Gegründet 1947 Montag, 8. März 2021, Nr. 56
Die junge Welt wird von 2466 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.01.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Traum der Moderne

Das muss man gehört haben: Franui und Florian Boeschs Liederalbum und das antizipierte Glück
Von Berthold Seliger

Die Musik von Franz Schubert oder Gustav Mahler ist ohne die alpenländische Volksmusik kaum wirklich zu verstehen. Der Einfluss von Ländlern, Walzern und Volksliedern auf diese Liedkomponisten ist nicht zu unterschätzen. Und ähnliche Einflüsse der Musik des Volkes auf die sogenannte »ernste« Musik, also auf die Hochkultur, kann man auch schon bei Mozart erleben, oder bei Chopin, der ein begeisterter »Mazurek«-Spieler und wohl auch Tänzer war, der in den Dörfern um Szafarnia, wo er mehrfach seine Schulferien verbrachte, den einsaitigen Bass schlug, wenn die Kapelle den Tanzboden bespielte. Oder denken wir an Béla Bartók, den eifrigen Sammler von Liedern und Tänzen Ungarns, Rumäniens und Bulgariens. In den 1980er Jahren griff die Musikerinitiative ARFI (Association à la Recherche d’un Folklore Imaginaire) in Lyon den von Bartók geprägten, schönen Begriff der »imaginären Folklore« für eine »erfundene« neue Volksmusik auf – eine Musik, in der Alpenländisches auf Duke Ellington oder Ornette Coleman und afrikanische Musik auf die des Balkan, auf Kurt Weill, auf osteuropäischen Klezmer oder auf etwas völlig Neues, Ungehörtes treffen kann, alles verbunden in den Köpfen, Herzen und, ja, in den Tanzbeinen der Musiker und der Zuhörer und so weit weg von dumpfer Volkstümelei wie der Jupiter vom Zillertal. Die Band, die diese imaginäre Folklore bei ihren einzigartigen Konzerten auf unsagbare und visionäre Höhen trieb, war die Pariser Gruppe Bratsch, die sich 2015 nach 40 Jahren aufgelöst hat und die von Fans in ganz Europa schmerzlich vermisst wird. In einigen Aufnahmen kann man die Wechselbeziehungen zwischen oft dörflicher Volksmusik und Kunstmusik studieren: Etwa auf dem Album »Schubert und die Volksmusik« mit dem Salzburger Dreigesang und dem Ensemble Tobias Reiser (1997), oder auf dem großartigen »Bartók Album« der ungarischen Gruppe Muzsikás mit der Sängerin Márta Sebestyén und dem Geiger Alexander Balanescu (1998) – wer etwa die Bartókschen Tänze für zwei Violinen aus den 44 Duos von dem ungarischen Muzsikás-Geiger und Balanescu gespielt hört, bekommt eine Ahnung, wie sie eigentlich gemeint sein könnten – jedenfalls keineswegs als kühle Kunstmusik …

Mit dem Leuchtstift

Die Gruppe beziehungsweise »Musicbanda« Franui aus Osttirol spielt seit fast 30 Jahren in unveränderter Besetzung und hat sich mit ihren (volks)musikantischen Interpretationen klassischer Kompositionen und neuerer Musik eine Art Kultstatus erspielt. Christian Seiler schreibt im liebevollen Booklettext zum neuen Album, dass Franui »über die zärtlichste Abrissbirne verfügt, die in klassischen Konzerthäusern zur Anwendung kommt«. Mit einer veritablen Brass-Section (Klarinetten, Tuba, Saxophone, Trompeten und Valve-Trombone, also einer Posaune mit Ventilen) ausgestattet, die ursprünglich Trauermärsche in ihrem Heimatdorf Innervillgraten intonierte, dem Dorf, das mehr oder weniger der Heimatort aller Musikerinnen und Musiker der Gruppe ist, sowie Harfe, Zither, Hackbrett, Akkordeon, Violine und Kontrabass beackern Franui in der ihnen ganz eigenen Art und Weise ein weites Feld der Musik: Immer wieder Schubert, Brahms und Mahler, aber auch Berg, Cage, natürlich Bartók, manchmal Mozart. Und sie arbeiten, wie Seiler das nennt, »mit dem Leuchtstift: Schaut her, sagen sie, was diesen Kollegen nicht alles eingefallen ist!« Und sie wollen diese Musik, die sie lieben, so spielen, dass alle sie verstehen, durchaus ungewöhnlich und ungewohnt, also nonkonformistisch im Sinne Walter Benjamins, der gefordert hat, dass »in jeder Epoche versucht werden muss, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen«.

