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Aus: Ausgabe vom 27.01.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Von Friedhof zu Friedhof

Literarische Leichenfledderei: In seinem Roman »In zwangloser Gesellschaft« trägt Leonhard Hieronymi die eigene »Ultraromantik« zu Grabe
Von Marc Püschel
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Der Protagonist hängt auf Friedhöfen ab. Es geht ihm dabei nicht um Jesus, sondern andere Superstars

Auf seinen Debütroman, so hieß es in der Branche, haben viele gewartet, seitdem Leonhard Hieronymi 2017 sein Manifest »Ultraromantik« veröffentlicht hatte. Darin hatte der Nachwuchsschriftsteller allerlei esoterische Weisheiten zum besten gegeben: »Die Romantik und das Romantische bestehen aus Wahrheit, wenn es um das Gefühl und die Natur geht. Ein Wald ist nicht nur ein Wald, er ist immer auch das Konglomerat eines ganzen millionenjährigen Seelenlebens.« Die Leiden des jungen Romantikers sind: All der Quatsch war schon einmal da. Darum die verzweifelt wirkende Steigerungsform, die mit der Forderung nach einer neuen Verschmelzung von Romantik und Science-Fiction einherging.

Diesem Projekt anverwandt sind die von Hieronymi mitbegründeten »Rich Kids of Literature« – ein Berliner Literaturkollektiv, das vor drei Jahren für kurze Zeit die Aufmerksamkeit der Feuilletons erlangte, indem es sich wie alle Autorengruppen, die es noch nicht ins etablierte Literaturgeschäft geschafft haben, in rebellische und zugleich elitäre Pose warf. Die ironisch »reichen Kinder« riefen eine neue literarische Bewegung aus und prangerten ein »inoffizielles Ekstaseverbot« an, was im Kulturbetrieb der Hauptstadt vor Corona einigermaßen witzig wirkte. Sie wären so gerne verboten und werden doch immer nur gedruckt.

Hieronymi ist immerhin schon so weit im Betrieb angekommen, dass sein erster Roman »In zwangloser Gesellschaft« im September bei Hoffmann und Campe erscheinen konnte. Die Handlung ist rasch erzählt: Der junge Ich-Erzähler begibt sich auf eine Reise durch Mittel- und Osteuropa, um die Gräber berühmter oder vergessener Schriftsteller aufzusuchen. Das Beste vorweg: Hieronymi verschont uns mit jugendlichem Pathos, wie man es etwa aus dem Film »Der Club der toten Dichter« kennt, und verzichtet ebenso auf eine aufdringlich als Tabubruch gefeierte Pietätlosigkeit. Ekstase auf Friedhöfen wird nur angedeutet, etwa wenn der Erzähler neben Harry Rowohlts Grab in Hamburg eine leere Whiskyflasche findet, und auch die Besuche bei Novalis, Nietzsche und Kafka fallen entgegen der Erwartung erfreulich nüchtern aus.

Davon abgesehen breitet der Roman das ganze Elend des Fragmentarischen aus. Die Erzählung springt von Friedhof zu Friedhof, jede Schilderung der mit wechselnden Begleitungen erfolgenden Besuche besteht aus einer kurzen Rahmenhandlung, Reflexionen über den Verstorbenen und Beschreibungen der Gräber, doch es gibt so gut wie nichts, was diese Episoden zusammenbindet. Sichtlich bemüht sich Hieronymi um einen ironischen Umgang mit dem Tod, etwa wenn er Friedhof-Apps benutzt oder über Grabbewertungen im Internet schreibt, aber selbst dieser ironische Ton klingt nur hin und wieder an und entfaltet daher keinerlei Wirkung. Ebensowenig findet sich ein einheitlicher Erzählstil oder eine verbindende Stimmung. Um überhaupt so etwas wie höhere Bedeutung in den Roman zu bringen, wird versucht, den Klimawandel als Hintergrundkulisse einzubauen. Doch trotz der Beschreibung verdorrter Grabstellen kommt so etwas wie eine bedrohliche Atmosphäre nicht einmal im Ansatz zustande – allenfalls wird das Ironische erfolgreich konterkariert. An anderer Stelle, auf der Suche nach Ovids Grab am Schwarzen Meer, soll der Eindruck existentieller Ergriffenheit vermittelt werden, doch auch dieser Teil des Roadtrips bleibt isoliert, die plötzlich neue Gefühlslage unglaubwürdig. Die Jury des Bachmannpreises 2020, für den Hieronymi nominiert war, bemängelte anlässlich dieser Episode unter anderem »Mittelmaß im Handwerk«.

Selbst der Versuch, an typisch romantische Sujets anzuknüpfen, wirkt konstruiert: »Maria und ich legten an einem weiteren heißen Sommertag in Berlin Tarotkarten für die ›junge deutsche Literatur‹ und speziell für diejenigen deutschsprachigen Schriftsteller, die im Feuilleton als die zukünftigen Heilande betrachtet wurden.« Das soll wohl hyperironisch sein, mündet aber letztlich nur in argen Plattitüden: »Aber wenigstens einen Glauben haben, das tat schon gut.«

Die Sprache fällt durch ein Zuviel an Reflexionen – auch das ein Übel der Romantik – oft spröde aus. Manches klingt eher nach dem Aufsatz eines Schülers, der seine Absichten erläutern muss, denn nach echter Literatur. Die von Hieronymi eingeforderte Science-Fiction findet nur als eingeschobene Reflexion anlässlich des Besuchs am Grab des Genreautors Karl-Herbert Scheer statt. Auffallend ist dagegen vor allem die eigentümliche Inhaltsleere des Buchs. Eine eigenständige Erzählung kommt nur in Ansätzen auf, Substanz geben einzig die Beschreibungen der Ruhestätten der großen Literaten und die Anekdoten aus ihrem Leben. So bleibt nur Leblosigkeit. Das Debüt der »Ultraromantik« ist eine Totgeburt.

Leonhard Hieronymi: In zwangloser Gesellschaft. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020, 240 Seiten, 24 Euro

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