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Aus: Ausgabe vom 23.01.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Und alles stimmt zusammen

Zwei Blicke auf ein Meisterwerk. Franuis und Florian Boeschs Liederalbum »Alles wieder gut«
Von Stefan Siegert
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Es könnte »Die CD danach« werden, Musik für die Zeit, da vielleicht noch nicht alles, aber doch Lockdown, tägliche Verdrängung der Angst, die Tage daheim allein und die lange Sehnsucht nach der wirklichen Nähe der wirklichen anderen endlich vorbei sind. »Alles wieder gut« heißt das neue Projekt des Ensemble Franui. Nie gehört den Namen? Selbst schuld. Mir ging’s nicht anders. Franuis elfte CD war meine erste Begegnung mit dieser »intelligentesten Dorfkapelle der Welt« (Volker Hagedorn).

Das Dorf, das der Welt Franui geschenkt hat, liegt 1.400 Osttiroler Meter über dem Meer und hat den schönklingenden Namen Innervillgraten. Franui sei, so beschreibt der innervillgrater Trompeter Andreas Schett die künstlerische Entwicklung dieser Kapelle, immer »von einem Kuhfladen in den nächsten« gestiegen. Die zehn Musiker bilden eine »Musicbanda«, das ist im Ladinisch des rätoromanischen Teils der Dolomiten eine Musikkapelle. Ihre Musik will bei aller Volkstümlichkeit im Ernst natürlich nicht auf Kuhfladen hinaus. Eher auf musikalische Raffinesse, Witz und feine Klangideen. Franui bleibt dem Städter damit so sicher im Ohr, wie Osttiroler Kuhkacke, einmal betreten, am Schuh kleben bleibt.

In »Alles wieder gut« singt der Bassbariton Florian Boesch romantische Lieder. Er trägt die altvertrauten Worte Eichendorffs, Heines, Wilhelm Müllers oder Goethes so empfindsam und gefühlvoll vor, wie er es täte, begleitete ihn eine Dame im schwarzen Langen am Konzertflügel oder der entsprechende Herr im Frack. Aber wenn Franui Florian Boesch begleitet, ist nur die gesungene Melodielinie von Schubert/Goethes »Heideröslein« oder von »Der Tod und das Mädchen« noch original. Zwei der zehn Dorfmusiker, Andreas Schett und Kontrabassist Markus Kraler, haben mit ihren Arrangements einen Zeit- und Lichtwechsel bewirkt. Das ländlich Romantische im Klang der zwei Klarinetten und Trompeten, der Harfe und der Zither, der Posaune, der Tuba, der einen Geige und des Hackbretts ist, für Momente noch ahnbar, durchsetzt und ersetzt vom neusachlichen Klang einer Moderne, wie sie, rasend präzise und klar, Komponisten wie Hanns Eisler oder Kurt Weill nach dem Ersten Weltkrieg komponierten. Großartig, wie Boesch sich ohne auch nur den Anschein von Stilbruch oder Angestrengtheit mit den 200 Jahre älteren Texten dazu verhält. Er muss sich nicht behaupten, er singt und alles stimmt zusammen.

Hans Zender ist vor Jahren mit seiner »komponierten Interpretation« der Schubertschen »Winterreise« ähnliche Wege gegangen. Vermutlich ist Franuis Anspruch weniger hoch, das Ergebnis bewegt sich auf ähnlichem Niveau. Wie großartig diese Liedbearbeitungen sind, hört eins allein daran, wie gut sie das Ohr für die Texte schärfen und wie in dieser Klanggestalt verblüffend aktuell sie auch inhaltlich sind. Die Liedbegleitung gewinnt in bester Schubert-Tradition bei Franui ohne Funktionsverlust ästhetische Autonomie. Mögen die Mitglieder von Franui, wie es in den Liner Notes heißt, »großenteils« in Innervillgraten »aufgewachsen« sein: Sie waren gewiss alle irgendwann für längere Zeit unten im großen Welttal und haben dort sehr gründlich an irgendeiner Hochschule das Musikmachen gelernt.

Solch Alpinavantgarde im Geist technisch hochversierten, geschmacks- und stilsicheren Umgangs mit der Tradition hatten wir bisher noch nicht. Dass sie uns gefehlt hat – die Pandemie lehrt es schon viel zu lange –, weiß man immer erst hinterher.

Stefan Siegert ist Autor und Zeichner und lebt in Hamburg. Er schreibt regelmäßig im Feuilleton der jungen Welt, zumeist über Musik. Auf diesen Seiten erschien zuletzt in der Ausgabe vom 12./13. September 2020: »Klangspuren der Libido. Über Beethovens ›Andante favori‹«.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Frank Steyer: Wahnsinn abschalten Vielen Dank für Stefan Siegerts und Berthold Seligers ausführliche Besprechung des Liederalbums »Alles wieder gut« von Franui/Boesch. Als Mahler-Freund habe ich den Montag dermaßen begonnen, Laptops, ...

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