Gegründet 1947 Sa. / So., 6. / 7. März 2021, Nr. 55
Die junge Welt wird von 2466 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.01.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Arbeitsunrecht

Kurs halten lohnt sich

Biolebensmittelhändler Dennree verklagte jW wegen kritischer Berichterstattung. Doch die Redaktion ließ sich nicht kleinkriegen
Von Simon Zeise
Stein des Anstoßes: jW-Bericht über Arbeitsunrecht bei Dennree
Stein des Anstoßes: jW-Bericht über Arbeitsunrecht bei Dennree

Image ist alles. Konzerne preisen ihre Waren in den schillerndsten Farben als nachhaltig und günstig an. Über das Innenleben des Betriebs, den harten Arbeitsalltag der Beschäftigten, breiten sie aber lieber den Mantel des Schweigens. Am 2. Oktober 2019 berichtete jW über die Behinderung von Betriebsratswahlen beim Biolebensmittelhändler Dennree. Umgehend flatterte dem Verlag 8. Mai ein Anwaltsschreiben ins Haus. Eine lange Rechtsauseinandersetzung nahm ihren Anfang.

Die im Artikel berichteten Missstände wogen schwer. Die von Dennree betriebenen Denn’s-Supermärkte werben mit Lebensmitteln, die im Einklang mit der Natur produziert werden. Mit dem Label »gewerkschaftsfeindlich« wollte man da am Firmensitz in Oberfranken nicht assoziiert werden. Dennree ließ am 8. Oktober 2019 über eine Anwaltskanzlei ausrichten, große Teile der im Artikel getätigten Aussagen seien unwahr und deshalb »sofort zu unterlassen«. Insgesamt müssten sieben Passagen des Artikels gestrichen werden. Weder sei die Gewerkschaft Verdi noch der Dennree-Betriebsrat, wie von jW berichtet, dem Unternehmen »ein Dorn im Auge«. Auch stimme es nicht, dass die Geschäftsführung die Belegschaft und den Betriebsrat habe »spalten« wollen. Die Darstellung, »bei der Betriebsversammlung solle der Vertreter der Geschäftsführung erklärt haben, Dennree könne sich eine tarifliche Entlohnung nicht leisten«, sei »falsch« und verstoße »gegen die Grundsätze einer zulässigen Verdachtsberichterstattung«.

Das Unternehmen fuhr also schwere Geschütze auf. Nachdem eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Berlin erwirkt wurde, war die Redaktion mit weitreichenden Folgen konfrontiert. Würden die entsprechenden Textstellen nicht gelöscht, werde ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro fällig, alternativ müsse der Geschäftsführer des Verlags 8. Mai GmbH eine Ordnungshaft von bis zu sechs Monaten antreten.

Doch einfach klein beizugeben, war keine Option. Schließlich basierte die Darstellung der Ereignisse im Artikel auf gut recherchierten Fakten. Wenn Konzerne nicht genehme Berichterstattung einfach torpedieren könnten, wäre unabhängiger kritischer Journalismus kaum mehr möglich. Bei manchen Aussagen stand das Wort des Gewerkschaftsvertreters gegen das der Unternehmensseite. Doch die Gewerkschaft handelt im Arbeitskampf durch das ihr im Grundgesetz verbriefte Recht auf Koalitionsfreiheit einseitig und darf das auch. Der Presse steht es frei, dies abzubilden. Insoweit sind Gewerkschaften für die Medien eine Art »privilegierte« Quelle. Die Leserinnen und Leser nehmen die dargestellten Informationen als das, was sie sind, nämlich als Aussage eines am Arbeitskampf Beteiligten. Hier ging es um Grundsätzliches.
Dennree ließ nicht locker. Dem Landgericht Berlin wurde die eidesstattliche Erklärung eines Mitarbeiters vorgelegt, der die Argumente der Unternehmensseite stützte. Im Betrieb verlor die Gewerkschaft an Rückhalt. Der aggressive Kurs des Konzerns schien Wirkung zu entfalten.
Doch jW hielt Kurs. Auch auf die Gefahr hin, hohe Prozesskosten tragen zu müssen, die eine kleine Zeitung schnell in finanzielle Nöte bringen können, blieb die Redaktion bei ihrer Version und legte Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung ein.

