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Aus: Ausgabe vom 23.01.2021, Seite 10 / Feuilleton

Babysitter wider Willen

Von Florian Günther
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Halb so schlimm? Kommt aufs Gedicht an

Der Kleine hatte hohes

Fieber, aber

sie saß in der Küche und trank.

*

Was soll ich denn

machen?

*

Gib ihm n Zäpfchen,

oder geh mit ihm zum Arzt.

Aber tu irgendwas!

*

Ich kann nicht, Fridolin.

*

Du willst nicht.

*

Kannst du ihn nicht

zum Arzt bringen?

*

Es ist dein Sohn. Wenn er

dableiben muss,

wollen sie ne Unterschrift

von nem Erziehungsberechtigten.

*

Aber ich kann doch nicht,

Fridolin. Ehrlich, es geht einfach nicht.

*

Ich zog den Kleinen an

und ging mit ihm zum Arzt.

*

Sind Sie der Vater?

Nee.

Bruder?

Nein.

Sonst irgendwie verwandt miteinander?

Der Kleine ist

der Sohn meiner Freundin.

Und warum kommt sie dann nicht selbst?

Ich schwieg.

*

Der Arzt gab mir ein Rezept,

nachdem er den Kleinen untersucht hatte,

und erklärte mir, was zu tun war.

*

Als wir nach Hause kamen,

saß sie immer noch auf ihrem Stuhl;

den Kopf auf der Tischplatte, die Arme

schlaff herunterhängend.

Ich zog den Kleinen wieder aus, legte ihn

ins Bett und gab ihm seine Medizin.

*

Was ist mit Mami? Ist sie tot?

Tote schnarchen nicht, Kumpel.

Kommst du wieder, Fridolin?

Klar doch. Was denkst denn du …!

*

Der Kleine lächelte tapfer,

und wir boxten ein bisschen miteinander.

Dann schrieb ich seiner Mutter einen Zettel,

legte ihren Schlüssel drauf

und zog die Tür hinter mir zu.

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