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Aus: Ausgabe vom 03.02.2021, Seite 8 / Sport
Schikanevorwürfe im Turnen

»Endlich eine andere Sicht auf die Dinge«

Nach Schikanevorwürfen: Eltern gegen Entlassung von Turntrainerin am Bundesstützpunkt Chemnitz. Gespräch mit Frank Munzer
Interview: Andreas Müller
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Turnerinnen der 2. Bundesliga in Mannheim (11.10.2020)

Auf Empfehlung des Deutschen Turnerbundes, DTB, soll Trainerin Gabriele Frehse und Trainer Gerrit Beltman wegen »schwerer Pflichtverletzungen« gekündigt werden. Zuvor hatten mehrere Turnerinnen, darunter Exweltmeisterin Pauline Schäfer, und zwei ehemalige Trainerinnen ihnen vorgeworfen, sie am Chemnitzer Bundesstützpunkt jahrelang schikaniert zu haben. Ihnen seien unerlaubterweise starke Schmerzmittel verabreicht worden, und sie hätten an Essstörungen gelitten. Warum halten Sie das für überzogen?

Wer diese Schlagzeile liest, wird auf den ersten Blick sicherlich denken, wie schlimm, was da passiert ist, und arbeitsrechtliche Konsequenzen für angemessen halten. Ich möchte diesen Sportlerinnen auch gar nicht von vornherein absprechen, dass sie im Training damals vielleicht mitunter solche Wahrnehmungen hatten. Allerdings sind diese Anschuldigungen so schwerwiegend, dass sie meines Erachtens auf ihren tatsächlichen Gehalt geprüft werden müssen. Bei der vom DTB in Auftrag gegebenen Studie habe ich daran meine Zweifel. Es wurden sehr einseitig ausschließlich die Sportlerinnen von damals gehört. Das ist ein Ansatz der Aufklärung, den ich nicht akzeptieren kann. Deshalb bin ich mächtig stolz auf die Aktion der Eltern unserer 24 Kaderturnerinnen. Mit dem offenen Brief wurde endlich eine andere Sicht auf die Dinge möglich, und das ist ein Riesenerfolg.

Inwiefern hat das Statement der Eltern vom vergangenen Mittwoch, in dem diese sich für eine Weiterbeschäftigung von Trainerin Frehse einsetzen und sie als »zuverlässige und integre Person« bezeichnen, etwas verändert?

Der offene Brief zeigt: Die Kinder und Jugendlichen wollen sie als Trainerin, nur die öffentliche Meinung nicht. Meine Enkelin zum Beispiel ist Jahrgang 2000 und hat mit drei Jahren unter der Obhut von Frau Frehse mit dem Turnen begonnen. Glaubt wirklich jemand, ich würde meine eigene Enkelin jemandem anvertrauen, der seine Sportler schikaniert und quält? Außerdem muss man die Fälle Frehse und Beltman differenziert betrachten.

Wie meinen Sie das?

Herr Beltman ist bei unserem Verein angestellt und Frau Frehse beim Olympiastützpunkt in Chemnitz. Was den Bundesstützpunkt Turnen in Chemnitz betrifft, sind wir als Verein übrigens dessen Träger. Wir wenden dafür jedes Jahr erhebliche Mittel auf. Genauer gesagt, ist es jährlich eine höhere fünfstellige Summe, die dem Bundesstützpunkt vom Verein zugute kommt. Das ist eine sehr ungewöhnliche Konstruktion im deutschen Leistungssportsystem.

Sie könnten dem Bundesstützpunkt und damit dem Verband Ihre Vereinsmittel entziehen, weil Sie sich ungerecht behandelt fühlen.

Das ist keine Option. Unsere Kaderathletinnen im Alter zwischen elf und zwölf Jahren und Anfang 20 haben Rotz und Wasser geheult, als sie gehört haben, dass Frau Frehse vorerst nicht mehr in die Halle kommen darf. Ich persönlich stehe nicht hinter ihr, sondern neben und vor dieser langjährigen und erfahrenen Trainerin. Ich hoffe, dass diese öffentliche Kampagne gegen sie keinen Erfolg haben wird. Außerdem erwarte ich vom Deutschen Turnerbund außer Lippenbekenntnissen klare Aussagen zur künftigen Trainersituation in Chemnitz.

Das heißt, der Trainingsbetrieb liegt derzeit am Boden?

Vom Verband wurde uns mit Frau Claudia Schunk kurzfristig die Bundesnachwuchstrainerin zur Verfügung gestellt, allerdings laut DTB nur »punktuell«. Sie ist eine sehr engagierte und hochqualifizierte Trainerin, sie kann aber weder eine langfristige personelle Absicherung für unsere Kaderturnerinnen sein noch eine mittelfristige Lösung im Hinblick auf die Qualifikation unserer Kandidatinnen für die Nationalmannschaft und damit in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Tokio. Unsere Sportlerinnen, ihre Eltern und der gesamte Verein appellieren an alle Verantwortlichen, für Bedingungen zu sorgen, unter denen hier wieder normal gearbeitet werden kann.

Frank Munzer ist Vorsitzender des TuS 1861 Chemnitz-Altendorf

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