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Aus: Ausgabe vom 25.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Nachruf

Dem Hacks sein Engels

Am 21. Januar verstarb der Dichter André Müller sen. im Alter von 95 Jahren
Von Felix Bartels
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André Müller sen. (geb.8.3.1925 in Köln – gest.21.1.2021 ebd.) auf seinem »Landsitz« in Juntersdorf, Voreifel (2009)

»Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt.« Der Mutige ist, wenn er stirbt, noch lange nicht gestorben. Gewiss, den Tod zu überdauern, bedarf es der Erinnerung durch andere. Dafür hat André Müller in seinem Fall gesorgt, mit einem beachtlichen Werk. Mutig war er eh.

Wie anders? Er musste das Leben ja im Kampf erlernen. Jüdischer Herkunft wegen von den Nazis verfolgt, dem Zwangsarbeitslager Bedburg entflohen, bis zum Ende des Krieges im Untergrund, danach als gelernter Proletarier und Mitglied der KPD im Widerstand gegen den Adenauer-Staat. Stets mit einem Bein in der Illegalität und dem anderen in der DDR, wo weitere Kämpfe warteten: gegen Regietheater, neue Romantik und zunehmende Orientierung am Westen. Und wieder fand er sich bei der Minderheit. Wo eine Gesellschaft außer sich ist, wird die politische Mitte exzentrisch.

Müller hat sich nie abgewöhnt, die Welt als beständige Kollision zu begreifen. Leicht konnte man ihm zum Feind werden, nicht immer war man auch einer. Zieht man indes einen ­dicken Strich unter seine gesammelten Aversionen, lässt sich nicht leugnen, dass er oft richtig lag.

Die andere Seite bei ihm ist der Genuss. Eine regelrechte Sucht nach Genüssen, der Wein mit den Oliven, die Kommode aus dem Rokoko, die Alexandriner von Racine oder die Musik Offenbachs. Ich zögere, von Hedonismus zu sprechen, weil dieser Ausdruck heute der Verständigung kampfunlustiger Linker dient. Für Müller schloss sich das gerade nicht aus. Im Sozialismus der 60er, schreibt er in »Der erste Paukenschlag« (1996, siehe jW-Thema vom Wochenende), ging es darum, neben dem Kämpfen auch das Leben zu lernen.

Obgleich Bürger der BRD, wohnte Müller längere Zeit in der DDR und – wichtiger – ließ sich auf sie ein. Vielleicht war er der einzige deutsche Autor, dessen Werk an das Innerste beider Systeme rührte. Er bespielte viele Genres: Drama, Essay, Briefe, Anekdoten, Kinderbuch; sein Hauptwerk ist die Epik. Mit drei großen Erzählungen deckte er die Epoche ab. »Die Partei der Knoblauchfreunde« (1985) – eine Parabel für die Geschichte der Bolschewiki, darin die jakobinische Logik einer jeden Revolution durchgespielt wird. »Anne Willing« (2007) – ein Schlüsselroman zur Geschichte der DDR, in dem der Wechsel von Ulbricht zu Honecker sich als »Wende vor der Wende« erweist. »Am Rubikon« (1975, erstmals gedruckt 1987) – eine Satire auf das Elend der Achtundsechziger, die vor der Wahl zwischen Opportunismus und Terrorismus stehen. Dreimal Pflichtlektüre für künftige Kaderschulungen.

Nahezu organisch scheint Müllers Verhältnis zu Peter Hacks. Das dokumentieren seine Aufzeichnungen, die »Gespräche mit Hacks« (2008), sowie der umfangreiche Briefwechsel, der bald erscheinen soll. Hacks war der größere Künstler, sprachlich, dramaturgisch und was die Einfälle betrifft; sicher auch breiter aufgestellt im Inhalt. Gleichwohl sprachen sie auf Augenhöhe. Die Überwindung der ­Ästhetik Brechts, das ­Credo der sozialistischen Klassik, die Interpretation klassischer Dramen, Verteidigung des NÖS, Etablierung eines affirmativen Begriffs von Staatlichkeit, frühe Kritik an der Neuen Linken, letzte Gefechte gegen Gorbatschow – alle diese Schritte sind Koproduktionen gewesen. Wolfgang Harich, oft in Laune, brachte es auf die Formel: »André Müller ist dem Hacks sein Engels.«

Ihr gemeinsam entwickeltes Geschichtsbild war dem Marxismus-­Leninismus verbunden, doch emanzipiert durch Selbständigkeit. Es steht zu hoffen, dass der es irgendwann in sich aufnehme, meinethalben kritisch. Die Sache hatte zwei Wurzeln, eine politische, eine ästhetische. Der Forderung nach einer Kunst, die ihren Wert für Erkenntnis und Politik gerade dadurch befördert, dass sie sich Wissenschaft und Politik nicht dienstbar macht, gesellte sich die Auffassung bei, dass in den Dramen der europäischen Klassiker die soziale Struktur des Absolutismus ausgelegt ist und mittels dieser Struktur auch der Sozialismus begriffen werden kann. Auslöser waren zwei Ereignisse: die Veröffentlichung von Robert Weimanns Studie »Drama und Wirklichkeit in der Shakespearezeit« (1958) und die Einrichtung des Staatsrats in der DDR (1960). »Weimann hat da den Absolutismusbegriff schon vollständig (…). Kein Buch hat uns beide damals mehr beeindruckt«, schrieb André Müller mir im Mai 2008 und ergänzte: »Die Beschäftigung mit der Klassik geschah also vollkommen gleichzeitig mit der Entdeckung des Absolutismus.«

Die größte Leistung André Müllers hängt damit zusammen: Er hat verstanden, worum es bei Shakespeare geht. Und damit eine ganze, politisch unterbelichtete Philologie beschämt, einfach indem er die Stücke las. Die in »Shakespeare ohne Geheimnis« (1980/2006) und »Shakespeare verstehen« (2004) versammelten Aufsätze geben – auch wenn Müller sich im zweiten Band etwas zu sehr auf sein Grundschema verlässt – eine Andeutung davon, wie die Interpretation poetischer Werke sich methodisch zu präparieren hätte: Close Reading und die historisch-materialistische Perspektive auf die im Werk verarbeitete gesellschaftliche Wirklichkeit arbeiten gemeinsam, und ganz nebenbei wird eine Epoche auf den Kopf getroffen.

Wenn nichts bleibt, das wird bleiben. Aber natürlich wird viel mehr bleiben. Mein Wort drauf, von ­Knoblauchfreund zu ­Knoblauchfreund.

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