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Aus: Ausgabe vom 27.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Die Melodie ist nur eine Ausrede

Irgendwer bleibt auf der Strecke: Zwei Filme über Stimme, Geld und die Seele der Musik
Von Peer Schmitt
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Seele sucht Musiker: Szene aus dem Animationsfilm »Soul«

Wer singt? Wer spricht? Wessen Stimme zählt?

»Sie scheren sich einen Dreck um mich. Alles, was sie wollen, ist meine Stimme. Das hab ich schon mal begriffen, und sie werden mich genauso behandeln, wie ich das will, ganz gleichgültig, wie sehr es ihnen weh tut. Sobald sie meine Stimme dann mit einer dieser Maschinen aufgenommen haben, ist’s wieder, als wäre ich irgendeine ­Nutte, und sie drehen sich um und ziehen sich die Hose hoch. Danach bin ich nutzlos für sie.«

Die Stimme, die das ausspricht, gehört der Figur der Gertrude »Ma« Rainey im Theaterstück »Ma Rainey’s Black Bottom« des 2005 verstorbenen Dramatikers August Wilson. Das Stück stammt aus den frühen 1980ern und spielt in einem Chicagoer Aufnahmestudio am ­Ende der 1920er Jahre. Die historische Aufnahmesession des Blues, der ihm den Titel schenkt, ist auf den Dezember 1927 datiert. Da ging es mit der Karriere von Ma Rainey bereits so langsam zu Ende, aber noch war sie ein gewaltiger Star – »The Mother of the Blues« – in einer Unterhaltungsindustrie, die sich zu jenem Zeitpunkt in einem Umwälzungsprozess befand. Es war u. a. ihre Stimme, die die zuständige Plattenfirma Paramount reich machte.

Der Umwälzungsprozess betrifft nicht nur einen musikalischen Geschmack, der sich ändert und den klassischen Blues und die Stimmen seiner Mütter plötzlich auf die hinteren Plätze verweist, oder die generelle sozioökonomische Dynamik, die den Ort des Geschehens von den Tourneen der Theatertruppen des ländlichen Südens zu den Klubs des urbanen, industriellen Nordens verlagert. Er betrifft den Status und die, wenn man so will, Produktion und Distribution der Stimme selbst. Die Seelenhändler verkaufen fortan vornehmlich nicht mehr den Auftritt, sondern den Tonträger, nicht mehr den Körper der Stimme, sondern ihre Aufnahme.

Geister für Geld

Dass Aufnahmetechnik dazu führt, dass die Stimme keine physische Präsenz voraussetzt und diese nicht einmal garantieren kann, höchstens als gespenstische Spur einer ebenfalls alles andere als gesicherten Vergangenheit, gehört mittlerweile zu den Gemeinplätzen der medientheoretischen und dekonstruktivistischen Stimmen (zum Technoblues, den Freud, Brecht/Benjamin, Derrida, Kittler, Penman, Fisher u. v. a. m. angestimmt haben).

Die technische Aufnahme löst die Stimme von »ihrem« Körper, nimmt sie fort und verwandelt sie in ein Artefakt, letztlich in eine Ware, die im Zentrum eines vertraglichen Tauschverhältnisses steht. Wie die Seele im Vertrag zwischen Teufel und Musiker in der Bluesmythologie oder der Sex zwischen Hure und Freier in Ma Raineys weisen Worten.

Einerseits raubt die Technik also die Stimme. Andererseits verstärkt, elektrifiziert, verewigt und individualisiert sie sie. Die Stimme des Artefakts ist aus dem Bühnenensemble gelöst, verselbständigt steht sie nun für sich in einer ewigen Gegenwart möglicher Wiederholbarkeit.

In der von Netflix produzierten sehr wortgetreuen Filmadaption von »Ma Rainey’s Black Bottom« (Regie: George C. Wolfe) geht es um das Warten der Band im Studio. Die Band wartet auf ihre Stimme, ihre Brotgeberin, ihren Star: Ma Rainey (gespielt und gesprochen von Viola Davis). Das Warten evoziert den Auftritt. Der Auftritt produziert wiederum die Stimme und deren Aufnahme. Am Ende wird die Aufnahme von »Ma Rainey’s Black Bottom« verewigt, ein Vertrag (Stimme gegen Geld) geschlossen und nebenbei irgend jemand auf der Strecke geblieben sein.