Das heißt unter anderem auch, dass sie für ihre Konzerte andere Orte wählen: Gerne auch Wirtshäuser, in denen sie dann Schuberts »Winterreise« aufführen, meistens ohne Sänger – »Schubertiaden«, wie schon die Hauskonzerte in der Wohnung der Familie Sonnleithner im Wiener Gundelhof genannt wurden, in denen zwischen 1821 und 1824 Schubert seine Werke mit seinen Freunden und für sie aufführte, in einem Oppositionellenkreis, der sich unter den Bedingungen der Metternichschen Restauration privat traf – diese Lieder sind ja nicht für den Konzertsaal geschrieben und schon gar nicht für die viel zu großen Säle der Philharmonien.

Die Lieder leuchten

Für ihr neues Album »Alles wieder gut« (ohne Ausrufezeichen!) haben sich Franui mit dem Bassbariton Florian Boesch zusammengetan, einem der gefragtesten Liedsänger unserer Zeit. Ein »ultimativer Liederabend« ist da entstanden, mit Liedern der Romantik von Schubert, Schumann und Mahler – meistens sind die Melodien unverändert belassen, die raffinierten Arrangements aber beleuchten die Lieder und deren Inhalte von einer ganz neuen Seite oder lassen sie manchmal auch nur in anderem oder besserem Licht erscheinen. Imaginäre Folklore, die die Seele der Lieder leuchten lässt.

Das mag sich jetzt alles nach zuviel Gedöns und nach eitlem Kunsthandwerk anhören, nach übergestülpten und unbefriedigenden Bearbeitungen, wie man sie heute so oft zu hören bekommt. Doch das Gegenteil ist der Fall – Innigkeit, das wissen Florian Boesch und Franui sehr genau, hat viel mit Kargheit zu tun, mit dem Weglassen, mit dem Verzicht auf große Gesten und virtuoses Getue. Diese Musikerinnen und Musiker wissen auch, dass die Montagetechnik, derer sie sich im Gefolge zum Beispiel Brechts/Eislers bedienen, auch »eine Form ist, sich der alten Kultur zu vergewissern: erblickt aus Fahrt und Betroffenheit, nicht mehr aus Bildung«, wie Ernst Bloch schrieb.

Die Kunst von Florian Boesch und Franui zeigt sich schon im ersten Lied, »In der Fremde« von Robert Schumann (Text: Joseph von Eichendorff). In nicht einmal zwei Minuten entsteht dort ein Mikrokosmos »von der alten, schönen Zeit«: rauschende Bäche, Mondesschimmer, wohlige Einsamkeit, schlagende Nachtigallen – um in der abrupten und überraschenden Nachricht, dass die Liebste »doch so lange tot« ist, und in einigen Takten eines holprigen südländischen Trauermarsches konterkariert zu werden. Oder die anrührende Schlichtheit des berühmten Schubert-Lieds »Der Tod und das Mädchen« (Matthias Claudius): Einem Intro-Ruhepol folgt die verzweifelte Bitte des Mädchens, dass der Knochenmann vorübergehen solle. Darauf die gruselig-warme Antwort des Todes, das Angebot, sanft in seinen Armen zu schlafen – wer könnte, wer wollte dieser harmonischen Verlockung widerstehen? Das hat man selten so eindringlich gehört.

