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Aus: Ausgabe vom 20.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Er tat das Gegenteil

Schlau und traurig: Zum Tod des großen Musikproduzenten Phil Spector
Von Maximilian Schäffer
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Sehnsüchte waren sein Fachgebiet: Phil Spector (1994)

Bis Anfang der 1960er Jahre klangen die meisten Musikaufnahmen entweder klein oder muffig. Gängige Praxis war es bis dahin, das Musikerensemble inklusive Sänger in einem Aufnahmeraum zu versammeln und das Lied live einspielen zu lassen. Da die Abmischung vor allem durch Position des Mikrofons und Verschiebung von Schallwänden erfolgte, war die Klarheit einer Aufnahme direkt abhängig von der Anzahl der Instrumente im Raum und deren Lautstärke. Mehrspurrekorder lösten dieses Problem. Mit ihnen konnte man verschiedene Schallquellen zeitlich und räumlich unabhängig voneinander synchron aufnehmen. Froh um diese Errungenschaft, nutzten die meisten Musikproduzenten der Zeit die Erfindung zur Gewinnung einer höheren Klangtreue, vor allem beim Gesang. Deswegen schmeicheln Elvis-Platten bis heute auf Hi-Fi-Anlagen dem Ohr. Phil Spector tat das Gegenteil – er verzerrte.

Um am eigenen Leib zu erfahren, wieso Spector das tat, ist an diesem Punkt der Selbstversuch angesagt. Man nehme sehr schlechte Lautsprecher oder Kopfhörer, vielleicht kostenlose aus dem Flugzeug, ohne Bass und mit klirrenden Höhen. Dann suche man sich, vielleicht auf Youtube, eine Mono-Version des Liedes »Da Doo Ron Ron« von The Crystals aus dem Jahr 1963. Unzählige Saxophone, ein trillerndes Klavier, ein Frauenchor, ein hämmerndes Schlagzeug, eine leidenschaftliche Solostimme, ekstatischs Händeklatschen – das alles wird trotz miesester Tonausgabe wahrzunehmen sein. Trotz limitierter technischer Möglichkeiten wirkt der Song riesengroß, das Studio unendlich, die Klangwand ist überwältigend. Phil Spector wusste, dass Millionen von US-amerikanischen Kids auf Auto- und Kofferradios Musik hörten, dass das Radio mit Tragegriff als Hintergrundbeschallung in Küchen aufgestellt wurde, dass kleine Fernsehgeräte mit kleinen Lautsprechermembranen ausgestattet waren. Er kreierte perfekte Klangillusionen für die Bluetooth-Speaker der Nachkriegszeit.

Aus technischer Perspektive erreichte er dies durch unzähliges Überspielen, megalomanische Ensembles und Halleffekte. Gesellschaftlich betrachtet bediente der Sohn jüdisch-sowjetischer Einwanderer erster Generation den Bedarf an maßlosem Trost in einem harten Land, das sich über wattierte Träume definiert. Sehnsüchte waren Spectors Fachgebiet, am liebsten arbeitete er mit afroamerikanischen Teenagern, The Crystals waren bei ihrem ersten Plattenvertrag um die 15 Jahre alt. Naiven Highschool-Kindern aus den Armenvierteln von Baltimore und New York City entlockte er den ultimativen Soundtrack zum pubertären Aufbruch ins eigene, bessere Leben. So eines sollte auch ihm beschert sein, schon bald residierte er in kalifornischen Schlössern, auf denen er die Reichen und Schönen empfing.

Zu schlaue und traurige Musiker sehnen sich nach authentischen Emotionen im Werk. 1969 klopfte der heroinabhängige John Lennon bei Spector an. Ein Jahr später kam die Materialsammlung »Let It Be« dabei raus, mittlerweile um ein paar Dutzend Bläser- und Streicherspuren reicher. Die große orchestrale Umarmung Spectors gefiel dem schlaueren und stabileren Paul McCartney nicht, der nie verstand, worum es bei »Da Doo Ron Ron« und »Be My Baby« substanziell ging. Der nicht so schlaue, aber geniale Brian Wilson brauchte die »Wall of Sound« nur zur Inspiration, er wusste es kompositorisch und auch produktionstechnisch schon 1966 doppelt so gut wie Spector zu machen. »Pet Sounds«, das krönende Werk der Beach Boys, ist keine Illusion mehr, sondern die ultimative Perfektion aufgenommener Popmusik. Die dort enthaltenen Sehnsüchte hingegen stehen der Dummheit und Naivität ihrer Vorlage in nichts nach.

Spector in Retrospektive als One-Trick-Pony zu bezeichnen, der immer dieselbe Soundkulisse der frühen 1960er empathielos auf alle von ihm gefertigten Aufnahmen quetschte, ist nur bedingt annehmbar. Überfrachteter Nonsense wie Leonard Cohens »Death of a Ladies’ Man« (1977) oder »End of the Century« (1980) von den Ramones mag zu dieser Behauptung führen, keinesfalls aber perfekter Kitsch wie George Harrisons »My Sweet Lord« (1970) mit Hare-Krishna-Chor oder das gleichermaßen hirntote, aber formvollendete »Imagine« (1971) von John Lennon.

Schlaue und traurige Musiker produzieren oft Größe und Grausamkeit in gleichem Maße. 2003 ermordete Phil Spector, der seit jeher gerne Menschen mit Schusswaffen bedrohte, die Schauspielerin Lana Clarkson in seinem kalifornischen Schloss. Er starb am vergangenen Samstag im Alter von 81 Jahren im Gefängnis von Stockton.

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