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Aus: Ausgabe vom 03.02.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Sozialabbau

Die Vergessenen der Pandemie

Studie: Armut und Wohnungsnot in Frankreich durch Coronakrise verschärft. Regierung ohne Plan
Von Raphaël Schmeller
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Schlange stehen: Immer mehr Menschen sind – wie hier in Paris – auf Essensausgaben angewiesen

Die Not ist groß: Durch Corona hat sich die Wohnungskrise in Frankreich noch einmal dramatisch verschärft. Vor allem arme Menschen sind davon betroffen. Die Zahl der Neubauten im niedrigen Preissegment ist historisch niedrig, und die Aussichten auf Besserung sind nicht gerade gut, heißt es in einer Studie der Abbé-Pierre-Stiftung, die am Dienstag vorgestellt wurde.

Laut Untersuchung hat sich seit März 2020 die ökonomische Lage von rund einem Drittel der Franzosen deutlich zugespitzt, 14 Prozent hatten Schwierigkeiten, ihre Miete zu zahlen, und 29 Prozent befürchten eine Verschlechterung ihrer Wohnsituation in diesem Jahr. Bei jungen Menschen sind diese Zahlen noch gravierender: 20 Prozent können ihre Miete kaum mehr überweisen, und knapp ein Viertel von ihnen musste im vergangenen Jahr zur Tafel gehen, um nicht zu verhungern.

Diese Verarmung führt dazu, dass die Plätze im sozialen Wohnungsbau immer knapper werden, so die Abbé-Pierre-Stiftung. Denn normalerweise seien dort 85 Prozent der Einzüge darauf zurückzuführen, dass andere Personen in eine nicht geförderte Wohnung ausziehen – und das sei 2020 nur selten der Fall gewesen. Es entstehe also eine Art »Stau in der Wohnmobilität«, erklären die Autoren. So bekamen im vergangenen Jahr 20 Prozent weniger Menschen ein Heim im sozialen Wohnungsbau zugeteilt als noch 2019 – das sind rund 100.000 abgewiesene Anträge. Hinzu kommt, dass der Neubau, der schon vor Corona in allen Sektoren stockte, in die Krise gestürzt ist. Im zweiten Quartal 2020 ist er im Vergleich zum Vorquartal um 19 Prozent zurückgegangen. Die Studie rechnet deshalb mit lediglich 95.000 neu fertiggestellten staatlich geförderten Wohnungen für 2020 – weit unter dem schon zu niedrigen Niveau der vergangenen Jahre, das bei 105.000 bis 125.000 pro Jahr lag.

Für Menschen ohne Dach über dem Kopf sind die Zeiten besonders hart, heißt es in dem Bericht weiter. Die ohnehin schon überbelegten Notunterkünfte seien mit der aktuellen Situation überfordert, das Infektionsrisiko dort besonders hoch. Im vergangenen November hatte die Stiftung bereits in einer Studie darauf hingewiesen, dass in Frankreich heute mehr als 300.000 Menschen wohnungslos sind. Die Zahl habe sich damit seit 2012 verdoppelt und seit 2001 sogar verdreifacht.

Präsident Emmanuel Macrons milliardenschweren Konjunkturplan hält die Abbé-Pierre-Stiftung, die sich seit 1992 mit den Themen Obdachlosigkeit und Wohnungsnot beschäftigt, für völlig misslungen. Die Regierung sei »sehr vorsichtig, wenn es um die geht, die weniger gut dran sind«, würde aber wieder »ihren ganzen Mut finden, um den Reichsten der Bevölkerung unter die Arme zu greifen«. Für die Verlierer der Krise seien die Hilfen viel zu niedrig gewesen und zudem zu spät ausgezahlt worden. »Die komplette Haushaltspolitik der Regierung muss reorientiert werden«, verlangen die Studienautoren. »Die Geschenke an die Reichen und die Kürzungen in der Grundsicherung müssen rückgängig gemacht werden.« Außerdem sei die Wohnungsfrage im Konjunkturpaket komplett vergessen worden. Schlimmer noch: Wie es aussehe, könnte die »Finan­zialisierung des Wohnungssektors, die sich seit der Krise von 2007/2008 stark verbreitet hat, nach der Coronakrise noch stärker werden«.

Das Fazit der Abbé-Pierre-Stiftung ist eindeutig: Die mit der Pandemie verbundene Krise ist eine Armutskrise. Und je mehr die Prekarisierung zunehme, desto isolierter würden Menschen leben. In dieser Hinsicht sei der Lockdown vor allem in Armutssiedlungen in den Vorstädten problematisch. »Die Armen werden im Stich gelassen«, wird in der Studie resümiert. Im Jahr 2018 zählte die nationale Statistikbehörde 9,3 Millionen arme Menschen. Die Armutsschwelle wurde dabei bei einem Einkommen von 1.063 Euro pro Monat angesetzt. Seit März 2020 sind rund 800.000 Personen zusätzlich unter diesen Wert gerutscht – derzeit sind also mehr als zehn Millionen Menschen in Frankreich arm.

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