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Aus: Ausgabe vom 23.01.2021, Seite 4 / Inland
Rechte Netzwerke

Waffenlager im Garten

Prozess in Leipzig: KSK-Mann will Waffen und Munition zu »Ausbildungszwecken« gehortet haben. Tendenz zur Ausblendung politischer Hintergründe
Von Kristian Stemmler
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Gefestigte rechte Tradition im Verband: KSK-Übung auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg (18.9.2008)

Es ging hoch her bei der Abschiedsfeier eines Kompaniechefs des Kommandos Spezialkräfte (KSK) im April 2017 in der Nähe von Stuttgart. Auf einem Parcours sei mit Schweineköpfen geworfen worden, berichtete eine Zeugin später, Nazirock der Band »Sturmgewehr« sei abgespielt worden und Gäste hätten den Hitlergruß gezeigt – auch der Oberstabsfeldwebel Philipp Sch. Am Freitag begann ein Prozess gegen den Soldaten des als »Eliteeinheit« der Bundeswehr bezeichneten KSK vor dem Landgericht Leipzig, allerdings nicht wegen seines Auftritts auf der Feier. Sch. werden Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, das Waffengesetz und das Sprengstoffgesetz vorgeworfen, nachdem im Mai 2020 auf seinem Grundstück im nordsächsischen Collm ein illegales Waffenlager entdeckt worden war.

In vielen Medien wurde am Freitag, wenn überhaupt, nur auffällig dosiert über den rechten Hintergrund des Falles berichtet. Luca Heyer von der Tübinger Informationsstelle Militarisierung (IMI), der sich eingehend mit dem KSK befasst hat, unterstrich dagegen zum Prozessbeginn gegenüber jW: »Philipp Sch. ist ein gefährlicher Neonazi, der beim KSK eine Elitekampfausbildung durchlaufen hat.« Er sei »bestens vernetzt mit anderen rechten Soldaten und Polizisten, die ebenso wie er Waffenlager anlegten und teils sogar Todeslisten erstellten«. Sch. sei Teil des »Hannibal«-Netzwerks, zu dem neben der Gruppe »Nordkreuz« auch noch einige andere ehemalige KSK-Soldaten gehörten.

Seit den Vorkommnissen bei der Abschiedsfeier hatte der Militärische Abschirmdienst (MAD) den Soldaten, der als Sprengmeister Zugang zu Explosivstoffen hatte, unter »Beobachtung«. Anfang 2020, so die amtliche Darstellung, bekam der Dienst Hinweise, dass der Mann Waffenverstecke angelegt habe. Mitte Mai wurde Sch. im württembergischen Calw, wo das KSK stationiert ist, festgenommen, zeitgleich begann eine Durchsuchung seines Grundstücks. Gefunden wurden: mehrere Schusswaffen, darunter eine AK-47, eine Armbrust, eine Nebelhandgranate, mehrere tausend Stück Gewehr- und Pistolenmunition und Plastiksprengstoff, das meiste aus Bundeswehr-Beständen. Außerdem wurden faschistische Schriften, zum Beispiel ein SS-Liederbuch, und diverse NS-Devotionalien sichergestellt. Philipp Sch. kam Anfang Dezember unter Auflagen frei.

Am ersten Verhandlungstag vor dem Leipziger Landgericht lieferte der Angeklagte eine erstaunliche Erklärung für das Waffen- und Munitionslager in seinem Garten. Er habe jahrelang Material aus »Restbeständen« der Bundeswehr gesammelt und bei der Ausbildung genutzt, weil es in der Truppe immer wieder zu Engpässen gekommen sei, behauptete er laut Nachrichtenagentur dpa. Er sei davon ausgegangen, dass es sich um nicht einsatzfähiges Material handelte. Die AK-47 habe er zur Dekoration seines Wohnzimmers verwenden wollen.

Als die Ermittlungen zu der Abschiedsfeier im April 2017 begannen, habe er seine zuvor in der Kaserne gehorteten Waffen- und Munitionsbestände im eigenen Garten vergraben. Dabei habe ihm auch sein Sohn geholfen, der aber nicht genau gewusst habe, was dort vergraben wurde. Ein Ermittler des Dresdner Landeskriminalamtes erläuterte vor Gericht, dass trotz intensiver Ermittlungen kein Hinweis auf ein Netzwerk entdeckt worden sei. Es habe nicht abschließend geklärt werden können, wie Waffen und Munition beiseite geschaffen wurden und ob der Angeklagte dabei Hilfe hatte.

Das Kommando Spezialkräfte wurde 1996 mit dem offiziellen Auftrag gegründet, spezielle Aufgaben wie die Befreiung deutscher Geiseln in »Krisenregionen« zu übernehmen. Inzwischen hat es diverse Einsätze im Ausland absolviert, die mit dieser Aufgabenbeschreibung nichts zu tun hatten, so in Afghanistan und auf dem Balkan. Seit der Gründung war die Einheit immer wieder in den Schlagzeilen. 2003 war KSK-Kommandeur Reinhard Günzel in den Ruhestand versetzt worden, nachdem er eine antisemitische Rede des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann gelobt hatte.

Ein Urteil im Prozess gegen Philipp Sch. wird für Ende März erwartet. Das Netzwerk, zu dem er gehöre, müsse »bis ins letzte Detail aufgeklärt und unschädlich gemacht werden«, forderte Luca Heyer vom IMI am Freitag. Er bezweifle aber, dass der Prozess das leisten könne. Das KSK müsse in Gänze aufgelöst werden. Die angekündigten »Reformen« der Einheit reichten nicht aus: »Dafür wurde zu lange weggeschaut.«

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