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Aus: Ausgabe vom 28.01.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Die Eismassen krachen

Forschungsexpedition: »Eingefroren am Nordpol« schildert einen Alltag unter Extrembedingungen
Von Burkhard Ilschner
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Kalte Fakten: Forscher auf der Eisscholle, die die »Polarstern« umgibt (Dezember 2019)

Es geht um ein eisiges Abenteuer: die bislang größte Arktisexpedition aller Zeiten, die einjährige Nordpolreise des Bremerhavener Forschungseisbrechers »Polarstern«. Der Name des Projekts, Mosaic, steht für Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate: Multidisziplinäres schwimmendes Observatorium zur Erforschung des arktischen Klimas. Im Herbst 2019 hatten die Forscher die »Polarstern« mehrere hundert Kilometer vom Nordpol entfernt in einer Eisscholle festfrieren lassen – dabei orientierte man sich an Daten des Pioniers Fridtjof Nansen aus den 1890er sowie sowjetischer Polarexpeditionen der 1930er Jahre. Anschließend war das Schiff (mit kurzer Unterbrechung) ein Jahr lang durch das Nordpolarmeer gedriftet – dicht am Nordpol vorbei und bis zur Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen. An Bord lebten und arbeiteten in wechselnder Besetzung einige hundert Forschende aus 20 Nationen und unterschiedlichsten Fachrichtungen. Ihre gemeinsame Aufgabe: kontinuierliche Messungen des Wassers, des Eises sowie der Luft – bis in große Höhen – vorzunehmen und so in der Arktis als dem »Epizentrum des Klimawandels« wissenschaftliche Daten zu sammeln, um aktuelle Modelle der Klimaentwicklung überprüfen, korrigieren oder in Teilen neu erstellen zu können.

Diese kurze Beschreibung macht klar: Das Projekt Mosaic war auch ein gigantisches logistisches Vorhaben. Eine mehrjährige Vorbereitung war nötig; während des Expeditionsjahres bedurfte es der Unterstützung von zwei weiteren deutschen Forschungsschiffen sowie vier russischen Eisbrechern, die zusammen mit Flugzeugen und Helikoptern nicht nur die Versorgung, sondern auch mehrfachen Teamwechsel gewährleisteten. Insbesondere die Tatsache, dass während der bereits mehrere Monate laufenden Expedition die Coronapandemie ausbrach, sorgte hier für etliche Komplikationen.

Das vorliegende Buch ist nur eine von mehreren Veröffentlichungen, mit denen unmittelbar nach Ende der Reise die publizistische Auswertung begonnen wurde – übrigens lange vor der wissenschaftlichen, die angesichts der Menge an Messdaten und Proben wohl mehrere Jahre dauern dürfte. Autor dieses Buches ist der 54 Jahre alte Atmosphärenphysiker Markus Rex vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) als Leiter dieser Expedition. Er hat das toll illustrierte Werk über die einem »Logbuch« gebührende Sachlichkeit hinaus auch als Tagebuch geschrieben. Das Buch gibt die Tage 1–103 und 225–367 wieder, dazwischen hatte Rex »Pause« in der Heimat, wenngleich die geplante Erholung beeinträchtigt wurde durch die Pandemie und deren organisatorische Bewältigung.

Insgesamt schildert er einen Alltag unter Extrembedingungen, erläutert wissenschaftliche Fakten – ergänzt durch Retrospektiven und zusätzliche »Erklärkästen« – und beschreibt leidenschaftlich einen faszinierend unbekannten Teil dieser Welt. Kaum ein Tag vergeht an Bord ohne unerwartete Herausforderungen. Die natürliche Umgebung des Eises und des Polarmeers in der Dunkelheit der langen Winternacht – meist schön, oft bedrohlich –, plötzlich sich krachend verändernde Eismassen oder aufbrechende Spalten, neugierige Eisbären, beeindruckende Polarlichter, frostige Stürme, in eisiger Kälte versagende Technik, logistische Probleme und vieles andere mehr: Für permanente Überraschungen ist in dieser sachlich fesselnden und überwiegend flüssig zu lesenden Mischung aus Log- und Tagebuch gesorgt.

Markus Rex: Eingefroren am Nordpol. Das Logbuch von der »Polarstern«, Verlag C. Bertelsmann, München 2020, 320 Seiten, 28 Euro

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