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Aus: Ausgabe vom 02.02.2021, Seite 12 / Thema
Bürgerliche Philosophie

Sein zum Faschismus

Eine anerkannte deutsche Geistesgröße, leider nur etwas reaktionär. Über Martin Heidegger und das neue Interesse an seiner Philosophie
Von Johannes Schillo
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Ein Elend, aus dem wir immer noch nicht erlöst sind. Martin Heideggers Philosophie erfreut sich bis heute in der BRD großer Beliebtheit (hier bei einer Diskussion in Tübingen, 1961)

Der Philosoph Martin Heidegger ist und bleibt eine anerkannte Geistesgröße – auch wenn dank diverser Enthüllungen seine Person heute etwas kritischer gesehen wird. Mit seiner Philosophie, die im akademischen Betrieb der BRD einen Ehrenplatz einnimmt, wird immer noch ganz selbstverständlich hantiert, zur Pflege des kulturellen Erbes oder zur Erschließung neuer Perspektiven, ohne dass der persönliche Beitrag des Mannes zum Faschismus groß stören würde.

Im Gegenteil, vom konservativen Feuilleton wird er nach wie vor als zentrale Inspirationskraft des Geisteslebens im 20. Jahrhundert gefeiert: »Als ein scharfer Windstoß brach Heidegger Anfang der zwanziger Jahre in die Philosophie ein, als einer, der sie mitten in der Windstille des Systems an das ›Sein zum Tode‹ erinnerte und an einen Ernst der Endlichkeit.« (FAZ, 24.1.2020). Gerade in der Zeit der schweren Not, in die das Coronavirus die Menschheit gebracht hat, sollen seine Überlegungen entscheidende Hilfestellung bieten: Sie offerieren – Überraschung! – die Krise als Chance, nämlich für reaktionäres philosophisches Gelaber.

Das »Sein zum Tode«

»Das Coronavirus fordert nicht nur viele Menschenleben, es wird auch sehr viel philosophischen Unsinn hervorbringen«, stellte das Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung erstaunlich hellsichtig und unübertrefflich zynisch bereits im Frühjahr 2020 fest (am 16. April). Der Fall ist eingetreten, philosophiert wird angesichts der schwierigen Zeit mit Hochdruck. Aber die Warnung des Feuilletonisten war gar nicht ernst gemeint, sie galt nur dem neuen philosophischen Gelaber, nicht dem altehrwürdigen, das seinen festen Platz in der deutschen bzw. abendländischen Geistesgeschichte hat.

Der NZZ-Autor wartet sogleich mit folgendem Angebot auf: »Die grundsätzliche Kondition des Menschen ist bekanntermaßen die: Er muss sich dem Tod stellen. Das klingt nach Heidegger, aber diese Grundkonstellation ist nicht seine Erfindung, und trotzdem hat Heidegger für uns eines getan, was wir heute gut gebrauchen können: Er hat sich – irgendwie phänomenologisch – hinter den Menschen gestellt, ihn verteidigt in seiner Zeitidentität, die stets aktuell ist.« Schon gewusst, wir müssen alle mal sterben? Nur: Haben wir das auch schon »irgendwie phänomenologisch« bedacht? Oder uns bloß darüber geärgert? So wie Mitch Ryder in seinem berühmten Antikriegssong: »I don’t want to die, I’ve got plans for tonight«.

Zum Bedenken soll uns jetzt Corona mahnen, wenn man die Zeit dafür opfern will. Doch kann sich jede und jeder am angesagten Tiefsinn beteiligen? Mit dem elitären Seinsgeschwafel aus der Heidegger-Schule ist man laut NZZ bestens bedient. Wenn man über seine »Zeitidentität« informiert ist, habe man nämlich das Wichtigste erfasst, denn, so heißt es weiter: »Das ist schon die halbe Miete, was unser Dasein angeht: Wir brauchen für unser Leben und unser Sterben sehr viel Zeit und eigentlich sehr wenig Raum.« Was die Seinsphilosophie so alles herausfindet, Raum und Zeit braucht man fürs Sterben, aber mit Mengenunterschied! Der Tod findet beispielsweise noch in der kleinsten Hütte Platz. Wer das nicht bedenkt, stirbt möglicherweise einfach so vor sich hin, ohne philosophischen Durchblick.

