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Aus: Ausgabe vom 01.02.2021, Seite 5 / Inland
Folgen der Krise

Arbeitsmarkt im Shutdown

Bundesagentur meldet steigende Zahlen bei Erwerbslosen, Kurzarbeitern und Hartz-IV-Beziehern. Jobangebote um 20 Prozent eingebrochen
Von Susan Bonath
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Angespannte Lage: 2,8 Millionen Familien sind auf Grundsicherung angewiesen

Die Wirtschaftskrise verschärft die Lage der Lohnabhängigen. Zwar attestierte der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele (SPD), dem Arbeitsmarkt am Freitag eine »weiterhin robuste Verfassung«. »Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie hinterlassen aber Spuren«, mahnte er in der Pressemitteilung. Bemerkbar macht sich das in einem deutlichen Anstieg der Erwerbslosigkeit und der sogenannten Unterbeschäftigung, an einer hohen Zahl an Kurzarbeitern, weniger offenen Stellen und Ausbildungsplätzen. Laut BA waren im Januar mit gut 2,9 Millionen fast 200.000 mehr Menschen erwerbslos gemeldet als einen Monat zuvor. Vor einem Jahr, kurz vor Beginn der Pandemie, verzeichnete die Bundesagentur eine halbe Million weniger Menschen ohne Job. Die mit diesen Zahlen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung berechnete Erwerbslosenquote stieg damit von 5,9 auf 6,3 Prozent, wie die BA informierte.

Die Behörde berichtete zudem von 3,6 Millionen weiteren Erwerbslosen, versteckt in der Rubrik Unterbeschäftigung. Im Dezember hatte sie darin noch 3,5 Millionen Menschen erfasst, im Januar 2020 waren es 3,3 Millionen. Allerdings verzeichneten die BA-Statistiker schon vor der Pandemie hier einen Zuwachs. So galten im November 2019 rund drei Millionen Menschen als unterbeschäftigt, im Dezember 2019 waren es 3,1 Millionen. Zu den Unterbeschäftigten zählt die BA Arbeitssuchende, die sich zum Zeitpunkt der Erfassung in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen befinden, krank geschrieben sind oder das 58. Lebensjahr überschritten haben. Auch Erwerbslose, die Angehörige pflegen oder Kinder unter drei Jahren betreuen, gehören dazu.

Die Zunahme der Erwerbslosigkeit machte sich im Januar in einem Anstieg der Zahl der Hartz-IV-Bezieher bemerkbar. 2,8 Millionen Familien waren zuletzt auf Grundsicherung angewiesen, 11.000 mehr als im Dezember und 48.000 mehr als im Januar 2020. Gut 5,6 Millionen Menschen leben derzeit in einem Hartz-IV-Haushalt, darunter etwa 1,8 Millionen Kinder. Von letzteren erhielten aber nur knapp 1,5 Millionen eigenes Sozialgeld. So haben Kinder keinen Anspruch darauf, wenn Kindergeld plus Unterhalt oder Unterhaltsvorschuss den Hartz-IV-Satz übersteigen. Das überschießende »Kindeseinkommen« wird dann sogar vom Regelsatz des erziehenden Elternteils abgezogen.

Die Kurzarbeit dürfte derzeit wieder zunehmen. Laut BA-Daten meldeten Unternehmen allein vom 1. bis 25. Januar für rund 745.000 weitere Beschäftigte diese Lohnersatzleistung an. Vollständige Daten für Januar gebe es noch nicht, teilte die Behörde mit. Im November 2020 hatte die BA demnach für 2,2 Millionen Menschen Kurzarbeitergeld gezahlt. Während des bisherigen Höchststandes im April vergangenen Jahres hatten fast sechs Millionen Beschäftigte die Leistung bezogen. Ihre Zahl habe danach abgenommen, so die BA, »stieg im November mit den neuen Eindämmungsmaßnahmen aber wieder an«.

Zudem sprechen die Statistiker von einer »deutlich verringerten Erwerbstätigkeit«. Nach ihrer Hochrechnung hatten im Januar rund 33,9 Millionen Menschen einen sozialversicherungspflichtigen Job. Derweil seien die gemeldeten Arbeitsangebote um fast 20 Prozent auf 566.000 gesunken, der Ausbildungsmarkt innerhalb eines Jahres um acht Prozent eingebrochen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lobte am Wochenende zwar das Instrument der Kurzarbeit. Dieses schütze aber »leider nicht alle Unternehmen«, kritisierte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Für Firmen forderte sie »weiter staatliche Unterstützung«. Sie fügte hinzu: »Auch Menschen mit niedrigen Einkommen oder in Hartz IV brauchen jetzt Soforthilfen – und ihre Kinder unbürokratisch die Technik, um am Homeschooling teilzunehmen.«

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostizierte am Freitag in der Wirtschaftswoche für das erste Quartal 2021 einen Abfall des Bruttoinlandsprodukts um drei Prozent. »Insbesondere im Dienstleistungsbereich sinkt die Wertschöpfung deutlich und liegt weit unter der des vergangenen Sommers«, so Claus Michaelsen vom DIW. Er rechnet mit einem »harten Lockdown bis mindestens Ende Februar«.

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