Bis dahin vertreibt sich die Band die Wartezeit mit den Erzählungen, wie das jeweilige Mitglied zu seiner Stimme, seiner Geschichte gekommen ist. Der Pianist (Glynn Turman) extemporiert eine Art pessimistische Kulturanthropologie, in der im großen Eintopf der Kultur die Schwarzen das Schicksal haben, das zu sein, was übrig bleibt: Abfall, Leftovers. Das gilt es zu ändern. Die Ambitionen des jungen Kornettisten (Chadwick Boseman in der letzten Rolle vor seinem Tod) gehen in diese Richtung. Da es eine individualistische und kommerzielle Ambition ohne politische und ökonomische Erdung ist, wird sie scheitern.

Ma Rainey selbst wiederum war freilich keine tragisch betrogene, letztlich scheiternde Künstlerin à la Billie Holiday. Ihre Ambitionen und Allüren sind beharrlich geerdet. Sie war ein Theaterpferd mit Bühnenerfahrung in den Vaudevilletheatern und Wanderzirkuszelten des Südens mindestens seit 1902 und wurde eine verhältnismäßig wohlhabende Theaterbesitzerin. Ihr Selbstbewusstsein ist entsprechend voluminös. Die Großspurigkeit steht aber immer an der Grenze zur gewollten Selbst­parodie. Das ist das Geheimnis des Jazz: Das Parodistische – das Vaudeville, das laszive Faxenmachen steht bereits am Ursprung, nicht erst am Ende. Ma Raineys Welt ist die des Auftritts, das Theatermachen. Die technische Reproduktion überlässt sie den Seelenverkäufern. Doch genau die ist der Schlüssel, das zu verstehen, was immer noch läuft.

Leben lernen

Im neuen Disney-Pixar-Animationsfilm »Soul« ist Jazz natürlich kein »Abfall« mehr, dessen Geschichte von einer schwergewichtigen literarischen Maschine erklärt/aktualisiert werden muss. Jazz ist bereits verdautes kulturelles Erbe, Schulstoff, mithin ein Ladenhüter. Entsprechend arbeitet der Jazzpianist (gesprochen von Jamie Foxx), um dessen Seele sich der Film dreht, nicht als professioneller Musiker (sein Lebenstraum), sondern als Aushilfsmusiklehrer an einer Grundschule. »Schwarze improvisierte Musik – es ist eine unserer größten Beiträge zur amerikanischen Kultur«, hatte ihm sein Vater auf dem Weg hinab in den Jazzkeller noch mitgegeben. Jazz ist ein Bildungsprozess, das Ausbilden einer Stimme: »Die Melodie ist nur eine Ausrede, um dein Selbst hervorzubringen«, sagt der Pianist.

Nicht nur der Jazz ist in dem Film Angelegenheit der Schule. Selbst das Zwischenreich der verlorenen Seelen, in dem der Jazzpianist zwischenzeitlich landet – er liegt nach einem Unfall im Koma und muss seine Seele schleunigst in seinen Pianistenkörper zurückführen, wenn er den Auftritt im Jazzkeller noch pünktlich hinbekommen will – ist nach dem Schulmodell organisiert. Die Seelen werden in Kursen darin unterrichtet, wie man lebt. In diesem Jenseits der Unterweisung sind die Seelen blau, wie bei Duke Ellington, Picasso und den Schlümpfen. Eine der Seelen ist darüber hinaus sehr phlegmatisch. Keine Berufung, keine Philosophie, kein berühmtes Exemplum, nicht einmal Jazz kann sie zunächst davon überzeugen, dass die physische Existenz sich lohnt. Eine Stimme aber hat sie (die der Komikerin Tina Fey). Was den Jazzpianisten wiederum wundert: »Warum redest du eigentlich wie eine Weiße mittleren Alters?« Die phlegmatische Seele antwortet, diese Stimme sei lediglich eine technische Illusion, eine »Hypothese«, sie könne in jeder Stimme sprechen (und beweist es). Die Stimme einer »Middle-aged white Lady« habe sie gewählt, weil diese die Leute am ehesten nervt. »Sehr effektiv!« bestätigt der Pianist.

Und das trifft es dann wohl: Alle Stimmen können technisch reproduziert, manipuliert, simuliert werden – eine Geisterexistenz führen –, aber immer nur eine bestimmte Stimme ist rhetorisch effektiv, sprich: kann auf die Nerven gehen.

»Ma Rainey’s Black Bottom«, Regie: George C. Wolfe, USA 2020, 93 Minuten, auf Netflix

»Soul«, Regie: Pete Docter, USA 2020, 101 Minuten, auf Disney plus

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