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Aus: Ausgabe vom 22.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
USA

Und immer wieder »Amazing Grace«

Armut für alle: Das Popspektakel zu Joseph Bidens Amtseinführung
Von Maximilian Schäffer
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Hand aufs Herz: Biden lauscht Lady Gaga beim Singen der Nationalhymne

Spiele, weil immer weniger Brot da ist, gab es am Mittwoch in Washington. Im Gegensatz zu Donald Trumps Einweihungsfeier versammelten sich zur Inauguration des schläfrigen »Joe« Biden tatsächlich Popstars der A-Klasse vor dem Capitol. Lady Gaga sang die Nationalhymne derart inbrünstig, als ginge es um Werbung für ihre eigene inhaltslose Wohltätigkeitsorganisation »Born This Way Foundation«. Beim Abgang dankte sie Biden und Obama unter Tränen, ein Schulterklopfen für die gesichert gute Zukunft. Aggressiv standen die Zeichen auf Einheit und Diversität, ständig schwafelte man von der Bedrohung der Demokratie, wurden Rassen, Hautfarben und weitere Minoritätsgründe der privilegierten Beteiligten heraufbeschworen. »Die erste schwarze, südasiatische Frau als Vizepräsidentin« – Kamala Harris, eine gnadenlose Staatsanwältin, die Tausende Afroamerikaner wegen marginaler Drogendelikte ins Staatsgefängnis sperrte. Einheitlich grinsen konnten sie alle gut, Gegenwind kam nicht einmal mehr vom rechten Hetzsender Fox News. Der Name »Donald Trump« wurde nicht erwähnt, die Zukunft steht auf Antidiskriminierung – Armut für alle.

Jennifer Lopez reihte sich ein, sang vor den neoliberalen Schergen der Oligarchen »This Land Is Your Land«, ein Lied des Kommunisten Woody Guthrie. Hauptsache, sie brüllte noch etwas auf spanisch zur Erbauung ihrer Community – Latinos hatten Trump so gerne wie zuvor keinen anderen republikanischen Präsidenten gewählt. Garth Brooks setzte den Schlusspunkt unter das Kapitel Zivilaufstand. Als der erfolgreichste Countrymusiker aller Zeiten, überzeugte Republikaner und Liebling der Landbevölkerung »Amazing Grace« anstimmte und im Geiste von Pete Seeger die durch Pandemie dezimierte Bevölkerung zum isolierten Massensingen aufforderte, da glänzten die Essensmarken vor den Fernsehern wie Gold.

Um 20.30 Uhr Eastern Standard Time legte das Propagandaministerium der »ältesten Demokratie« mit einem Konzert für den Präsidenten nach. Bruce Springsteen durfte demonstrieren, dass ihm seine Hörerschaft mittlerweile scheißegal ist. Protagonisten seiner Songs sind seit jeher die »kleinen Leute« – Handwerker, Fabrikarbeiter, Feuerwehrmänner. Der »Boss« stand vor der Statue von Abraham Lincoln und flüsterte den arbeitenden Menschen im »Land of Hope and Dreams«, dass sie keine Ahnung hätten. Gewerkschaftsmitglieder, eben nicht nur die der Polizei, liebten Trump übrigens ganz besonders.

Simple Instrumentalmusik bot Yo-Yo Ma dar, wieder »Amazing Grace«, diesmal auf dem Cello gespielt. Justin Timberlake und Ant Clemons hampelten in einem coolen Video den Song »Better Days«, taten so, als sei es live aus Memphis. Aus Nashville gab es traditionell Country zu hören bzw. die modernisierte Radioversion dieses verlorenen Genres, dargeboten durch Tyler Hubbard und Tim McGraw. »Schau dich um und liebe jemanden / Wir waren lange genug hasserfüllt / Lass den guten Gott uns vereinen / Bis dieses Land, das wir lieben, ungeteilt ist«, fassten die Sterne der volkstümlichen Musik den Wählerwillen zusammen. Angst, Hass, Unzufriedenheit im Land sind eine reine Glaubensfrage, vor allem dann, wenn der Glaube an das Land schlichtweg aus dem Glauben an das Land besteht. In Anbetracht der Verhältnisse: Wie könnte Trump als großer Häretiker da nicht dem einen oder anderen sympathisch sein?

John Legend (schwarz), Demi Lovato (queer), Jon Bon Jovi (alt), Luis Fonsi und Ozuna (Latinos) sowie eine Band namens Black Pumas (schwarz-weiß) dudelten austauschbare Popmusik und Coverversionen vor sich hin. Am Ende kreischte Katy Perry (weiß, katholisch) noch ihren Tophit »Firework« durch die Nacht, während Pyrotechnik über dem menschenleeren Platz vor dem Lincoln Memorial aufstieg. Der Wahlgrieche Tom Hanks verabschiedete alle umarmten US-Amerikaner, Soldaten und Helden in die bittere Realität ihres täglichen Überlebenskampfes.

Zu diesem Zeitpunkt entspannte Donald Trump schon lange wieder in seinem Luxusgolfclub namens Mar-a-Lago, gelegen an der Küste von Florida. Seine Rede am Morgen gestaltete er vergleichsweise milde, nur sanft drohend. Zum Abschied wählte er »YMCA« von den Village People und »Tiny Dancer« von Elton John.

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