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Aus: Ausgabe vom 29.01.2021, Seite 16 / Sport
Nordische Kombination

Das ewige Stiefkind

Um die Nordische Kombination attraktiver zu machen, hat man den Dreierwettkampf »Nordic Combined Triple« erfunden
Von Gabriel Kuhn
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Österreichs Hoffnung: Johannes Lamparter trainiert das Fliegen

Es gab eine Zeit, da bestand ein Wettkampf in der Nordischen Kombination aus einem Skisprungwettbewerb in zwei Durchgängen, auf den einen Tag später ein 15-Kilometer-Langlauf folgte. Danach ermittelten mathematische Genies anhand für Laien undurchschaubarer Rechensysteme einen Sieger. Als dieser feststand, waren die Zuschauer längst zu Hause – wenn je welche da waren.

Die Nordische Kombination ist das Stiefkind des Internationalen Skiverbandes FIS. Sie lebt primär von der Tradition. Die ersten Wettbewerbe wurden Ende des 19. Jahrhunderts ausgetragen, noch bevor sich Skisprung und Langlauf als eigene Disziplinen etabliert hatten. Da die Tradition allein jedoch weder die Vermarktungsinteressen der FIS noch die Unterhaltungsbedürfnisse des Fernsehpublikums befriedigt, kam es in den letzten 40 Jahren zu einer Reihe von Änderungen.

Die weitaus bedeutendste war die Einführung der sogenannten Gundersen-Methode in den 1980er Jahren. Der ehemalige norwegische Kombinierer Gunder Gundersen hatte ein Modell entwickelt, in dem die Punkte aus dem Skisprungwettbewerb unmittelbar in Zeitabstände für den Langlauf umgerechnet wurden. Beim Langlauf also startete der Führende zuerst, gefolgt von den Konkurrenten, je nach Sprungleistung. Von nun an war der Athlet, der als Erster die Ziellinie überquerte, auch der Sieger. Einfach, aber noch nicht schnell genug.

Bald begann man, Skisprung und Langlauf am selben Tag durchzuführen. Seit 2008 gibt es nur noch einen Durchgang fürs Skispringen, der Langlauf wurde auf zehn Kilometer reduziert. Auch neue Formate wie Sprint und Teamsprint sollten zu mehr Attraktivität beitragen. Alles mit mäßigem Erfolg. Die Nordische Kombination ist nicht einmal mehr besonders nordisch. Schweden hat bei Großveranstaltungen seit Jahrzehnten keine Athleten mehr am Start. Die letzte finnische Medaille liegt fast 15 Jahre zurück. Nur Norwegen macht seiner Ausnahmestellung im nordischen Skisport auch in der Kombination alle Ehre.

In der deutschen Geschichte der Nordischen Kombination ging es auf und ab. Der Schwarzwälder Georg Thoma war 1960 der erste Olympiasieger, der nicht aus den nordischen Ländern kam. Als erster Skisportler überhaupt wurde er in der BRD als Sportler des Jahres ausgezeichnet. Von 1972 bis 1980 gewann der für den SC Traktor Oberwiesenthal antretende Ulrich Wehling bei drei aufeinanderfolgenden Olympischen Winterspielen die Goldmedaille. Ein bis heute einsamer Rekord. Der Berchtesgadener Hermann Weinbuch holte 1986 für die BRD den Weltcupsieg. Danach folgte eine Flaute. Das Zusammenwachsen des gesamtdeutschen Teams nach der »Wende« gestaltete sich schwierig. Erst Anfang der 2000er Jahre stellte Deutschland mit dem Thüringer Ronny Ackermann wieder einen Weltcupgesamtsieger und Weltmeister. In der Saison 2012/13 begann die Dominanz Eric Frenzels: Fünfmal in Folge sollte das aus dem Erzgebirge stammende Leichtgewicht die Weltcupgesamtwertung für sich entscheiden. Auch das ein Rekord.

Als Höhepunkt der Weltcupsaison findet seit 2014 das »Nordic Combined Triple« im Tiroler Seefeld statt. Am ersten Tag wird ein Sprint ausgetragen, ein Fünf-Kilometer-Langlauf nach dem Springen. Am zweiten Tag gibt es einen gewöhnlichen Einzelwettkampf mit einem Zehn-Kilometer-Langlauf. Am dritten Tag findet ein Einzelwettkampf mit einem 15-Kilometer-Langlauf statt. Die Zeitabstände des Vortags werden jeweils übernommen. An den ersten beiden Tagen gibt es halbe Weltcuppunkte, am dritten Tag doppelte.

Das Nordic Combined Triple 2021 findet am kommenden Wochenende statt, von Freitag bis Sonntag. Zuschauer sind keine vor Ort. Im Coronawinter ist man das inzwischen gewohnt. Als Favorit geht der Vorjahressieger und überlegene Weltcupführende Jarl Magnus Riiber aus Norwegen ins Rennen. Doch auch mit der deutschen Mannschaft ist zu rechnen. In der Weltcupgesamtwertung liegen der zweifache Saisonsieger Vinzenz Geiger (SC 1906 Oberstdorf) und Fabian Rießle (SZ Breitnau) auf den Rängen zwei und drei. Der wiedererstarkte Eric Frenzel (SSV Geyer) folgt auf Rang fünf, Manuel Faißt (SV Baiersbronn) auf Rang acht. In der Nationenwertung, die von 2012 bis 2017 fest in deutscher Hand war, liegt man erstmals seit drei Saisons wieder in Führung.

Beim letzten Weltcupwettbewerb vor Seefeld überzeugte auch der Japaner Akito Watabe, Weltcupgesamtsieger der Saison 2017/18. Im finnischen Lahti ließ er nach einer beeindruckenden Vorstellung Riiber hinter sich. Im Gesamtweltcup schob sich Watabe auf Rang vier. Die Hoffnungen des Gastgeberlandes Österreich ruhen auf Nachwuchstalent Johannes Lamparter. Der 19jährige Juniorenweltmeister schaffte es in dieser Saison im Weltcup schon aufs Podest und ist in der Gesamtwertung Siebter.

Für die Damen wird es so bald kein Nordic Combined Triple geben. Immerhin fand Mitte Dezember in Ramsau der erste Weltcupwettbewerb für Damen in der Nordischen Kombination statt. Die siegreiche US-Amerikanerin Tara Geraghty-Moats wurde von der FIS zur »Athletin der Woche« gekürt. Ein Schritt in die richtige Richtung.

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