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Aus: Ausgabe vom 21.01.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Lauter schlaue Zeichen

»The Future Bites«: Das neue Album des britischen Progmusikers Steven Wilson
Von Alexander Kasbohm
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Soundverweise, geschickt um die Ecke gespielt: Steven Wilson

Steven Wilson hat wie kaum ein anderer dazu beigetragen, das verrufene Genre des Progressive Rock zu rehabilitieren und zu modernisieren. Ist das ein Verdienst? Lassen Sie mich etwas ausholen. In den Punk Wars der späten 70er wurde alles, was irgendwie kunstvoll, gesetzt oder verstiegen wirkte, sauber von der Platte gefegt. Die Bands der ersten Hälfte des Jahrzehnts galten als kulturell reaktionäre Dinosaurier, und das nicht ganz zu Unrecht. In der Musik war keine Auflehnung gegen die Verhältnisse zu spüren, die Texte handelten oft von Fantasy-Themen, und in langen Instrumentalpassagen versuchten die Bandmitglieder, sich gegenseitig zu überholen. Punk war damals noch rohe Energie, die das Establishment ernsthaft verschrecken konnte. Heute kann man mit Punk Werbung für Kreditkarten machen. Die ästhetisch-kulturellen Verknüpfungen sind hinfällig. Ein gut gestimmtes Klavier steht genauso sehr für Rebellion wie eine verzerrte Gitarre – nämlich überhaupt nicht.

Da diese Soundverweise also nur noch funktionieren, wenn sie um die Ecke gespielt werden, also als Verweis auf den Verweis, ist es heute völlig unsinnig, dem Progmusiker eine reaktionärere Haltung zu unterstellen als dem Traditionspunk (ein Widerspruch in sich, da Punk – zumindest der der britischen Prägung – immer eine radikale Absage an Traditionen war), der sich heute noch 40 Jahre alter Formen bedient. Eine verzerrte Gitarre oder ein schreiender Sänger können heute niemanden mehr schockieren. Steven Wilson nennt als früheste Einflüsse auf sein musikalisches Denken »The Dark Side of the Moon« von Pink Floyd und »Love To Love You Baby« von der Discoqueen Donna Summer. Beides hört man immer wieder durchscheinen. Wenn Wilson nicht mit einem seiner zahlreichen eigenen Projekte (No- Man, ­Porcupine Tree, Storm Corrosion, Bass Communion, The Incredible Expanding Mindfuck, Blackfield) arbeitet, ist er ein gefragter Remasterer klassischer Alben von Yes, King Crimson oder XTC. Langweilen dürfte er sich eher selten.

»The Future Bites« ist – nach guter Prog-Tradition – ein Konzeptalbum. Das Thema ist der Konsum bzw. die Konsumkritik. Kein besonders neues Thema, es wurde auch in der Popmusik schon viel bearbeitet, meist mit schauderhaften, neunmalklugen Ergebnissen. Steven Wilson (Jahrgang 1967) umschifft die Klippen aber ganz geschickt. Er belehrt nicht, er ist sich bewusst, dass er ein Teil des Ganzen ist. Sowohl als Konsument in der sogenannten »Mitte des Lebens«, seiner eigenen Position unsicher, vor Nostalgie nicht gefeit, als auch als Produzent eben dieser Konsumgüter für mittelalte Menschen in der Sinnkrise, wenn er zum Beispiel 5.1-Mixe klassischer Alben erstellt, die dann in teuren Boxsets verkauft werden. Humoristischer und selbstironischer Höhepunkt des Albums ist, wenn Sir Elton John, einer der berühmtesten Shopaholics der Welt, im Track »Personal Shopper« eine gemeinsam erstellte Liste von Dingen, die unnütz und teuer sind, vorträgt. »Volcanic Ash Soap«, »Designer Trainers«, »Smart Watches«, »Monogrammed Luggage« und, eben, »Deluxe Edition Box Sets«. Shopping als reine Ablenkung und Betäubung, als Versuch, die Leere zu füllen, die der Alltag in einem hinterlässt.

Das Soundgewand, in das Wilson die Stücke kleidet, ist beeindruckend und die perfekte Illustration der postmodernen Gleichwertigkeit aller kultureller Zeichen. Krachende Gitarren, die eher im Punk als im Rock wurzeln, stehen neben Discostreichern, Soulchören, Giorgio-Moroder-Keyboards und akustischer Gitarre. Und das alles so glasklar und staubfrei, dass man zumindest ein paar konservative Altpunks noch damit provozieren könnte, die noch an »Dreck« und »Schweiß« als positive Werte glauben, jedes Keyboard als Zeichen »seelenloser Maschinenmusik« sehen und Autoren, die im Anzug zum Plattenauflegen erscheinen, gerne mal Prügel androhen. »The Future Bites« ist deren Hölle – kraftvoll und schlau. Nehmt das, ihr Heinis!

Steven Wilson: »The Future Bites« (Caroline/Universal Music)

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