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Aus: Ausgabe vom 02.02.2021, Seite 5 / Inland
Krise im Einzelhandel

Fass ohne Boden

Zweiter Shutdown machte »Galeria Karstadt-Kaufhof« Strich durch die Rechnung. Konzern benötigt nun erneut frisches Geld
Von Gudrun Giese
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Schlechte Aussichten: Warenhauskette kommt nicht aus der Krise raus

Durch Filialschließungen, Stellenabbau und Schuldenerlass gelangte die Warenhauskette »Galeria Karstadt-Kaufhof« (GKK) im vergangenen Herbst aus der Insolvenz. Doch nun benötigt das Tochterunternehmen der österreichischen Signa-Holding bereits wieder frisches Geld: Mit einem 460 Millionen Euro umfassenden sogenannten Nachrangdarlehen sollen die Steuerzahler den schon lange kriselnden Warenhäusern unter die Arme greifen.

GKK gehörte im vergangenen Jahr zu den großen Unternehmen, die im ersten Shutdown schnell staatliche Hilfen forderten. Zum 1. April 2020 beantragte die Geschäftsleitung ein Schutzschirmverfahren, das später in ein Insolvenzverfahren übergeleitet wurde. Das kostete bundesweit 35 Filialen die Existenz, bedeutete den Abbau von 2.500 Stellen, Mietminderungen und den Verzicht von Gläubigern auf insgesamt 2,2 Milliarden Euro. Der neu eingesetzte GKK-Chef Miguel Müllenbach schrieb im Herbst an die Beschäftigten, dass das Unternehmen »gestärkt auf dem ›Spielfeld‹ zurück« sei – ohne Schulden, mit einem zukunftsfähigen Filialportfolio und Plänen für den Ausbau des Digitalgeschäftes.

Die erneut steigenden Coronainfektionszahlen und den dadurch nötig werdenden zweiten Shutdown bezog Müllenbach in seine Überlegungen offenkundig nicht ein. So unterblieben im Herbst größere Anstrengungen zum Ausbau des Onlinegeschäfts, das laut Presseberichten immer noch weit unter dem Durchschnittswert des Modehandels von 25 Prozent liege. »Eine überzeugende Digitalstrategie ist nach wie vor Fehlanzeige«, sagte Werner Reinartz, Direktor des Instituts für Handelsforschung, gegenüber dem Tagesspiegel am 27. Januar. Er rechnet mit zusätzlichm Konsolidierungsbedarf des Unternehmens. »Natürlich wird es weiterhin einen Platz für GKK geben, aber wohl an erheblich weniger Standorten als bisher«, vermutete Reinartz. Vor allem den sogenannten Premiumstandorten wie Kaufhaus des Westens in Berlin, Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München attestiert er eine sichere Zukunft. Kleinere Häuser könnten nur mit klarer Sortimentsstrategie und praktischen Verbrauchervorteilen wie Zugänglichkeit, konkurrenzfähigen Preisen, Vernetzung von stationärem mit Onlinehandel sowie guten Parkmöglichkeiten auf längere Sicht überleben.

Der Vorsitzende der Monopolkommission, Jürgen Kühling, kritisierte mit Blick auf die schleppende Digitalisierung bei GKK das zugesagte Darlehen für die Warenhäuser. Das Unternehmen habe eine »eher weniger gute Perspektive«, sagte er gegenüber der Welt (Freitagausgabe). Als problematisch bewertete er auch den Umstand, das Geld als »nachrangiges Darlehen« zu vergeben. »Im Insolvenzfall besteht kaum eine Chance auf Rückzahlung«, so Kühling.

Die bis zu 460 Millionen Euro Staatsgeld würden GKK angesichts der monatlichen Belastungen von mindestens 30 Millionen Euro einige Zeit über Wasser halten. Der Gesamtbetriebsrat des Unternehmens begrüßte in der vergangenen Woche das Darlehen ausdrücklich, ebenso wie der Handelsverband Deutschland (HDE). Dessen Präsident Josef Sanktjohanser hatte an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) laut Handelsblatt vom 26. Januar geschrieben, dass die Warenhauskette »wichtigster Anker und Besuchermagnet und systemrelevant für die Zukunft der deutschen Innenstädte« sei. Eine Pleite von GKK würde nahezu 80.000 Arbeitsplätze in den Warenhäusern, bei Partnern, Lieferanten und Dienstleistern kosten.

Bisher hat die GKK-Geschäftsleitung noch nicht erklärt, ob sie das Darlehen in Anspruch nehmen wird. Frisches Geld könnte vermutlich auch der Eigentümer, Signa-Chef René Benko, in die Warenhäuser pumpen. Er hat in den vergangenen Jahren mit Immobiliengeschäften sehr viel Profit gemacht. Unterdessen muss sich GKK mit dem Vorwurf der Insolvenzverschleppung befassen. Eine Privatperson hat eine entsprechende Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Essen eingereicht: Das Warenhausunternehmen sei nicht erst im März, sondern schon im Januar 2020 zahlungsunfähig gewesen, lautet der Vorwurf. Die Ermittlungen stehen noch am Anfang.

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