Wer aber Interesse an solchem flachen Tiefsinn zu Raum und Zeit hat, kann im Züricher Weltblatt weiterlesen. Dabei muss man nur einen – irgendwie heiklen, doch im hiesigen Geistesleben obligatorischen – Punkt bedenken. Der Autor unterbricht nämlich seine Heidegger-Eloge und bringt recht unvermittelt etwas anderes zur Sprache: »Heideggers Antisemitismus ist mir natürlich unerträglich, und heute können wir über den Meisterlehrer von Hannah Arendt und Jeanne Hersch, zwei genialen Frauen jüdischer Herkunft, so unbefangen sprechen, aber eigentlich ist Heidegger unerträglich, weil er ein Antisemit war. Er hat sich nicht nur mit den Nazis arrangiert.« Nachdem diese Pflichtübung der deutschen Vergangenheitsbewältigung, die man »natürlich« auch in der Schweiz kennt, erledigt ist, kann der Autor munter fortfahren: »Und trotzdem: Ich lese sehr gerne seine ›Holzwege‹.«

Heidegger für jedermann

So einfach geht das also, auch noch im Jahr 2020, obwohl zahlreiche Dokumente und Selbstauskünfte zum Naziphilosophen Heidegger (1889–1976) vorliegen. Im Frühjahr 1933 trat er in die NSDAP ein, nachdem er mit der Übernahme des Rektorats der Universität Freiburg seine Treue zu deren Programm bewiesen hatte. Den Machtantritt Hitlers bezeichnete er als »Unvergleichlichkeit der Weltstunde«, die er in seinen philosophischen Entwürfen vor 1933 »irgendwie« vorausgeahnt oder herbeigesehnt hatte. Zum Jahreswechsel 1931/32 berichtete ein Student von einer Begegnung mit Heidegger, der mittlerweile, wie die Gattin, stramm rechts sei, obwohl er eigentlich »nicht viel von Politik« verstehe: »So lässt ihn wohl wesentlich sein Abscheu vor aller mittelmäßigen Halbheit von der Partei etwas erhoffen, die etwas Entschiedenes zu tun und damit vor allem dem Kommunismus wirksam entgegenzutreten verspricht.«¹

Er blieb NSDAP-Mitglied bis 1945 und legte auch danach nie ein Schuldbekenntnis ab, rechtfertigte noch im Adenauer-Staat mit der genannten antikommunistischen Einschätzung seine Parteinahme für die NSDAP. 1947 wurde ihm zwar von den französischen Besatzungsbehörden die Lehrbefugnis entzogen, allerdings 1950 wieder erteilt, worauf er bis 1967 Seminare für einen Kreis von Hörern in Freiburg abhielt. »Mit der Emeritierung (1952) erhielt Heidegger seine Rechte als Professor zurück. Sogleich kündigte er eine Vorlesung an und las im Wintersemester erstmals wieder in der Freiburger Universität. Seine Vorlesungen hatten großen Zulauf und lösten, wie auch seine Schriften, ein breites Echo aus«, ist in der Online­enyzklopädie Wikipedia zu lesen.

Natürlich kann man mit Heideggers Philosophie – dank ihres Abstraktionsgrades – alles Mögliche anstellen, und die Wirkungsgeschichte deckt daher auch ein breites politisches Spektrum von rechts bis links ab. Für letzteres steht als prominenter Fall der französische Philosoph Jean-Paul Sartre, der aus Heideggers Seinsphilosophie seinen eigenen Existentialismus extrahierte. Derartiges wird heutzutage unermüdlich fortgesetzt, so gibt es Philosophieren »Mit Marx für Heidegger« bzw. »Mit Heidegger für Marx«, es gibt einen russischen Heidegger-Schüler, der Putin berät, oder, auch in Kreisen der Grünen-Partei gefragt, ein Anknüpfen an »Heideggers Umweltethos«. Hier soll der schwäbische Denker in Gestalt seines Schülers Hans Jonas, Autor der biophilosophischen Tiefenbohrung »Prinzip Verantwortung«, sogar eine jüdische Philosophie des 20. Jahrhunderts auf den Weg gebracht haben.

