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Telefonieren

Von Helmut Höge
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In Berlin gab es 1925 schon eine halbe Million Telefonanschlüsse, mit denen täglich 1,25 Millionen Gespräche geführt wurden. Berlin galt als »die telefonwütigste Stadt der Welt«, lese ich in Rolf Lindners Buch »Berlin. Absolute Stadt« (2017).

Postmodernen Kulturkritikern geriet die schier manische öffentliche Telefoniererei immer öfter ins Visier. So befasste sich Vilém Flusser mit dem Machtgefälle zwischen Anrufer und Angerufenen. Und Roland Bar­thes schrieb in seinen »Fragmenten einer Sprache der Liebe« (1984): »Ich versage es mir, auf die Toilette zu gehen, und selbst zu telephonieren, um die Leitung freizuhalten.« Heute gibt es kaum noch einen Spielfilm, in dem die Handlung nicht durch einen oder mehrere Anrufe in Schwung gebracht wird.

Das Mobiltelefon, das unsere »Availability« revolutioniert hat, ist ein direktes Resultat der Kybernetik und Waffenlenksystemforschung, also ein Produkt des Zweiten Weltkriegs, aus dem zunächst die Computer- und Gentechnik hervorgehen sollte. Bereits in früheren Kriegen trug das Telefon einiges zum Sieg bei, erst recht in Revolutionen und Bürgerkriegen. Telefon und Telegrafie wurden im sogenannten Imperialen Zeitalter (1875–1914) erfunden. Vom Telegrafen gelangten die Nachrichten in die damals ebenfalls neuen Publikumszeitungen.

Leo Trotzki war ein geradezu fanatischer Zeitungsleser, auch das Telefon wusste er bald virtuos zu nutzen. In seiner Autobiographie »Mein Leben« kommt das Telefon vor der russischen Revolution zwar nur einmal vor. Es wird aber sogleich in seiner revolutionären Bedeutung von ihm erkannt. Das war, als er und seine Familie aus ihrem französischen Exil ausgewiesen wurden – und Ende 1916 in New York ankamen, wo sie in einer Arbeitergegend eine billige Wohnung fanden, die jedoch überraschenderweise mit Bad, elektrischem Licht, Lastenaufzug und sogar mit einem Telefon ausgestattet war. Für Trotzkis Söhne wurde das Telefonieren in New York »eine Weile zum Mittelpunkt ihres Lebens: Dieses kriegerische Instrument hatten wir weder in Wien noch in Paris gehabt«. Gleichwohl spielte das Telefon für Trotzki erst im darauffolgenden Jahr in St. Petersburg – während der Machtübernahme der Bolschewiki – eine zunehmend wichtigere Rolle.

Trotzkis Bemerkung über das »kriegerische Instrument« betraf zunächst noch dessen Nichtfunktionieren (den »Punkt Null«, um es mit Roland Barthes zu sagen): »Auf dem Telefonamt entstanden am 24.10. Schwierigkeiten, dort hatten sich die Fahnenjunker festgesetzt, und unter ihrer Deckung waren die Telefonistinnen in Opposition zum Sowjet getreten. Sie hörten überhaupt auf, uns zu verbinden.« Das Revolutionskomitee, dessen Vorsitzender Trotzki war, schickte eine Abteilung Soldaten mit zwei Geschützen hin, dann »arbeiteten die Telefone wieder. So begann die Eroberung der Verwaltungsorgane«.

In seiner »Geschichte der russischen Revolution«, die Trotzki neben seiner Autobiographie im türkischen Exil (1929–1933) schrieb, heißt es ergänzend: »Es genügt ein nachdrücklicher Besuch des Kommissars des Kexholmer Regiments im Telephonamt, damit die Apparate des Smolny wieder angeschlossen waren. Die Telephonverbindung, die schnellste von allen, verlieh den sich entwickelnden Ereignissen Sicherheit und Planmäßigkeit.«

Es ist die Rede vom St. Petersburger »Fräulein vom Amt«, wie man die Telefonistinnen, die die Verbindung herstellten, auch hierzulande nannte. Statt um die Revolution ging es in Berlin freilich darum, der »Telefonitis« zu ihrem Recht zu verhelfen. Diese neue Sucht ging einher mit einer großen Wertschätzung der Telefonistinnen. Der beliebteste Schlager des Jahres 1919 handelte von ihnen, er hieß: »Halloh! Du süße Klingelfee«.

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