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Aus: Ausgabe vom 22.01.2021, Seite 7 / Ausland
Tod in Polizeigewahrsam

Todesursache Rassismus

Belgien: Erneut nichtweißer Mann nach Festnahme in Brüssel gestorben. Hinterbliebene sehen Schuld bei Polizei
Von Gerrit Hoekman
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Demonstranten fordern nach dem Tod Ibrahima Barries ein Ende der Polizeigewalt (Brüssel, 13.1.2021)

Am Dienstag ist ein 30 Jahre alter Algerier tot in der Arrestzelle einer Polizeiwache in Brüssel aufgefunden worden. Der Mann war verhaftet worden, weil er sich offenbar ohne Papiere in Belgien aufhielt. Das berichtete die flämische Nachrichtensendung »VRT Nieuws«. Die Autopsie ergab, dass der Körper des Algeriers keine Spuren von Gewalt aufwies. Das Ergebnis einer toxikologischen Untersuchung stand noch aus. Die Staatsanwaltschaft leitete demnach dennoch Ermittlungen ein und sicherte das Video der Überwachungskamera in der Zelle und von der Festnahme.

Der 30jährige ist bereits der zweite Tote innerhalb von knapp zwei Wochen, der auf einer Wache in Brüssel ums Leben kam. Am 9. Januar starb der 23 Jahre alte Ibrahima Barrie. Er war laut Polizeiangaben festgenommen worden, weil er gegen die Coronamaßnahmen verstoßen hatte. Auf der Wache sei er plötzlich bewusstlos vom Stuhl gefallen und wenig später im Krankenhaus gestorben. Als Todesursache wurde Herzversagen festgestellt. Angeblich soll er einen Herzfehler gehabt haben, von dem er nichts wusste. Die erste Annahme der Polizei, Barrie habe Drogen konsumiert, bestätigte sich nach einer toxikologischen Untersuchung nicht. Das berichtete unter anderem der öffentlich-rechtliche Rundfunk BRF am 13. Januar online.

Die aus Guinea stammende Familie des Toten zweifelt an der Todesursache. Tatsächlich gibt es einige Ungereimtheiten. Die Polizei behauptete zunächst, Barrie sei verhaftet worden, weil er die Ausgangssperre missachtet habe, die in Belgien ab 22 Uhr gilt. Allerdings soll der Tod im Krankenhaus bereits um 20.22 Uhr festgestellt worden sein, berichtete die Tageszeitung Het Laatste Nieuws (HLN) am 16. Januar online.

Die Festnahme sei also unbegründet gewesen, ist Alexis Deswaef überzeugt. »Er war dabei, eine Polizeiaktion zu filmen«, sagte der Anwalt der Familie in einem Video bei HLN. »Das ist das Recht eines jeden Bürgers. Darüber wurden alle Polizeibeamten vergangenes Jahr in Kenntnis gesetzt.« Laut dem Anwalt seien zwischen fünf und sieben Minuten vergangen, bevor sich die auf der Wache diensthabenden Polizisten um Barrie kümmerten und einen Krankenwagen riefen. »Das ist ein Problem von Rassismus in der Polizei. Das soll nicht heißen, dass alle Polizisten Rassisten sind. Aber ein Teil ist rassistisch. Es wäre nicht passiert, wenn er nicht schwarz gewesen wäre«, ist Deswaef überzeugt. Auch die Staatsanwaltschaft scheint mittlerweile nicht mehr von der Polizeiversion überzeugt zu sein und hat Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung in die Wege geleitet.

Barries Tod führte vergangene Woche zu heftigen Ausschreitungen am Ende einer friedlichen Trauerdemonstration in Brüssel. Einige hundert überwiegend junge Demonstranten bewarfen eine Polizeiwache mit Steinen, plünderten eine Apotheke und zerstörten Haltestellen und die Fenster einer Straßenbahn. 116 Menschen wurden festgenommen, darunter 30 Minderjährige. Die Polizei ging hart gegen die Protestierenden vor. Auf einem Video, das im Internet kursiert, ist zu sehen, wie ein Polizeibeamter aus nächster Nähe ein Gummigeschoss auf einen Flüchtenden abfeuert. »Wir können bestätigen, dass die Bilder authentisch sind«, zitierte HLN die Sprecherin der Polizeizone Brüssel-Nord, Amal Ihkan.

Noch sind die beiden Todesfälle nicht aufgeklärt, da kommt die Polizei in Brüssel schon wieder ins Gerede. In einem erst jetzt öffentlich gewordenen Video aus dem Jahr 2018 beschimpfen zwei Polizeibeamtinnen im Stadtteil Anderlecht aus ihrem Streifenwagen heraus Passanten als »Makaken« und »Homos«. »Wir brauchen ein nationales Versöhnungsprojekt – und zwar schnell«, zitierte HLN am Donnerstag Ahmed Laaouej, den Vorsitzenden der Parti Socialiste (PS) in Brüssel.

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