Ja, es wird sogar real- und machtpolitisch auf der Suche nach einer »schwarz-grünen Erzählung«, die offenbar dringend gebraucht wird, von Experten eine Affinität der Grünen zu Heideggers Existenzphilosophie ins Spiel gebracht. Dazu hielt 2013 nach der Bundestagswahl Robert Habeck, der sich schon als Student in die Werke Heideggers vergrub, interessiert und offen für Anregungen zur Neuaufstellung seiner Partei in einem Gastbeitrag fest, dass »Technikskepsis und Sorge um die Erde die Grünen mit dem Denken Heideggers (verbänden). Radikaler noch als Rousseau denkt Heidegger den Menschen als Teil einer Seinstotalität, die dem individuellen Dasein immer schon vorausgeht.« (Die Zeit, 28.11.2013) Dass man über Rousseau hinausgehen muss, meinte auch der Grünen-Hoffnungsträger; man könne nicht ewig in einer zivilisations- oder industriekritischen Ecke hockenbleiben. Den Ahnherrn Heidegger fand Habeck nicht unbedingt optimal, aber verwerfen wollte er diese Traditionslinie auch nicht, sie sei »nur ein Strang der grünen Ideengeschichte«. Ein bisschen schmücken kann man sich damit also schon, schließlich hatte man auch mal Ökofaschisten in den eigenen Reihen, und rechte Wähler wieder »heimholen« ist doch eine ehrenwerte Aufgabe. Oder nicht?

Ein faschistisches Opus

Im deutschen Wissenschafts- und Kulturbetrieb ist natürlich mittlerweile klar, dass Heidegger ein bekennender Faschist war, schließlich sind seit Ende des 20. Jahrhunderts einschlägige Dokumente veröffentlicht worden, die diese Haltung belegen. Dementsprechend hat sich der hiesige Modus der Reinwaschung etwas geändert. Wurde die faschistische Einstellung des Philosophen früher ignoriert, dann als biographisches Randproblem abgetan, so muss heute – siehe das pflichtgemäße Bekenntnis des NZZ-Autors – zuerst eine strikte Trennung von Person und Werk vorgenommen werden, um letzteres dann hochleben zu lassen.

In jüngster Zeit, mit dem Erstarken der AfD, der Ausbreitung eines Rechtspopulismus, dem Aufkommen neuer Protestformen à la »Identitäre Bewegung« und der Etablierung rechter Thinktanks, kommt ein neues Moment hinzu: Heidegger wird immer deutlicher zur Berufungsinstanz der modernen extremen Rechten.² »Was macht Heideggers Denken so attraktiv für die antidemokratische Rechte?« fragt etwa der emeritierte Professor Micha Brumlik und kommt zu dem Schluss, dass Heideggers frühes Jahrhundertwerk, das 1927 erschienene, als Markstein der Existenzphilosophie hochgelobte Buch »Sein und Zeit«, auch als »Inbegriff einer völkischen Philosophie gelten« dürfte.³

Einen solchen Angriff auf Heideggers Philosophie, also auf die Sache, für die der Mann als erstes steht und für die er sich – über die verschiedenen Regimes hinweg – ein Leben lang engagiert hat, findet man sonst kaum. Explizit vertreten und in deutschen Universitäten bekanntgemacht hat eine solche Kritik die damalige Marxistische Gruppe (MG), die 1988 »Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist« vorlegte. Diese Schrift von Peter Decker ist jetzt in einer aktualisierten Ausgabe neu aufgelegt worden.⁴ Sie bezieht sich am Rande auf die damals neueren Erkenntnisse, nach Victor Farias’ Buch »Heidegger und der Nationalsozialismus« vor allem auf die Veröffentlichung von Heideggers »Schwarzen Heften«. In diesen hat sich der »heimliche König« (Hannah Arendt) der Philosophie unmissverständlich zu seinem seinsgeschichtlichen Antisemitismus geäußert, was dann zum Skandalon geriet, denn im heutigen Deutschland wird Faschismus erst richtig zum Problem, wenn er Judenvernichtung im Programm hat.

Auch hier gab es Versuche, Heideggers Position zu retten. So hieß es, das »Weltjudentum« sei bei ihm – parallel zum Amerikanismus oder Bolschewismus – nur eine Erscheinungsform von etwas Tieferliegendem, nämlich der »Seinsvergessenheit« des modernen Menschen, und nichts platt Politisches. Diese umstandslose Rehabilitierung von Naziphilosophie kommt heute fast nur noch aus der rechtsextremen Ecke. Doch muss man ihr zugestehen, dass sie einen entscheidenden Punkt trifft: Die Seinsphilosophie des schwäbischen Denkers bewegt sich auf einer anderen Ebene als Programm und Parolen der Nazis, sie löst sich nicht einfach in deren opportunistische Befürwortung oder Ausschmückung auf, wie es für den deutschen Wissenschaftsbetrieb nach 1933 selbstverständlich war (und was dann nach 1945 schnurstracks vom selben Personal widerrufen wurde, ohne dass man den Professoren groß mit Entnazifizierung oder Reeducation kommen musste und ohne dass die ihre alten Lehrbücher umschreiben mussten).

