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Aus: Ausgabe vom 26.01.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Hilfe weltweit

Kubanische Brigaden würdigen

Abgeordnete der Linken nominieren Henry-Reeve-Kontingent für Friedensnobelpreis. Deutliche Anerkennung für internationale Solidarität gefordert
Von Volker Hermsdorf
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»Grazie«: In Europa hat vor allem das schwer betroffene Italien von der medizinischen Hilfe aus Kuba profitiert (Havanna, 9.6.2020)

Auf Initiative der Hamburger Bundestagsabgeordneten Zaklin Nastic von der Partei Die Linke haben zwölf Fraktionsmitglieder ihrer Partei die nach Henry Reeve benannte internationale Ärztebrigade aus Kuba für den diesjährigen Friedensnobelpreis vorgeschlagen. »Kubanische Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger haben mit ihren weltweiten Einsätzen etwa vier Millionen Menschen behandelt und rund 90.000 Leben gerettet«, heißt es in dem Schreiben an das zuständige Nobelpreiskomitee in Oslo. Die Antragsteller verweisen unter anderem auf die Hilfe der Henry-Reeve-Brigaden, die das Gesundheitspersonal in vielen Ländern unterstützen, um an Covid-19 erkrankte Patienten zu behandeln und die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen.

»Gerade jetzt ist es wichtig, mit der Nominierung der Henry-Reeve-Brigaden für den Friedensnobelpreis ein deutliches Zeichen zu setzen«, erklärte Nastic gegenüber jW. »Expräsident Donald Trump hat Kuba als eine seiner letzten Amtshandlungen noch auf eine US-Liste von Ländern gesetzt, die angeblich den Terrorismus fördern – und das, kurz nachdem sich der Inselstaat in der Coronapandemie ganz besonders solidarisch gezeigt hatte. Ausgerechnet aus Kuba, das seit über 60 Jahren mit einer mörderischen Blockade belegt ist, die auch im medizinischen Bereich fatale Auswirkungen hat, wurden Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger in alle Welt entsandt. Wie schon zahlreiche Male zuvor, zum Beispiel während der Ebolaepidemie in Westafrika, haben sie ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um das anderer zu retten«, begründet die menschenrechtspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag die Nominierung.

Mehrere deutsche Universitätsprofessoren, die nach den Richtlinien des Osloer Komitees – wie Mitglieder des Parlaments – Vorschläge machen können, haben sich ebenfalls für die Verleihung des Friedensnobelpreises an die kubanischen Helfer ausgesprochen. Seit seiner Gründung im Jahr 2005 hatte das Ärztekontingent bereits Tausende Menschenleben in von Naturkatastrophen und Epidemien heimgesuchten Gebieten Afrikas, Lateinamerikas, und Asiens gerettet. Mehr als 9.000 kubanische Gesundheitsfachkräfte haben bisher – gemäß dem Motto der Brigaden »Por la Vida« (Für das Leben) – an Missionen teilgenommen, auf die sie intensiv und auf Kosten des kubanischen Gesundheitswesens vorbereitet wurden. Nach Ausbruch der Coronapandemie haben Mitglieder der Brigaden dann in zahlreichen – darunter auch einer Reihe von europäischen – Ländern maßgeblich dazu beigetragen, Patienten zu versorgen und die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen.

Durch ihre Einsätze, betonen Antragsteller aus aller Welt, gehören die Henry-Reeve-Brigaden genau zu denen, die im Sinne des Preisstifters ausgezeichnet werden sollten. In seinem Testament hatte Alfred Nobel 1895 verfügt, dass der nach ihm benannte Friedenspreis jährlich an diejenigen verliehen werden soll, »die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben«. Zu bisherigen Preisträgern, die für humanitäre und medizinische Einsätze geehrt wurden gehören deshalb unter anderem das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (1917, 1944 und 1963), das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (1965) und die Organisation Ärzte ohne Grenzen (1999).

