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Aus: Ausgabe vom 03.02.2021, Seite 16 / Sport
Tennis

Einmal reinwaschen, bitte

»A People’s History of Tennis«: Der englische Journalist David Berry hält Tennis für progressiver als es ist
Von Gabriel Kuhn
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Prominente Ausnahme: Statue des Tennisspielers Fred Perry in Wimbledon

Im sommerlichen Australien kommt langsam die Tennissaison in Gang. Vorige Woche Show-Events, diese Woche der völlig unnötige ATP-Cup, ab nächster Woche die Australian Open, das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres. Ein aufwendiges Event angesichts der strengen Quarantäneregeln Australiens, die eine Reihe der angereisten Profis für zwei Wochen in ihre Hotelzimmer zwangen. Die Kosten sollen sich dem australischen Tennisverband zufolge auf 33 Millionen Euro belaufen. Jeden Cent wert, wenn es nach Turnierchef Craig Tiley geht. Schließlich könnte man das Turnier sonst verlieren: »Wenn wir ein Jahr versäumen, kommen Shanghai oder Singapur, investieren mehrere Millionen Dollar in eine Anlage, bieten mehrere Millionen Dollar an Preisgeld, und plötzlich gehen die Spieler dorthin.«

Für viele linke Sportfans ist das noch nicht einmal das Schlimmste. Ihnen ist Tennis allgemein ein Dorn im Auge. Ein Spiel der höheren Gesellschaftsschichten, von dem die Arbeiterklasse seit jeher ausgeschlossen sei.

Nun ist der englische Journalist ­David Berry angetreten, um den Tennissport politisch reinzuwaschen. Berry stammt aus einer Arbeiterfamilie, liebt Tennis und hat eine »People’s History of Tennis« geschrieben – bisher nur in englischer Sprache erschienen und herausgegeben vom renommierten linken Verlag Pluto Press. Berry will deutlich machen, dass Tennis »ein progressiverer Sport ist, als es sein öffentliches Image vermuten lässt«, ja gar ein »radikaler Sport«, eine »Kraft gesellschaftlicher Veränderung«.

Der Autor gräbt interessante Kapitel der Tennisgeschichte aus. An erster Stelle das »Workers’ Wimbledon«, das von 1932 bis 1951 in ­Reading gespielt wurde, zur Blütezeit des historischen Arbeitersports. Berry berichtet auch über die Tennisturniere bei den Arbeiterolympiaden. Wichtig sind seine Verweise auf kostenlose, öffentlich zugängliche Tennisplätze, wie sie vor allem in den englischsprachigen Ländern üblich sind – große Karrieren begannen dort, etwa jene der Schwestern Venus und Serena Williams.

Allerdings scheinen viele der »Belege«, die in dem Buch für die Radikalität des Tennissports angeführt werden, an den Haaren herbeigezogen. Dass die Hierarchien in Tennisvereinen auf sportlicher Leistung und nicht auf sozialem Status beruhen, mag stimmen, sagt aber nichts darüber aus, wer überhaupt Zugang hat. Dass man enge Freundschaften formen kann, stimmt sicher, gilt aber für jeden Verein. Besonders radikal ist daran ebensowenig wie an Prinzipien des Fairplays oder an Angelique Kerber als UNICEF-Botschafterin.

Berry betont in mehreren Kapiteln die Offenheit des Tennis. Frauen hätten viel früher eine bedeutende Rolle gespielt als in anderen Sportarten, ebenso Schwule und Lesben. Rassistische Barrieren seien mittlerweile überwunden. Aber erstens gibt es hier nichts zu beschönigen. Frauen und gesellschaftliche Minderheiten mussten sich ihren Platz in der Tenniswelt hart erkämpfen. Und über Klassenverhältnisse sagt all das so gut wie gar nichts aus.

Letztlich gesteht Berry das selbst, wenn er die Voraussetzungen dafür beschreibt, als Tennisspieler Karriere zu machen: »Du musst anfangen, bevor du fünf Jahre alt bist, und Eltern haben, die wissen, wie man Hunderttausende Pfund auftreibt, um dich konkurrenzfähig zu machen – ohne Garantie, dass du je etwas mit dem Tennisspielen verdienen wirst.« Prominente Tennisspieler aus der Arbeiterklasse wie der achtfache Grand-Slam-Sieger Fred Perry bleiben damit die Ausnahme, die die Regel bestätigen. Im Breitensport sieht es nicht viel anders aus. Der Autor des Buches mag heute in einem Londoner Tennisklub spielen, in dem er die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt repräsentiert sieht. In den meisten Tennisklubs, egal wo, ist dem nicht so.

»A People’s History of Tennis« hat seine Momente, doch seine großen Versprechen hält es nicht. Es gibt keinen Grund, warum Tennis Menschen aus der Arbeiterklasse nicht genausoviel Spaß machen soll, wie Menschen aus den Klassen, die den Sport seit langem kontrollieren. Hätte David Berry sich auf die Frage konzentriert, wie die Klassenherrschaft im Tennis zu überwinden ist, wäre ein besseres Buch herausgekommen.

David Berry: A People’s History of Tennis. Pluto Press, London 2020, 248 Seiten, 17,99 Euro

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