Deckers fulminante Streitschrift zielt genau auf diesen ideellen Kern. Die Neuauflage wurde um einen Anhang erweitert, der exemplarisch zeigt, dass es in Westdeutschland einmal eine elaborierte marxistische Kritik der bürgerlichen Wissenschaft gegeben hat. Der Autor nimmt also nicht die persönlichen Verwicklungen ihres Urhebers in Nazimachenschaften, sein Agieren in Politik oder Hochschule, ins Visier. Heideggers Politpräferenzen und Lebensumstände sind für ihn nur ein Indiz, das nach weiterer Klärung verlangt, und nicht wie üblich der Anlass, um mehr oder weniger verständnisvoll den Kern seiner philosophischen Bemühungen von den zeitbedingten Kontaminationen zu reinigen und so letztlich den Ruf dieses Denkers zu retten.

Du bist nichts, das Sein ist alles

Es geht Decker um den philosophischen Gehalt des Heideggerschen Opus, um den hier vorliegenden radikalen Fall von Sinnstiftung, der die Konsequenz aus den Bemühungen der Vorläufer zieht und Philosophie als respektable Instanz von Gegenaufklärung und Antiwissenschaft etabliert. Untersucht werden daher nicht speziell – wie etwa bei Brumlik (der sich auf den berüchtigten Paragraphen 74 von »Sein und Zeit« mit seinen völkischen Ideen konzentriert) – die Kategorien einer politischen Philosophie. Heideggers Abstraktionsleistung, eine Trivialität namens »das Sein«, d. h. die Sub­stantivierung eines Verbs, in den Mittelpunkt zu stellen und damit ein unüberbietbares Universelles zu finden, lässt ja sowieso die klassische Aufteilung des Fachs in diverse Abteilungen hinter sich. Diese hielt bei den früheren Philosophen den Schein der wissenschaftlichen Bearbeitung eines Gegenstandes aufrecht, Heidegger dagegen schreitet zielstrebig zur raunenden, wissensfeindlichen Beschwörung eines philosophischen Prinzips fort.

Sein Anliegen ist es, eine unwidersprechliche höhere oder tiefere Notwendigkeit festzuhalten, der »der Mensch« sich unterzuordnen hat. »Als Philosoph will er von nichts Bestimmtem etwas wissen und ist sich gleichwohl – und nur so! – über die letztendliche Begründbarkeit und Wohlbegründetheit von allem sicher«, resümierte Decker. Dafür untersucht er im einzelnen, wie sich Heidegger den philosophischen Bedarf nach Sinnsuche erarbeitet, nämlich als systematische Absage an wissenschaftliches Denken überhaupt, und wie seine Abstraktionen zustande kommen, die die klassische Metaphysik überbieten und das Sinnbedürfnis in Reinform kultivieren: als Behauptung der Notwendigkeit, das eigene »Geworfensein« angesichts schwerer Zeiten auszuhalten – nicht weil es dafür höhere Werte (Gott, Glückseligkeit, ewiger Frieden) gäbe, sondern weil die Bestimmung des Menschen im Aushalten der Seinsgesetzlichkeit bestehe.

Das ist auch erkennbar der Ausgangspunkt seiner philosophischen Bemühungen, die sich oft in sprachliche Schwurbeleien verlaufen. Im ersten Paragraphen von »Sein und Zeit« heißt es: »Die Undefinierbarkeit des Seins dispensiert nicht von der Frage nach seinem Sinn, sondern fordert dazu gerade auf.« Die Kategorie Sinn ist also klar unterschieden von Bestimmungen oder Eigenschaften, die eine Sache hat und deren Herausarbeitung Aufgabe der Wissenschaften wäre – eine schnöde Aufgabe, die vom philosophischen Hinterfragen weit hinter sich gelassen wird. Beim Sinn handelt es sich um einen Wert, den der Philosoph einer Sache jenseits von ihren Eigenschaften beimisst; den er als etwas statuiert, worauf es eigentlich (laut Adornos »Jargon der Eigentlichkeit« das Zauberwort der Seinsphilosophie) ankommen soll, im Gegensatz zu allem, was an einer Sache interessieren könnte.

