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Aus: Ausgabe vom 22.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Coronablues

Auf den Barrikaden von Subcomandante Markus

Von Pierre Deason-Tomory
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Söderwehr is watching: Demo gegen Coronamaßnahmen in Fürth (17.1.2021)

In Weimar demonstrieren wieder die Nasenfreiheitskämpfer und tanzen den Ordnungshütern auf deren Nasen herum. Es gibt in Thüringen bisher einen informellen Nichtangriffspakt der Sicherheitsorgane mit den Coronaleugnern. Anders als in Mittelfranken, dort bekämpften sich am Wochenende beide Seiten wie nach Anleitung aus dem Stadtguerillahandbuch.

Einem Bericht der Nürnberger Nachrichten zufolge besetzte die Polizei am Sonntag die Straßen und Gassen der Innenstadt und errichtete Barrikaden. Die Irren wichen der Söderwehr aus und tauchten in kleinen, mobilen Einheiten in Fürth und Erlangen auf. Dort gingen die regulären Einheiten zum Sättigungsangriff über, und die Grüppchen der Insurgenten wurden nacheinander aufgerieben: 410 Identitätsfeststellungen, 551 Platzverweise, sieben vorläufige Festnahmen, 231 Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz und 18 Anzeigen wegen Beleidigung, Sachbeschädigung, wegen des Gebrauchs unrichtiger Gesundheitszeugnisse und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Soweit konnte der Thüringer Innenminister Georg Maier bisher nicht gehen, er musste schließlich bis vor kurzem befürchten, dass der eigene Ministerpräsident unter den Verhafteten ist.

Nun werden die Coronamaßnahmen weiter verschärft und verlängert. Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie habe ich darüber nachgedacht, wie lange das wohl noch so gehen wird. Drei Monate oder vier? Oder dürfen wir schon im März die erste Frühlingssonne auf einem Stühlchen vor dem Kaffeehaus begrüßen, mit einem bunten Getränk und einem Schwatz mit allen, die vorbeikommen? Das wäre auch erst in acht Wochen.

Langsam nehme ich zur Kenntnis, wie fad es geworden ist. Ich kriege die Wochentage nicht mehr sortiert. Arbeit könnte Struktur geben, aber inzwischen ist der Auftragseingang nur noch ein Rinnsal, und vor mir steht eine lange Bank, auf die ich schiebe, was mir nicht widerstandslos aus dem Kopf fällt.

Das Hemd von gestern trage ich übermorgen noch, am dicht gewucherten Bart werden nur alleinstehende Langfransen geschnitten. Mir ist rechts ein Bizeps gewachsen, weil ich andauernd Kartoffelsäcke nach Hause schleppe, und am Bauch eine Kugel, aus demselben Grund. Neulich war Nadine da und sagte: »Dein eines Augenlid hängt herunter!« Stimmt nicht, beide Lider hängen herunter. Wenn ich keine Wimpern hätte, die sie oben halten, wäre ich jetzt auch noch blind.

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. (21. Januar 2021 um 22:41 Uhr)
    Erschreckt mich nie wieder mit dem Assoziationsspiel Subcomandante Marcos (Zapatisten, EZLN) zu Subcomandante Markus (Söder).

    Zwischen CSU und die Zapatisten passen mehrere komplett expandierte Paralleluniversen ...
  • Beitrag von Olaf M. aus M. (22. Januar 2021 um 12:28 Uhr)
    Der feixende Unterton ist unerträglich. Mit dem neuen Jahr wurde ein Schalter umgelegt. Demonstrationen gegen das Corona-Regime der Bundes- und Landesregierungen werden nun weitgehend verboten, das Grundrecht der Versammlungsfreiheit mithin ausgesetzt. Zur Durchsetzung dieser Strategie werden regelmäßig Hundertschaften an Polizei eingesetzt, um jede Regung an Meinungsäußerung im Keim zu ersticken und Demonstranten zu kriminalisieren. Das geht Hand in Hand mit der Verfolgung von Ärzten, die sich kritisch zur Coronapolitik der Bundesregierung äußern. Sie werden unter dem Vorwand, irreguläre Maskenatteste ausgestellt zu haben, wie Schwerverbrecher verfolgt, mit existenzbedrohenden Folgen.

    Vor dem Hintergrund dieser tagtäglichen polizeistaatlichen Repression kann man sich nur wundern, wenn in dieser Zeitung Menschen, die dagegen protestieren, als »Irre« bezeichnet werden.

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