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Aus: Ausgabe vom 01.02.2021, Seite 10 / Feuilleton

Im Gurktal

Von Erwin Riess
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Slowenischer als die Polizei erlaubt: Das Kärntner Gurktal

Eine Studienreise führte Herrn Groll und seinen Freund Helge Stromberger, der als Historiker großes Ansehen unter den antifaschistischen Gelehrten in Wien und Klagenfurt genießt, ins abgelegene und waldreiche Gurktal. Helges Bücher und von ihm konzipierte Ausstellungen über die SS in Kärnten, die Massentötungen in der Psychiatrie des Landeskrankenhauses Klagenfurt sowie etliche andere – unter anderem über Leben und Sterben sowjetischer Kriegsgefangener im Lager Wolfsberg –, gelten als Leuchttürme antifaschistischer Wissenschaftspublizistik in Kärnten. Stromberger ist außerdem Experte für die toskanische Linie der Habsburger, deren wichtigster Repräsentant, Pietro Leopoldo, um 1770 das Fürstentum Toskana zu einem Musterstaat der Aufklärung machte. Folter und Todesstrafe wurden ebenso abgeschafft wie die Steuerprivilegien des Adels. Pietro Leopoldo hob nach dem Vorbild seines älteren Bruders Kaiser Josef II. Klöster auf, zog Kirchengüter ein und wandte sich scharf gegen den Papst und den korrupten hohen Klerus.

Während Grolls Freund die Toskana des späten 18. Jahrhunderts in den schillerndsten Farben beschrieb, drangen die beiden in das enge Gurktal vor. Groll fuhr vorsichtig, jederzeit konnte hinter einer Biegung ein schlingernder überschwerer Holztransporter auftauchen, am Steuer ein übermüdeter Fahrer mit weit aufgerissenen Augen. Selten unterbrachen Ortschaften die Einöde von dunklem Tann, schroffen Felsen und Ruinen, die wie anklagende Zeigefinger in den Himmel ragten.

Das Gurktal war ein wichtiges Kettenglied bei der Verbreitung des Christentums in den südlichen Kalkalpen gewesen. Freising, Passau, Gurk, Maria Saal, Aquileia. Die ansässige slowenische Bevölkerung wurde vertrieben oder zwangschristianiert. Das Kärntner Nationaldenkmal, der Herzogstuhl auf dem Zollfeld bei Maria Saal, stammt aus der Mitte des 9. Jahrhunderts und war der spirituelle und politische Angelpunkt des Herzogtums Karantanien. 1335 kam es in den Besitz des Hauses Habsburg und verblieb dort bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Noch 1414 vollzog Ernst der Eiserne auf dem Herzogstuhl das Einsetzungsritual. Er tat dies in slowenischer Sprache.

»Insofern sind jene Kärntner Nazi, die seit Wochen auf den zweisprachigen Ortstafeln den slowenischen Namen übermalen, geschichtsbesoffene Trottel, die unverdrossen daran arbeiten, ihre slawischen Wurzeln abzusägen«, bemerkte Groll und fügte hinzu: »Dass die Kärntner Polizei nicht in der Lage ist, die Täter ausfindig zu machen, ist kein Wunder. Vielleicht ist ja der eine oder andere Kollege bei der nächtlichen Malaktion mit von der Partie.«

»Die Kärntner Polizei ist ein leuchtendes Beispiel für eine differenzierte Dienstauffassung«, erwiderte Grolls Freund. »Zwar befinden sich auch die Skiorte Kärntens im Lockdown, dennoch sind die Lifte und Seilbahnen dank des für den Wintertourismus segensreichen Wirkens des grünen Umweltministers Anschober geöffnet. Auf den Pisten herrscht demnach guter Betrieb und die Inzidenzzahlen der Skibezirke liegen bei 500 oder höher.«

»Soviel zur landauf, landab getrommelten Mär, dass beim Skifahren Infektionen nicht vorkommen«, sagte Herr Groll. »Schließlich gehört ein zünftiger Umtrunk vor, nach und während des Pistenzaubers zum Sport wie der Dom zu Gurk zur Klostergründerin und Landespatronin Kärntens Hemma von Gurk. Bei den Verpflegungspausen werden Verhackerts, Maischerl und Kasnudeln verspeist, dazu kommen noch Obstschnäpse und wenn dann noch sentimentale Kärntner Lieder, in denen von der Vernichtung alles Undeutschen geträumt wird, ertönen, ist ein typischer Kärntner Skiausflug komplett.«

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