Der Sinn liegt natürlich nicht in der Hand der Subjekte, er ist vorgegeben. Decker hält fest, dass so die faschistische Selbstaufopferung, der Kampf um die bloße Existenz mit soldatischem Ethos, als die Erfüllung des Daseins »entworfen« wird. Decker: »Das Aufgehen des Individuums in einer es übersteigenden Kampfgemeinschaft, die das Opfer echt lohnend macht, das ist die endgültige Lösung der Sinnfrage.« Dem »Sein zum Tode« habe der Mensch sich zu stellen, »im Vorlaufen zum unbestimmt gewissen Tode« sein Leben zu vollziehen, wie es in »Sein und Zeit« (Paragraph 53) heißt. So wird die Apotheose der Bereitschaft zum Tode aus den abstraktesten Bestimmungen herausdestilliert (und Deckers Bemerkung zum »lohnenden« Opfer ist hier natürlich ironisch gemeint). Wenn der Sinn des Daseins im entsagungsvollen Kampf der »Volksgemeinschaft« liegt, dann besteht der (ideelle) Lohn nur darin, an deren angeblich unendlicher Idee teilzuhaben. Eben das »Du bist nichts, dein Volk ist alles«, wie es immer Kern der Nazipropaganda war.

Heidegger lässt dabei die polemische Stoßrichtung gegen Subjekte, die sich anmaßen, eigene Zwecke oder Interessen in der Welt geltend zu machen, deutlich hervortreten. Solche Wichte sind ein Fall von »Seinsvergessenheit« – und verdienen die Verachtung all derer, die sich am elitären Seinsgeschwafel zu erbauen vermögen. Insofern sind die biographischen Auskünfte zu seiner persönlichen »Kehre« von 1931/32 aufschlussreich: Im Kommunismus sieht er die Hauptgefahr, dass sich Menschen – gemäß der letzten Feuerbach-These von Marx – daranmachen könnten, statt unter philosophischer Anleitung die schwere Not der Zeit bzw. die schwere Zeit der Not sinnreich zu interpretieren, die Verhältnisse so zu verändern, dass keine religiösen oder weltanschaulichen Trostgründe mehr gebraucht würden.

Die Analyse Deckers zielt also darauf, dass sich im Zentrum von Heideggers Philosophie durchaus Affinitäten zu einem Staatsprogramm finden, »das sich der Vorbereitung eines großen Krieges gewidmet und dafür auf Tugenden seiner Mannschaft Wert gelegt hat, die die fälligen Opfer bis hin zur Aufgabe des eigenen Lebens als sinnerfüllenden Dienst an einem übergeordneten Ganzen erscheinen lassen und nichts als diesen Lohn versprechen.« Damit – und das ist wohl das provozierendste Ergebnis der Analyse – hat man die Radikalisierung einer Idee vor sich, die zum anerkannten Besitzstand der Philosophiegeschichte gehört. Also keinen Außenseiter, der auf Abwege geraten ist, sondern den »konsequentesten Philosophen des 20. Jahrhunderts«.

Anmerkungen

1 Siehe »Irre, die AfD hat auch einen Thinktank«, in: Telepolis, 8.2.2020 und »Vom faschistischen Geist der Philosophie – Der Fall Heidegger«, in: Untergrund-Blättle, 4.1.2021

2 Zit. nach Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland – Heidegger und seine Zeit. Frankfurt a. M. 2006, S. 257 und 259

3 Siehe das Projekt Gegneranalyse (gegneranalyse.de), das vom Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) im Rahmen des Bundesprogramms »Demokratie leben!« gefördert wurde. Dazu gibt es jetzt auch die Publikation »Das alte Denken der Neuen Rechten« (2020), in der Brumlik den Heidegger-Beitrag übernommen hat. Sie ist in die Schriftenreihe (Nr. 10582) der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) aufgenommen worden. Die BPB soll übrigens 2021 kräftig wachsen und mehr Stellen erhalten, was letztendlich zu einer Verdopplung des Personals seit der vorletzten Legislaturperiode führen würde. Mit dem Ausbau will die Behörde den Kampf gegen rechts intensivieren und dabei speziell die Ideologien der neuen Rechten aufs Korn nehmen. Die Aufstockung folgt den Empfehlungen des Kabinettsausschusses »zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus«, der am 25.11.2020 einen umfangreichen Maßnahmenkatalog verabschiedete.

4 Peter Decker: Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist (1988). Neuausgabe, München 2020 (daraus die folgenden Zitate: S. 56, S. 73, S. 74), https://de.gegenstandpunkt.com/

Johannes Schillo, Autor des Buches »Die AFD und ihre alternative Nationalerziehung« (2019), veröffentlichte an dieser Stelle in der jungen Welt zuletzt am 17.12.2019 einen Beitrag über die Erasmus-Stiftung der AfD.

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