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Aus: Ausgabe vom 23.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Homeoffice

Home sweet Home

Eindrücke aus dem Büro nebenan
Von Bernhard Spring
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»Du glaubst gar nicht, was bei mir los war!« – Doch, ich saß die ganze Zeit direkt gegenüber

Homeoffice galt lange als Ideal des modernen Schaffens: Wer daheim arbeitet, bemerkt nicht den Investitionsstau in der städtischen Infrastruktur, erspart dem Arbeitgeber Strom- und Wasserkosten und darf mit ein paar Überstunden sein schlechtes Gewissen darüber beruhigen, dass er während der Skype-Konferenz keine Hose trägt.

Und es ist tatsächlich sehr erfüllend, die überzogen hohe Innenstadtmiete mal richtig abzuwohnen. Endlich wird das Esszimmer wirklich genutzt. Und dass die werte Gattin vis-à-vis arbeitet, schweißt neu zusammen.

Aber dann ist nur eine Steckdose für die beiden Netzteile erreichbar. Und weil das Kind seine Arbeitsblätter aus dem Intranet herunterlädt, hakt es plötzlich in der Teams-Besprechung. Und so langsam kommen Fragen auf: Was haben wir eigentlich für ein schlechtes WLAN? Ist das noch dienstlich oder Flirten, was sie da mit dem Chef am Telefon macht? Und wieso, verdammt noch mal, zählt sie so genau mit, wie oft ich zum Rauchen rausgehe?

Homeoffice, das ist kalter Kaffee aus der gewohnten Frühstückstasse, ein krummer Rücken und zusammengekniffene Augen vor dem Laptop ohne externen Bildschirm und schnell mal Wäsche aufhängen, während irgendein Programm lädt. Vom Sitzen tun die Knie weh, der Bauch wird weiter und die Kleidung nachlässiger. »Es muss ja zu den Haaren passen«, lacht man in die Kamera. Und während der Abteilungsleiter den Wochenplan durchgibt, schaut man sich die Wohnungseinrichtung der Kollegen an.

Überhaupt die Kollegen: Zu Hause kann man nicht die gleichen Gespräche führen wie in der Arbeit. Die einen Mitbewohner sind für so ziemlich alle Witze zu jung, die andere Mitbewohnerin ist – nun ja – eben die Frau. Mit ihr hat man schon zum zweiten Frühstück die Gespräche, die man sonst erst abends führt: »Du glaubst gar nicht, was bei mir los war!« Man schüttelt den Kopf und denkt sich: Doch, ich saß die ganze Zeit direkt gegenüber.

Wer im Homeoffice arbeitet, kann auf dem Heimweg nichts einkaufen. Er kann nicht einfach später kommen, sondern muss sich daheim abmelden. Homeoffice ist auch ein Beziehungstest und die Suche nach Rückzugsräumen. Und die Erkenntnis, dass man sich ab Schuhgröße 43 eben nicht lange auf einem französischen Balkon verstecken kann.

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