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Aus: Ausgabe vom 30.01.2021, Seite 6 / Ausland
Fatale Liaison

Die neuen Hilfssheriffs

Nach den Ausschreitungen in Niederlanden: Rechte »Fußballfans« verbünden sich mit Polizei
Von Gerrit Hoekman
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Eigentumsschutz jetzt auch mit rechter Unterstützung: Polizeistaffel am Sonntag in Amsterdam

Als am Sonntag auf dem Museumsplein in Amsterdam die Schlacht mit der Polizei begann, standen die kampferprobten Fußballhooligans des Hauptstadtklubs Ajax laut Beobachtern in der ersten Reihe. Nach den Ausschreitungen am Montag abend – in Rotterdam wurde unter anderem eine Polizeistation angegriffen und ein Juwelier ausgeräumt – haben sich einige von ihnen aber inzwischen mit der Polizei verbündet und streifen als Hilfssheriffs gegen potentielle »Plünderer« durch die Stadt.

»Ein schönes Signal und ein klares Statement, das ich unterschreibe«, sagte der Bürgermeister von Alkmaar, Emile Roemer, am Dienstag abend beim lokalen Nachrichtensender NH Nieuws. Er sei stolz auf die 50 Fans des ortsansässigen Erstligisten AZ, die ganz in Schwarz gekleidet gemeinsam mit der Polizei durch die Straßen der Stadt patrouillierten. Die Botschaft ist laut Roemer: »Vom Eigentum anderer Leute lasst ihr die Finger!«

Roemer war bis September 2017 Fraktionschef und Spitzenkandidat der Sozialistischen Partei (SP) im niederländischen Parlament. Seit seinem Rücktritt tingelt er als vom König eingesetzter, kommissarischer Bürgermeister durch das Land. Roemer springt ein, wenn der Amtsinhaber überraschend ausscheidet und kein neuer in Sicht ist. Erst in Heerlen, jetzt in Alkmaar.

Ein Sozialist, der als »Law and Order«-Apologet in den höchsten Tönen über eine Bürgerwehr aus gewaltbereiten Hooligans spricht? »Er macht einen Fehler«, kritisierte der Soziologe Vasco Lub am Mittwoch bei NH Nieuws. »Es ist keine Aufgabe für Bürger und schon gar nicht in einem organisierten Kontext«, so Lub. »In einem Land weit weg von hier nennen sie das Milizen«, zitierte der Nachrichtensender am Mittwoch einen Kommentar aus den sozialen Medien. »Wir haben jetzt den Punkt erreicht, an dem Schläger mit Zustimmung des Bürgermeisters durch die Straßen gehen.« In fast allen Städten, die einen Profifußballklub beherbergen, spielen sich rechte Fans nun als Beschützer auf.

In Den Bosch, das am Montag abend besonders von den Ausschreitungen betroffen war, erklärte ein Sprecher der örtlichen Fanszene am Dienstag gegenüber der Tageszeitung Algemeen Dagblad: »Wir versuchen es mit Reden zu lösen, nicht mit Gewalt. Aber wenn Reden nichts nützt, dann gehen wir notfalls dazwischen.« Viele Geschäftsinhaber und Unternehmer unterstützten sie. Die Aktion sei mit der Polizei und der Stadtverwaltung abgesprochen. Die Polizei bestätigte, Kontakt gehabt zu haben.

Konkret bedeutete diese »Hilfe« unter anderem, dass sich am Dienstag abend eine Gruppe vor einem Einkaufzentrum in einem Viertel postierte, in dem viele Bewohner einen Migrationshintergrund haben. Es blieb ruhig, mit Beginn der Ausgangssperre um 21 Uhr gingen die Rassisten nach Hause. Laut einem Bericht des NRC Handelsblad vom Donnerstag waren bereits in der Vergangenheit einige der »Fußballfans« im Stadion rassistisch aufgefallen.

In Maastricht marschierten am Dienstag Hunderte der Rechten geschlossen durch die City. »Für alle, die glauben, in unsere Stadt kommen zu müssen, hoffen wir, dass die Polizei euch findet, bevor wir es tun«, drohten sie im Internet den »Plünderern« Prügel an. »MVV-Fans, die durch Maastricht laufen, gaben ein bedrohliches Bild ab, das war doch etwas anderes als ein bisschen Unterstützung anbieten«, sagte Erwin Muller, Professor für Sicherheit und Recht an der Universität Leiden, am Donnerstag im NRC Handelsblad. »Die Grenze wäre erreicht, wenn die Anhänger zusammen mit der Polizei Gewalt gegen andere angewandt hätten.« Soweit ist es noch nicht, aber auch die kommenden Tage wollen sie Wache schieben, kündigten sie auf Facebook an: »Wir bleiben bereit!«

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