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Bank oder nicht Bank

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Der Zahlungsdienstleister ­Wirecard ging im Juni vorigen Jahres mit großem öffentlichen Getöse pleite. Der Schaden war nicht immens hoch. Von 1.300 Beschäftigten wurden 730 entlassen. 500 wurden von der spanischen Großbank Santander übernommen, die die verwertbaren Teile der Gesellschaft übernahm. Die Gläubigerbanken müssen wohl etwa eine Milliarde Euro abschreiben. Viel schlimmer schien der Reputationsschaden für den deutschen Kapitalmarkt. Wirecard war 2018 in den Dax (Aktienindex der 30 teuersten deutschen Börsenwerte) aufgenommen worden. Peinlich war auch, dass die Regierung Merkel – wie es so ihre Art ist – für die Gesellschaft Lobbyarbeit unter anderem in China übernommen hatte, angeregt auch von dem halbseidenen ehemaligen Wirtschafts- und Kriegsminister Theodor von und zu Guttenberg.

Dass die Wirtschaftsprüfer offensichtlich versagt hatten, schien weniger schlimm. In diesem Fall hatte Ernst & Young (EY), eine der vier riesigen Prüfgesellschaften mit Hauptsitz USA, Falschbuchungen von zuletzt 1,9 Milliarden Euro, die nicht vorhanden waren, über mehrere Jahre hinweg als Vermögenswerte akzeptiert und testiert. Das System, wonach Kapitalgesellschaften ihre Wirtschaftsprüfer selber auswählen und gegen ansehnliches Honorar damit beauftragen, ihre Bilanzen auf Richtigkeit zu prüfen, ist generell nicht besonders vertrauenerweckend. Aber es ist international üblich, und die vier großen, die auch von deutschen Großfirmen beauftragt werden, sind alle US-Gesellschaften und folgen der von dort übernommenen Praxis.

Zum Gespött der internationalen kapitalistischen Konkurrenz machte sich allerdings die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Sie hatte auf die Hinweise, dass Wirecard die eigenen Gewinne regelmäßig und drastisch überhöht dargestellt hatte, mit einem zeitweiligen Verbot der Spekulation auf fallende Wirecard-Aktien reagiert und sich damit als Verteidigerin des kriminellen Managements positioniert. Mit einem gewissen Recht argumentiert die Behördenspitze (und der zuständige Finanzminister Olaf Scholz) heute, dass sie für eine genaue Prüfung der Wirecard nicht zuständig war. Nur Banken werden nach dem Gesetz von der Bafin als Bankenaufsicht laufend geprüft. Gewöhnliche Unternehmen sollen nur die Börsenregeln einer korrekten Mitteilungspflicht einhalten.

Wirecard galt bei der Bafin als technisch tätiger Zahlungsdienstleister. Die Gesellschaft hielt sich eine kleine »Wirecard Bank« als Tochtergesellschaft, über die die Zahlungen abgewickelt wurden. Das Geschäftsmodell der ehrenwerten Firma bestand aber nicht darin, für die Bereitstellung von raffinierter Technik den Zahlungsvorgang zu beschleunigen und dafür eine Gebühr abzugreifen. Vielmehr übernahm Wirecard das Risiko des Zahlungsausfalls, indem die Firma gegenüber dem Verkäufer in Vorleistung trat und dafür Provision kassierte – ein klassischer Fall von kurzfristigem Kredit also.

Wie der ungleich größere Fall Jack Ma und seiner Zahlungsapps per Handy im fernen China zeigt, ist die Frage, ob Bank oder Nichtbank für das jeweilige Finanzsystem keine Bagatelle. Dort scheint die Bankaufsicht gerade noch aufgewacht zu sein, bevor Falschbuchungen und/oder Pleite für das System bedrohlich wurden.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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