Gegründet 1947 Montag, 8. März 2021, Nr. 56
Die junge Welt wird von 2466 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.02.2021, Seite 8 / Inland
Obdachlosigkeit

»Sie erleben verschiedene Formen von Gewalt«

Berlin: Mahnwache gegen Obdachlosigkeit. Zig Wohnungen der Stadt stehen leer. Ein Gespräch mit Nicole Lindner
Interview: Gitta Düperthal
DSC_1272 Kopie.jpg
»Wohnraum für alle«: Ein Obdachloser protestiert vor dem Roten Rathaus in Berlin

Auch in diesem Winter gab es schon mehrere Kältetote in der BRD. In der Nacht von Freitag zu Sonnabend haben Sie deshalb die dritte Mahnwache vor dem Roten Rathaus in Berlin durchgeführt. Wie lief die ab?

Als wir am vergangenen Freitag abend vor dem Roten Rathaus Essen austeilten, kamen etwa 220 Leute. Es ist erschreckend, dass viele Menschen auf das soziale Engagement anderer angewiesen sind und ohne dieses aufgeschmissen wären. Wohnungslose gehören zu den sozialen Gruppen, die geschützt werden müssen. Wenn gesagt wird »bleib zu Hause«, erfordert dies, dass man überhaupt ein solches hat. Sie sind auf der Straße jeglicher Witterung ausgesetzt, werden häufig krank, viele sterben früh. Es gibt verschiedene Formen von Gewalt gegen sie. Wir haben der Kältetoten und der Opfer unter anderem mit einer Schweigeminute gedacht – auch derer, die aufgrund von Zwangsräumung Suizid begangen haben. Einige wurden auf der Straße misshandelt oder erschlagen. Im Oktober 2020 wurde ein Obdachloser angezündet. Und Frauen, die in ihrer Not bei Männern unterkommen, erlebten sexualisierte Gewalt.

War es möglich, bei der Mahnwache Coronaregeln einzuhalten? Hatten die Wohnungslosen Mund-Nasen-Schutz zur Verfügung?

Die politisch engagierten Obdachlosen handeln meist sehr bewusst, nehmen gegenseitig Rücksicht. Sie bekommen Masken von den sozialen Trägern.

Vor dem Rathaus haben Sie eine Feuertonne aufgestellt und dort übernachtet. Haben Sie sich Reaktionen von Politikern erhofft?

Einerseits wäre es gut gewesen, wenn sie eine kalte Nacht draußen verbracht hätten, um ansatzweise zu spüren, was sie den Menschen antun, wenn sie deren Lage ignorieren. Andererseits hätten wir nicht gewollt, dass sie sich mit vermeintlichem Engagement auch noch schmücken. Nur ein Referent der Linke-Bundestagsabgeordneten Caren Lay war da, der uns bereits in der Vergangenheit unterstützt hat. Aktivistinnen und Aktivisten vom Bündnis »Mietenwahnsinn« oder vom Bündnis »Deutsche Wohnen & Co enteignen« hatten sich in einen Schichtplan eingetragen. Obdachlose wollten ihre Forderungen publik machen, etwa eine 17jährige, die schon drei Jahre auf der Straße lebt, und ein älterer Wohnungsloser.

Weshalb haben ausgerechnet Sie die Mahnwache angemeldet?

Vor der ersten Mahnwache 2019 hatte mich eine Obdachlose angesprochen, ob ich die Versammlung anmelden könnte. Selber können sie es nicht, weil sie juristisch nicht haftbar gemacht werden können. Was zeigt, wie notwendig es ist, eine Wohnung zu haben, um ein würdiges Leben zu führen zu können. Aber wir arbeiten mit Obdachlosen- und Stadtteilinitiativen wie »Bizim Kiez«, »Leerstand Hab ich saath«, »Stadt von unten«, dem Armutsnetzwerk und dem Wohnungslosenparlament zusammen.

Sind Sie von der »rot-rot-grünen« Berliner Regierung enttäuscht?

Logisch – wir hatten mehr erwartet. Vor einem Jahr fand eine Zählung der Obdachlosen seitens der Senatsverwaltung statt. 1.976 wurden gezählt. Die Zahl muss wesentlich höher sein, denn viele verstecken sich in Gärten, Höfen, auf Dachböden und sonstwo. Eher müsste Leerstand gezählt werden. Tausende stadt- und landeseigene Wohnungen stehen leer. Zumindest hätte man Wohnwagen aufstellen können. Zwangsräumungen müssen sofort gestoppt werden. Sie haben die Häuser geräumt, wo Obdachlose unterkommen konnten: ob das alternative Wohnprojekt Liebigstraße 14 in Friedrichshain oder die Habersaathstraße, die im Oktober von Wohnungslosen besetzt wurde. Allein dort stehen mehr als 80 Wohnungen leer. Das ist eine Frechheit gegenüber den Menschen, die auf der Straße übernachten müssen, gerade unter Bedingungen von Covid-19. Es gibt das Zweckentfremdungsverbot von Wohnraum. Im Dezember hatten die Bezirksverordneten hierfür die Beschlagnahmung beschlossen. Im Anschluss ist der Senat eingeknickt. Er setzt nichts um.

Nicole Lindner ist Aktivistin des Bündnisses »Gemeinsam gegen Obdachlosigkeit«

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland

Wir brauchen Dich, Genossin, Genosse! Werde Mitglied in unserer Genossenschaft: www.jungewelt.de/genossenschaft