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Aus: Ausgabe vom 22.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Pfusch am Bau

Funkenflug und Funkstille

Stromunfälle am Hauptstadtflughafen bleiben trotz Gegenmaßnahmen an der Tagesordnung. Problem könnte großflächig sein
Von Ralf Wurzbacher
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Der BER bleibt eine Dauerbaustelle

Mitte Oktober 2020, nach »erfolgreichem« Testdurchlauf mit knapp 10.000 Komparsinnen und Komparsen, befand der Chef der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB), Engelbert Lütke Daldrup: »Wir können den BER am 31. Oktober guten Gewissens in Betrieb nehmen.« Geöffnet hat der Hauptstadtairport zum anvisierten Termin. Ob dies mit bestem Wissen und Gewissen geschah, erscheint mit jedem Tag zweifelhafter. Inzwischen hat sich die Zahl der aktenkundigen Fälle, in denen Beschäftigte der Firma Securitas bei der Arbeit von Stromschlägen traktiert wurden, auf 80 erhöht. Trotz des Einsatzes von ableitfähigen Schuhen und Bodenmatten sind das 20 mehr als in der Vorwoche, als jW erstmals über die Vorgänge berichtete. Bekanntlich kommt ein Unglück selten allein: Am vergangenen Wochenende tropfte auch noch Wasser aus der Decke.

Dies ist bereits der zweite (dokumentierte) Wasserschaden innerhalb von nur zweieinhalb Monaten. Der erste ereignete sich Anfang November, nur wenige Tage nach der BER-Einweihung, die sich aufgrund einer sagenhaften Pleiten- und Pannenserie um neun Jahre verzögert hatte. Wie das Berliner Boulevardblatt B. Z. am Mittwoch berichtete, war beim neuesten Vorfall ein Rohrbruch im Verbindungsgang zwischen Fluggastkontrolle und »Marktplatz« die Ursache. FBB-Sprecher Jan-Peter Haack versicherte eiligst, dass keine Elektrizität beeinflusst oder beschädigt wurde. »Sämtliche Kabel sind entsprechend wasserdicht ummantelt.« Das beruhigt nur mit Abstrichen. Bei den Gepäckabfertigungsanlagen sprühen nämlich immer noch die Funken – sogar buchstäblich: Gegenüber der ­Berliner Woche vom Mittwoch schilderte ein Betroffener, einen hellen Lichtbogen zwischen seiner Hand und dem Pult am Röntgengerät gesehen zu haben.

Benjamin Roscher vom Landesverband Berlin-Brandenburg der Gewerkschaft Verdi sprach am Donnerstag von »täglich zwei bis drei neuen Vorkommnissen«, betroffen seien vereinzelt auch Passagiere. Allerdings werde von oben Druck auf die Securitas-Mitarbeiter ausgeübt, »nicht wegen jeder Kleinigkeit Meldung zu machen«. Die durch die Bundespolizei vorgenommenen Vorkehrungen nannte er gegenüber jW »nur begrenzt wirksam«. So kämen schwerere Verletzungen mittlerweile seltener vor. In einer Verdi-Mitteilung vom 11. Januar war von wiederholten Klinikeinlieferungen und Krankschreibungen die Rede gewesen. Am 6. Januar hatte die Stromfalle gleich elfmal zugeschlagen. Verdi fordert die Schließung des Gefahrenbereichs, bis die Fehlerquelle ausgemacht und behoben ist.

Die Berliner Woche schilderte die Geschichte einer Geschädigten, die noch eine Woche nach dem »Knall« unter Muskelkater im Arm leide, manche ihrer Kollegen hätten Brandblasen davongetragen. Sie selbst habe der Schlag getroffen, obwohl sie Sicherheitsschuhwerk und einen Antistatikschlüsselanhänger getragen habe. Die für die Gepäckkontrollen zuständige Bundespolizei habe nach einer Prüfung die Funktionstüchtigkeit der Geräte festgestellt und das Problem damit heruntergespielt, diesem wäre unter anderem mit »feuchtem Wischen« beizukommen. Nun verdichten sich jedoch die Hinweise, dass mehr im Argen liegt als nur elektrostatische Entladungen und das Übel mit fehlerhaften Leitungen oder mangelnder Erdung zu tun haben könnte. Womöglich ist der Schaden auch kein punktueller: Das Phänomen soll sich auch bei den Check-in-Schaltern und im Keller bei den Kofferröntgenstraßen gezeigt haben.

Träfe dies zu, droht hier vielleicht die nächste Großbaustelle bis hin zu einer Stillegung des ohnehin wegen der Coronakrise arg eingeschränkten Flugverkehrs- und Passagieraufkommens. Und die Kosten für den Steuerzahler würden in noch luftigere Höhen steigen. Bis dato hat die BER-Errichtung sieben Milliarden Euro verschlungen. Immerhin: Laut Gewerkschaftssekretär Roscher »scheint etwas zu passieren« in der Angelegenheit, »hinter den Kulissen wird richtig gewirbelt«. Nach seiner Kenntnis wollen die Verantwortlichen eine eingehende Untersuchung durch den TÜV vornehmen lassen. Danach gefragt, hieß es gestern seitens der Berliner Direktion der Bundespolizei, der Abstimmungsprozess sei »noch nicht abgeschlossen«.

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