Unterm Lindenbaum

Höhepunkte der 19 Lieder dieses Albums sind die Interpretationen einiger Stücke aus Mahlers Zyklus »Lieder eines fahrenden Gesellen«. Mahler hat sich intensiv mit Volksliedern auseinandergesetzt, sowohl mit originalen als auch mit ihnen nachgebildeten artifiziellen Gedichten wie der Wunderhornsammlung. Derartige Lieder waren für Mahler Produkte aus »Natur und Leben«, »Felsblöcke, aus denen jeder das Seine formen dürfe« – ein Art musikalischer Steinbruch also. Im vierten Gesellenlied, »Die zwei blauen Augen«, nimmt der Sänger Abschied von seiner Geliebten, deren Augen ihn angezogen haben. Er verlässt, darin dem Wanderer aus Schuberts »Winterreise« inhaltlich und musikalisch nahe, »in stiller Nacht« den »allerliebsten Platz«, ihm bleibt nur »ewig Leid und Grämen«, sein »Gesell’ war Lieb’ und Leide«. Da erstirbt das Lied förmlich, es geht nicht weiter, kunstvoll breitet sich die Stille über zwei Basstönen in einer Quart aus. Und dann (noch mal: wie in der Dur-Wendung des ersten Liedes aus Schuberts »Winterreise«) plötzlich eine feine Erinnerung an einen – nun ja, genau: an einen Lindenbaum, von dem auch Schuberts wohl berühmtestes Lied handelt. Auch der deprimierte Mahlersche fahrende Geselle findet in der Erinnerung an diesen Lindenbaum eine beruhigende, sentimentale Erinnerung – »da hab’ ich zum ersten Mal im Schlaf geruht! Unter dem Lindenbaum, der hat seine Blüten über mich geschneit«, und in diesem Moment greifen Franui zu einem beglückenden Kunstgriff, sie lassen den Blütenschnee mit einer jazzigen Girlande über den Unglücklichen herunterfallen – und da wusste er noch nicht, »wie das Leben tut« (wie herzzerreißend Boesch diese Zeile tönen lässt!), nämlich »Lieb’ und Leid, und Welt und Traum«. Es ist »der Konflikt von schönem Traum und harter Realität«, wie der Mahler-Forscher Kurt von Fischer schreibt, der auch darauf hinweist, wie nahe beisammen Schuberts Winterreisen-Zeile »Doch an den Fensterscheiben, wer malte die Blätter da?« und die letzte Strophe des von Mahler selbst gedichtetem »Blaue Augen«-Liedes des Gesellenzyklus inhaltlich, aber auch musikalisch stehen. Der Konflikt des modernen Menschen, der sich ein anderes Leben träumt als das, was er zu leben hat … Die Behauptung, dass unter dem Lindenbaum »alles, alles wieder gut« war, ist eben nur ein Traum von der Idylle, die Vision von einem besseren Dasein und die unstillbare Sehnsucht danach. »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiss, was ich leide!« Gegen Ende des Albums singt Boesch die Beethoven-Vertonung dieses Goethe-Gedichts, und die »Freude« aus der ersten und die »Eingeweide« der zweiten Strophe lässt er tragisch-bitter wegkippen, das Grauenvolle wird eben grässlich gesungen und gespielt, wenn es nötig ist, nichts wird hier beschönigt. Das Lied erstirbt, wenn die Eingangszeile von der Sehnsucht und dem Leid wie ein Rahmen, der das Geschehen umspannt, wiederholt wird; die Tuba spielt trocken einen abschließenden kleinen Basslauf, dann intoniert die Musicbanda plötzlich einen klezmerartigen, jazzigen, an das berühmte »Bei mir bistu shein« erinnernden Rausschmeißer. Wenn es zu gefühlig, zu sentimental zu werden droht, leisten sich Franui prompt eine improvisierte Musik, die auch mal Faxen macht und Grimassen schneidet – glotzt nicht so romantisch!

Ganz bei sich

Durch derartige Kunstgriffe schaffen sie dort, wo es wichtig ist, eine karge Stille und lassen die Musik ganz zu sich kommen. Das derzeit häufig interpretierte Schubertsche »Du bist die Ruh’« (Friedrich Rückert, dessen Gedichte auch Mahler vertont hat) singt Boesch mit größtmöglicher Simplizität – ihm gelingt hier das Einfache, das laut Brecht so schwer zu machen ist. Die dritte und vierte Strophe intoniert er ebenso wie die Wiederholung der Schlußstrophe eine Oktave höher, sein Gesang wird fragil, Seiler schreibt, dass er den Zuhörerinnen und Zuhörern »sein Herz auf beiden Händen darbietet«, was fast schon wieder zu pathetisch formuliert ist. Wie auch immer, an tränentreibender Eindringlichkeit und Schönheit ist ­Boeschs Interpretation dieses Zauberliedes kaum zu übertreffen. Auf dem Album folgt dann »Die Stille« von Schumann/Eichendorff, eingeleitet mit überraschendem Klarinettengekiekse. Wie die Zeilen »Ich wünscht’, ich wär’ ein Vöglein / Und zöge über das Meer« genussvoll swingen (ebenso wie später in Schlegel/Schuberts »Die Vögel«, wenn es heißt, die Menschen seien »töricht, sie können nicht fliegen« …), das muss man gehört haben. Vom Innehalten des Schubertlieds zu einer humorvollen Interpretation der Schumannschen »Stille« – ein Auf und Ab, so oder so ist das Leben.

