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Aus: Ausgabe vom 25.01.2021, Seite 1 / Titel
Arbeiterkampf

Kollegen ausgeliefert

Oetker-Konzern will Durstexpress-Standort in Leipzig nach Übernahme der Konkurrenz dichtmachen. Betriebsratswahl organisiert
Von Oliver Rast
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Zusammenhalt unter Lieferdienstbeschäftigten wird wichtig – Betriebskampf bahnt sich an (Leipzig, 23.1.2021)

Übernahmen, auch friedliche, haben Folgen – für die Belegschaft allemal. Wie im Fall des Anfang November bekanntgewordenen Aufkaufs des Getränkelieferdienstes Flaschenpost durch die Oetker-Gruppe mit ihrem Konkurrenten Durstexpress. Die Unruhe unter den Beschäftigten ist seitdem groß – am Durstexpress-Standort in Leipzig etwa. Der soll nach Konzernangaben dichtgemacht werden. Das trifft auf Protest: Am Sonnabend wählten Beschäftigte Vorstände für eine Betriebsratswahl.

Lieferdienste erzielen in der Pandemie Rekordumsätze, zählen zu den Krisengewinnern. Flaschenpost war 2016 als Startup gegründet worden und in den Folgejahren rasant gewachsen. Die Dr. August Oetker KG, ein Konglomerat aus rund 400 Firmen, soll Branchenkennern zufolge eine Milliarde Euro als Kaufpreis hingeblättert haben. Die »Fusion« ist abgeschlossen. »Das neue Unternehmen wird künftig einheitlich unter der Marke Flaschenpost auftreten«, hatte die Konzernspitze am vergangenen Mittwoch mitgeteilt.

Oetker rechtfertigt damit Betriebsdemontagen, Doppelpräsenzen von Flaschenpost und Durstexpress in einzelnen Städten sollen wegfallen. Beschlüsse dazu fielen »anhand objektiver Kriterien und erst nach Analyse der Lage«, meinte ein Sprecher am Freitag auf jW-Anfrage. Und da hätten die Leipziger Durstexpressler schlecht abgeschnitten, »weshalb die Entscheidung getroffen wurde, dieses Lager künftig nicht mehr fortzuführen«.

Gewerkschafter reagierten prompt, schließlich sind rund 500 Arbeitsplätze in Gefahr. »Am letzten Mittwoch erhielten wir einen Hilferuf von Kollegen«, sagte Jörg Most, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) der Region Leipzig-Halle-Dessau, am Sonntag im jW-Gespräch. Rasch stand fest: »Wir brauchen einen handlungsfähigen Betriebsrat.« Sören Winter von der Durstexpress-Betriebsgruppe der Basisgewerkschaft FAU äußerte am Sonnabend gegenüber jW: »Wir bewegen uns momentan zwischen Wut und Trauer.« Die Betriebsratsinitiative habe die Belegschaft indes mobilisiert, 138 stimmberechtigte Beschäftigte hätten am Wahlvorgang teilgenommen, Aufbruchstimmung sei zu spüren.

Was die Bosse von betrieblicher Mitbestimmung halten, wurde am selben Tag deutlich. Nach jW-Informationen untersagte die Standortleitung den Beschäftigten, die Wahl in der Lagerhalle abzuhalten. Sie mussten auf das Hofgelände ausweichen. Oetker engagierte extra für die Betriebsversammlung einen Werkschutz namens »Militärisch ausgebildeter Sicherheitsservice« (MASS) – mit Fadenkreuz im Firmenlogo.

Ob der Konzern mit seinem Plan in Leipzig so ohne weiteres durchkommt, ist fraglich. »Eine offizielle Kündigung hat von uns bislang niemand erhalten«, weiß Winter. Es gebe auch keinen konkreten Schließungstermin. »Es kursiert aber der Stichtag 28. Februar«, so der FAUler. NGG-Mann Most bestätigt dies. »Offenbar handelt es sich um eine Hauruckaktion seitens Oetker«. Und noch etwas spielt den Kollegen in die Karten: Eine Massenentlassung muss bei der Bundesagentur für Arbeit angezeigt werden. Erfolgt dies nicht, sind Kündigungen unwirksam.

Das Ziel der Beschäftigten ist klar: Sie wollen einen geordneten Betriebsübergang, also keine Entlassungen und keine neuen Arbeitsverträge unter schlechteren Konditionen bei einem Wechsel ins neue Unternehmen. Dafür wollen sie Druck machen, auch mit einer Demonstration: »Donnerstag ziehen wir teils auf Bikes durch die Straßen der Messestadt«, kündigte Gewerkschafter Most an.

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