Einige Empfänger sind allerdings heftig umstritten. »Es gibt etliche unrühmliche Preisvergaben in der Geschichte der Nobelpreise, wenn man nur an Henry Kissinger, Barack Obama oder auch die Europäische Union denkt. Trotzdem kann die Nominierung für den Friedensnobelpreis, unabhängig davon, ob das Komitee letztendlich dem Vorschlag folgt, auch eine wichtige Wirkung haben, um, verbunden mit einer Kampagne, Menschen oder Organisationen zu stärken, so wie wir es letztes Jahr mit der Nominierung von Julian Assange erreicht haben. Schließlich ist das Aufdecken von Kriegsverbrechen ein wichtiger Beitrag für den Frieden gewesen«, begründete die stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke, Heike Hänsel, gegenüber jW die diesjährige Nominierung.

Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Ärztebrigaden im Mai 2017 mit dem nach ihrem früheren Generaldirektor benannten Lee-Jong-Wook-Preis auszeichnete und dabei dem Henry-Reeve-Kontingent bescheinigte, »eine Botschaft der Hoffnung in die ganze Welt verbreitet« zu haben, versuchen die USA den Einsatz kubanischer Mediziner zu diskreditieren. Die Regierung Trumps übte Druck auf andere Länder aus und drohte mit Sanktionen, wenn diese medizinische Hilfe von der Insel in Anspruch nehmen. Trotzdem waren bis Herbst vergangenen Jahres 46 Brigaden mit über 3.700 kubanischen Gesundheitskräften in bisher 39 Ländern bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie im Einsatz.

Wie viele Kubaner hofft auch Nastic, dass der neue US-Präsident Sanktionen gegen die Inselrepublik – wie im Wahlkampf angekündigt – aufhebt. Dennoch mahnt sie: »Solidarität mit Kuba wird auch während der Präsidentschaft Joseph Bidens nötig sein.« Gegenüber jW kündigte die Initiatorin der Nominierung an: »Wir fordern weiterhin, dass die Blockade umgehend aufgehoben wird. Bis dahin stehen die EU und die Bundesregierung in der Pflicht, endlich einen wirksamen Schutzmechanismus vor den extraterritorialen Auswirkungen der US-Sanktionen zu schaffen.«

Hintergrund: Hilfe aus Kuba

Seit seiner Gründung am 19. September 2005 hat das für Hilfseinsätze bei Naturkatastrophen und Epidemien eingerichtete »Internationale Ärztekontingent ›Henry Reeve‹« 71 Gesundheitsbrigaden in verschiedene Teile der Welt geschickt. Je nach Art des gesundheitlichen Ereignisses können die Kräfte innerhalb von 24 bis 48 Stunden mobilisiert werden. Von den Brigaden wurden 46 zur Eindämmung von Covid-19, drei zur Bekämpfung der Ebolaepidemie in Westafrika, zwei während der Choleraepidemie in Haiti und 20 zur Bewältigung von Naturkatastrophen eingesetzt. Acht dieser Notfallbrigaden halfen nach Überschwemmungen, sieben bei Erdbeben, und fünf waren auf die Hilfe für Opfer von Wirbelstürmen spezialisiert.

Mit dieser Spezialeinheit zur Verstärkung kubanischer Hilfseinsätze wolle sein Land der Welt die Hilfe zur Verfügung stellen, zu der die wohlhabenden Nationen des Westens nicht fähig sind, begründete Fidel Castro den von ihm initiierten Aufbau der Ärztebrigaden. Obwohl Gesundheit ein universelles Menschenrecht sei, hätten »die reichsten und am weitesten entwickelten Gesellschaften, beherrscht vom Gewinn und dem Konsumdenken, ärztliche Dienstleistungen in eine vulgäre Ware verwandelt, die somit für ärmere Schichten der Bevölkerung unerreichbar sind«, sagte der 2016 verstorbene Revolutionsführer bei Gründung des nach Henry Reeve, einem jungen US-amerikanischen Unterstützer des kubanischen Unabhängigkeitskampfes, benannten Kontingents.

Als hätte er die globalen Folgen der derzeitigen Pandemie vorausgesehen, warnte Castro schon vor mehr als 15 Jahren: »Sogar in unwahrscheinlich reichen Ländern wie den Vereinigten Staaten fehlen Programme zur Gesundheitsversorgung und medizinischen Betreuung.« Deshalb, so Kubas damaliger Präsident, »bieten wir an, Fachkräfte auszubilden, die bereit sind, gegen den Tod zu kämpfen. Wir werden beweisen, dass es Antworten auf viele Tragödien des Planeten gibt. Wir werden den Wert des Bewusstseins und der Ethik beweisen. Wir bieten Leben.« (vh)

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