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Aus: Ausgabe vom 20.01.2021, Seite 7 / Ausland
Flüchtlingskarawane

Schlagstöcke und Tränengas

Guatemala: Militär- und Polizeieinheiten stoppen Flüchtlingskarawane. Honduras fordert Untersuchung
Von Volker Hermsdorf
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Einsatzkräfte gehen brutal gegen Teilnehmer der Flüchtlingskarawane vor (Vado Hondo, 17.1.2021)

Guatemaltekische Militär- und Polizeieinheiten haben am Montag (Ortszeit) Tausende Flüchtlinge aus Honduras gewaltsam daran gehindert, ihren Weg zur Grenze zwischen Mexiko und den USA fortzusetzen. Durch den Einsatz von Schlagstöcken und Tränengas seien zahlreiche Männer, Frauen und Kinder verletzt worden, teilte der Menschenrechtsbeauftragte des Landes, Jordán Rodas Andrade, in einer Erklärung mit. Die Flüchtlinge hatten zunächst mit aus Stoffresten gefertigten weißen Fahnen den Verzicht auf Gewalt gefordert und bekräftigt, dass sie ihren Marsch friedlich fortsetzen wollten. Wie die mexikanische Tageszeitung La Jornada am Dienstag meldete, ist der größte Teil der Personen, die vor den Einsatzkräften in die Berge geflohen waren, jedoch mittlerweile auf dem Rückweg nach Honduras.

»Wir haben nicht gestohlen, wir wollen einfach nur durchkommen«, zitiert La Jornada die 21jährige Honduranerin Angie, die in den USA auf ein Leben ohne Gewalt und mit besseren wirtschaftlichen Chancen hoffe. Sie wolle jetzt versuchen, ein negatives Coronatestergebnis zu erhalten – eine der Voraussetzungen für die Einreise nach Guatemala, sagte die junge Frau der Zeitung. »Im Gegensatz zu dem, was viele glauben, denken die Teilnehmer dieser Karawanen nicht an den ›amerikanischen Traum‹, sondern fliehen vor dem honduranischen Alptraum«, verwies der Journalist Bartolo Fuentes in La Rel, einem gewerkschaftlichen Onlineportal, auf die Ursachen der Massenflucht. »Sie fliehen aus Verzweiflung über Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Unterdrückung und nehmen lieber eine Reise voller Gefahren auf sich, als in ihrem Land zu bleiben«.

Honduras ist eines der Länder mit der höchsten ökonomischen Ungleichheitsrate in Lateinamerika. Fast 70 Prozent der Bevölkerung leben in Armut und mehr als 40 Prozent in extremer Armut. Es gilt zudem als eines der gefährlichsten Länder auf dem Kontinent. »Mehr als 140 Gewerkschafter und Menschenrechtsaktivisten und mehr als 360 LGBTI-Personen wurden im vergangenen Jahrzehnt ermordet und in weniger als zwei Jahrzehnten außerdem fast 90 Journalisten sowie 6.300 Frauen getötet«, berichtete das Onlineportal Resumen Latinoamericano am Dienstag. Der spanische Journalist José Manzaneda vermutet, dass die Migration aus Honduras auch ein Ergebnis der politischen Krise und der Repression nach dem von Washington unterstützten Staatsstreich im Jahr 2009 ist.

Das honduranische Außenministerium kritisierte das Vorgehen gegen die Flüchtlinge und forderte Guatemala auf, die Armee- und Polizeieinsätze zu untersuchen. Guatemala beschuldigte indes Honduras, sich nicht an Vereinbarungen zu halten, die zwischen den Behörden der nördlichen Länder Zentralamerikas, Mexiko und den Vereinigten Staaten getroffen worden waren, um die Anfang Januar angekündigte Karawane aufzuhalten. »Wir fordern, die Grenzkontrollmaßnahmen zu verstärken, um zukünftige Karawanen zu verhindern«, erklärte auch Michael Kozak, Donald Trumps stellvertretender Staatssekretär für die westliche Hemisphäre. Mexiko hat mittlerweile Hunderte Nationalgardisten an die Grenze zu Guatemala geschickt, um die Flüchtlinge aufzuhalten.

Der zuletzt auf 9.000 Menschen angewachsene Zug ist der erste lateinamerikanische Flüchtlingsmarsch des Jahres 2021. Die Teilnehmer hatten Honduras am vergangenen Mittwoch in Gruppen verlassen. Seit Freitag abend überquerten die ersten die Grenze nach Guatemala. Viele der Menschen hofften auf eine Lockerung der US-Einwanderungspolitik unter dem künftigen Präsidenten Joseph Biden. Washington wies derartige Erwartungen jedoch zurück. Auch unter Biden sei keine andere Migrationspolitik zu erwarten, betonten Beamte der US-Grenzbehörden. Seit Oktober 2018 haben mehr als ein Dutzend Karawanen, darunter einige mit Tausenden von Flüchtlingen, Honduras in Richtung USA verlassen, waren meist aber an den verschärften Kontrollen gescheitert.

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