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Aus: Ausgabe vom 27.01.2021, Seite 1 / Titel
Corona und Ausschreitungen

Pandemiefrust explodiert

Sozialrevolte in den Niederlanden: Angriffe auf Polizeistation. Plünderungen durch Jugendliche
Von Gerrit Hoekman
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Vor dem Bahnhof in Eindhoven brennt am Sonntag ein Auto

Die Niederlande kommen nicht zur Ruhe: Am Montag abend ist es in mehreren Städten erneut zu Ausschreitungen gekommen. Besonders betroffen waren diesmal Den Bosch und Rotterdam. Laut Polizei gab es insgesamt 184 Festnahmen. Gruppen von Jugendlichen – darunter nicht wenige, die keine 18 Jahre alt waren – hatten sich vor der Corona­ausgangssperre um 21 Uhr in mehr als zehn Städten versammelt.

Eines der Ziele in Rotterdam war offenbar eine Polizeistation. Sie wurde von den Jugendlichen mit Feuerwerkskörpern und Steinen angegriffen. Die Einsatzkräfte setzten Wasserwerfer ein, einer der Beamten gab laut Medienberichten einen Warnschuss ab. Auf Bildern in den sozialen Medien ist zu sehen, dass auch Einsatzwagen attackiert wurden. Wie die Polizei berichtete, wurde bei den Ausschreitungen von den Jugendlichen bewusst die Konfrontation mit der Staatsmacht gesucht.

Auch zu Plünderungen ist es gekommen. Egal ob Supermarktkette oder kleiner Einzelhandel – es wurden die Schaufenster von Läden eingeschlagen und Waren herausgetragen. In der Tageszeitung Algemeen Dagblad durfte ein Juwelier aus Rotterdam über einen Schaden von mehreren Zehntausend Euro klagen. Ihm seien Uhren und Schmuck gestohlen worden.

Da versteht der niederländische Staat keinen Spaß. Justizminister Ferdinand Grapperhaus kündigte am Dienstag schnelle Gerichtsverfahren und Strafen ohne Bewährung an, wie die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt NOS meldete. »Wir sind bereit, und wir gehen extrem hart dagegen vor.« Regierung und Polizei schlossen einen Einsatz der Armee jedoch aus. Den hatte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter der rassistische Politiker Geert Wilders gefordert. Er beschuldigte am Montag im Parlament Linke und Migranten, für die Ausschreitungen verantwortlich zu sein.

Welchen weltanschaulichen Hintergrund die Jugendlichen hatten, die am Montag abend protestierten, darüber gibt es bislang keine Informationen. Von den Althippies, Geschäftsinhabern, Kneipiers, Esoterikern, Migranten, Hooligans und Faschisten, die sich noch am Sonntag unter anderem auf dem Museumsplatz in Amsterdam versammelt hatten, um eine Aufhebung der Ausgangssperre und anderer Coronamaßnahmen zu fordern, war jedoch nichts mehr zu sehen.

Auch in den Niederlanden hat die Pandemie die Krise verschärft. Viele sorgen sich um ihre Zukunft, sind von der Pleite bedroht. Konzerne nutzen unterdessen die Gelegenheit, um im großen Stil Menschen zu entlassen. Vor allem die Jugend wird allein gelassen – dazu kommt jetzt auch noch die Ausgangssperre, die alle sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert.

Den rechtsliberalen Premierminister treiben andere Gedanken um: »Man fragt sich wirklich: Was denken diese Leute? Das hat nichts mit dem Kampf für Freiheit zu tun«, sagte Mark Rutte laut der Tageszeitung Trouw noch am Montag. Er sprach von »krimineller Gewalt« und »Idioten« und pries das Auftreten der Polizei als »an allen Orten sehr adäquat«.

Wie die Proteste einzuschätzen sind, ist unterdessen auch unter Antifaschisten auf der Onlineplattform »indymedia.nl« noch unklar. »Lasst euch nicht einsperren durch Staat und Kapital!«, schrieb ein anonymer User am Montag. »Wir werden niemals mit Nazis marschieren (Forum für Demokratie, PEGIDA, Q-Anon). Die Geschichte hat gezeigt, dass dies immer eine schlechte Idee ist«, antwortet ein anderer, ebenfalls anonym.

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