter Rechtsanwaltskanzlei oder genauer: die Ombudsstelle des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sie solle dem Wahrheitsgehalt dieser schweren Vorwürfe nachgehen. Nach allgemeiner Ombud-Definition hieße das: Untersucht wurde von Seiten einer oder mehrerer Personen eines unparteiischen Schiedsrichtergremiums. Was sich nach gewissenhafter Rundumbeleuchtung anhört, scheint sich in der Praxis etwas anders dargestellt zu haben. Es soll lediglich geprüft worden sein, ob die im Spiegel am 27. November erhobenen Anschuldigen verlässlich und glaubwürdig sind.

Nach dieser Lesart hatte die Kanzlei ihrem Auftraggeber gar nichts anderes mitteilen können, als dass die Trainerin untragbar und zu kündigen ist. Wie Donner dem Blitz folgten nach dem »Schnellgericht« Lobesgesänge etwa von Dagmar Freitag, der Vorsitzenden des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, der Sport habe professionell und nachgerade vorbildlich reagiert. Wer das gerechte Ergebnis nicht anerkenne, sei auf dem falschen Platz. Starker Tobak zum Beispiel für rührige Ehrenamtler, die weniger von oben herunterblicken, sondern mittendrin stehen im sensiblen Geschehen und anscheinend Courage sowie ein dickes Fell brauchen, um für ihre Sicht auf die Dinge Gehör zu finden.

Die zwei Dutzend Mädchen und jungen Frauen, die gegenwärtig in Chemnitz als Kaderathletinnen trainieren, ihre Eltern und die Spitze des Vereins, der vor Ort sogar als Träger des Bundesstützpunktes figuriert, wollen den »Schiedsrichterspruch« und seine Konsequenzen nicht akzeptieren. Sie stellen sich demonstrativ hinter die Trainerin. Ein Affront für die Sportpolitik, der noch größer geworden ist, nachdem der OSP Sachsen klarstellte, dass Gabriele Frehse vorläufig nicht gekündigt wird. Sind auch diese Leute völlig fehl am Platze? Oder sind sie schlicht nur tiefer im komplizierten Thema als Spitzensportpolitiker im fernen Berlin?

Entsprechend ihrer Detailkenntnis haben die Leute vor Ort Fragen und Argumente, wie sie bisher nicht zur Sprache kamen. Oder nicht kommen durften, wie etwa Vorgänge bei der wichtigsten Tageszeitung in und um Chemnitz nahelegen. Der Text einer mit der Materie seit Jahren vertrauten Redakteurin landete im Papierkorb, weil er nicht in die gewünschte Kerbe hieb. Mancher in der Szene fragt, weshalb Pauline Schäfer, die prominenteste der im Spiegel zu Wort gekommenen früheren Frehse-Schützlinge, ihr turnendes Schwesterchen nach Chemnitz holte, just in diese »Turnhalle des Schreckens«? Gefragt wird auch, bislang nur hinter vorgehaltener Hand, weshalb die Schwebebalkenweltmeistern von 2017 ausgerechnet jetzt die Öffentlichkeit sucht, nachdem die Saarländerin seit 2012 – zumindest medial – in ihrer Chemnitzer Wahlheimat nichts zu klagen hatte und selbst dann nichts verlauten ließ, als sie 2018 zu Bundestrainerin Ulla Koch wechselte. Besonders Feinnervige bringen die jetzt erhobenen Vorwürfe gegen Trainerin Frehse mit augenblicklich dramatischen Folgen für ihre Chemnitzer Tokio-Kandidatinnen sogar mit einem subtilen Ränkespiel im Kampf um die Olympiatickets in Verbindung.

Wie schwer derlei Verästelungen in der Gesamtbetrachtung wiegen, darüber wird vor allem der um weitere Aufklärung bemühte OSP zu befinden haben. Wenn Kündigung, dann juristisch wasserdicht und ohne gerichtliches Nachspiel, so lautet das verständliche wie vernehmliche Credo. Der OSP muss den Sachverhalt zwangsläufig auch arbeitsrechtlich betrachten, während die turnerische, pädagogische und inhaltliche Fachaufsicht beim Verband liegt, der Gabriele Frehse umgehend ein Hallenverbot aussprach. So wird plötzlich eine zweigeteilte, »doppelte Hoheit« übers spitzensportliche Personal an den bundesdeutschen Olympiastützpunkten sichtbar. Veraltete Konstruktionen, die aufmerksame Leute wie Norbert Skowronek, der frühere Direktor des Landessportbundes Berlin, schon vor 25 Jahren kritisierten und beseitigen wollten.

Seitdem modern seine Verbesserungsvorschläge in der Schublade dahin. Erstaunlich, wie vielschichtige Themen mit dem »Komplex Chemnitz« so ganz nebenbei zutage gefördert werden könnten – falls man sie denn sehen will. Hinter der Betrachtung und Bewertung einer einzelnen Trainerin und ihres Verhaltens im Umgang mit ihren Schützlingen verbirgt sich weit mehr. Diese »Einzelfallprüfung« strahlt hinaus ins gesamte Bundesgebiet. Sie berührt auch, wie moderner und humaner Leistungssport hierzulande grundsätzlich auszusehen hat und durchzusetzen ist. Chemnitz könnte schließlich überall sein.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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