Geradezu brutal und böse Mahlers »Wenn mein Schatz Hochzeit macht« – denn dann hat der fahrende Gesell seinen »traurigen Tag«, alles ist Weinen und wieder Weinen, denn sein Schatz heiratet ja einen anderen. Die heile Welt ist nur vorgetäuscht, die Naturlaute der Mittelstrophe, die »Blümlein blau« und »Vöglein süß«, werden nur noch zynisch, geradezu mit Verachtung gesungen, und das letzte Adjektiv der Strophe verschluckt Boesch gar: »Ach, wie ist die Welt so …« Nein, »schön«, das kann er nicht mehr singen, die Schönheit lassen Boesch und Franui in einen dramatisch ersteigerten Abgrund fallen, und nach einer Pause bleiben nur die verzweifelten Forderungen an die Welt: Die Vögel sollen schweigen, die Blumen nicht mehr blühen, »alles Singen ist nun aus!« Alles ist nur noch Leid in diesem Leben.

Auch hier liegt die Verbindung zu Schuberts »Winterreise«, nämlich zu deren letztem Lied »Der Leiermann«, inhaltlich wie auch musikalisch auf der Hand: Gemeinsam ist beiden Liedern, wie Kurt von Fischer gezeigt hat, der Orgelpunkt mittels einer leeren Quinte (die bei Schubert die Drehleier meint), die Sechzehntelfigur auf Taktbeginn, der synkopierende Akzent und »eine jede Entwicklung verhindernde Reihung von Taktgruppen« – eine förmlich »eingefrorene Musik«. Und dass »alles Singen nun aus ist«, kannte auch Schubert bereits, »keiner mag ihn hören«, den Leiermann, »keiner sieht ihn an«. Schubert und Mahler projizieren das für sie größtmögliche Unheil an die Wand: Das Ende allen Singens, das Ende der Musik.

Adorno hat über Mahlers Musik geschrieben, dass in ihr »das Bewusstsein, dass dies Glück verloren ist und erst als Verlorenes zum Glück wird, das es so nie war«, als Utopie enthalten sei. Der Philosoph spricht von den vielen Versprechungen des Lebens, die in der Jugend »als antizipiertes Glück wahrgenommen« werden, während der Alternde erkennt, »dass in Wahrheit diese Augenblicke solchen Versprechens das Leben selber gewesen sind.« Karl Marx schrieb 1843 an Arnold Ruge, dass sich zeigen werde, »dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von dem sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen.« Es gehe »um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit«. Franui und Florian Boesch geben uns mit »Alles wieder gut« eine Ahnung von diesem Traum. Eines der herausragenden Alben unserer Zeit, das von der Musik (und dem Leben) als einer Utopie erzählt, die ebenso weit in die Zukunft schaut wie in die Vergangenheit.

Berthold Seliger, Jahrgang 1960, ist Tourneeveranstalter und Autor. Er schreibt regelmäßig im Feuilleton der jungen Welt, zumeist über Musik. Zuletzt veröffentlichte er 2019 »Vom Imperiengeschäft. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören« (Edition Tiamat). In der Ausgabe vom 24./25. Oktober 2020 erschien von ihm an dieser Stelle »Da stimmt doch etwas nicht! Das Chiaroscuro Quartet durchmisst Mozarts Pandemie-Melancholie«

Franui & Florian Boesch: »Alles wieder gut« (Naxos/Col Legno)

Mehr aus: Wochenendbeilage

Wir brauchen Dich, Genossin, Genosse! Werde Mitglied in unserer Genossenschaft: www.jungewelt.de/genossenschaft