Vor Gericht musste sich der Biohändler dann klare Worte gefallen lassen. Im Kontext des angegriffenen jW-Artikels werde ein »möglicher Widerspruch zwischen Außen- und Innendarstellung« bei Dennree deutlich, stellten die Richter im Juni 2020 fest. »Dieser wird in bezug auf ihre Betätigung am Markt als prosperierender Großhändler für Biolebensmittel beschrieben, der sich für ökologischen Landbau, das Tierwohl und eine intakte Natur einsetze. Im Gegensatz dazu aber verhalte er sich bei Mitbestimmungsrechten seiner Belegschaft nicht kooperativ und gewähre keine tarifliche Entlohnung.« Deshalb müsse es Dennree auch hinnehmen, dass anhand von Beispielen kritisch über den Konflikt berichtet werde.

Das Urteil wurde Ende Dezember rechtskräftig, die Akte damit endgültig geschlossen. Die Richter wiesen die Klage des Konzerns bis auf einen Punkt ab. Als Lehre bleibt: Unrecht darf öffentlich benannt werden. Auf dass sich Arbeiter weiter gegen ihre Ausbeuter zur Wehr setzen.

Hintergrund: Dennree

Die Anfänge waren bescheiden, und sie fallen in die Zeit der Naturkostpioniere: Thomas Greim gründete Dennree 1974 im oberfränkischen Töpen und handelte anfangs mit Biomilchprodukten. In der ersten Zeit fuhr er zu Ökobauernhöfen im Chiemgau und lieferte von dort Trinkmilch, Dickmilch, Kefir und Joghurt an Reformhäuser und Naturkostläden in München, wie es auf der Firmenwebsite ausführlich beschrieben wird. Um die 3.000 Kilometer habe Greim damals mit seinem gebrauchten Opel-Blitz-Lkw Woche für Woche zurückgelegt. Mittlerweile ist Dennree längst der Marktführer im Bereich Naturkost.

Für 2019 wies das Unternehmen 1,12 Milliarden Euro Umsatz aus. Bundesweit arbeiten mehr als 6.600 Menschen für Dennree und die zum Unternehmen gehörenden Denn’s-Biomärkte. Allein am Gründungsstandort und Firmensitz in Töpen sind rund 1.300 Beschäftigte im Großhandel, Lager und in der Verwaltung tätig. Dennree beliefert laut Lebensmittelzeitung.net vom 13. Februar 2020 mehr als 1.400 Fachmärkte in Deutschland und Österreich – inklusive der eigenen Denn’s-Biomärkte. 2019 investierte das Unternehmen mehr als 40 Millionen Euro, was auch als Reaktion auf die Biooffensiven der großen Lebensmittelhändler Edeka, Rewe, Lidl, Kaufland und Aldi verstanden wurde.

Die Dennree-Beschäftigten werden nicht nach den von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ausgehandelten Flächentarifverträgen des Einzel- bzw. des Großhandels bezahlt. Nachdem die Belegschaft in Töpen im Mai 2019 erstmals einen mehrheitlich von Verdi-Mitgliedern gestellten Betriebsrat gewählt hatte, schienen Tarifbezahlung und betriebliche Mitbestimmung in greifbare Nähe gerückt zu sein. Doch es gab viele Konflikte zwischen Geschäftsleitung, örtlicher Verdi-Vertretung und der Betriebsratsspitze. Dennree ging schließlich sogar juristisch gegen die Berichterstattung über diese Konflikte vor. Inzwischen ist das Engagement der Beschäftigtenvertretung weitgehend zum Erliegen gekommen, nachdem der Betriebsratsvorsitzende das Unternehmen verlassen hat.

Mit der betrieblichen Mitbestimmung tut sich allerdings nahezu die gesamte Branche schwer – auch bei Alnatura und der im Raum Berlin präsenten Kette Bio-Company gab es Ärger rund um Betriebsratswahlen. Beim Großhändler Terra kam es erst gar nicht zu Wahlen. (gg)

Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (23. Januar 2021 um 20:06 Uhr)
    Dieselbe Scheiße in grün, super!

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Druck- und Verlagshaus der regionalen Tageszeitung Nordkurier in...
    17.01.2018

    Erfolgreich um die Stellen gekämpft

    Nach anhaltenden Protesten können sich die Nordkurier-Zusteller freuen: Sie behalten ihre Jobs
  • Jahrespressekonferenz der Bauer Media Group mit Verlegerin Yvonn...
    26.01.2013

    Lohndrückerei à la Bauer

    Magdeburger Volksstimme lagert das letzte Ressort aus. Betriebsratsarbeit wird dadurch erschwert oder sogar unmöglich. Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Chefs

Mehr aus: Schwerpunkt