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Aus: Ausgabe vom 20.01.2021, Seite 2 / Inland
Tagebau Garzweiler II

»RWE treibt den Abriss immer rabiater voran«

Häuser in Lützerath sollen Tagebau Garzweiler II weichen. Aktivisten protestieren dagegen. Ein Gespräch mit Britta Kox
Interview: Gitta Düperthal
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Bauschutt in Lützerath am Montag, nachdem Bagger mit dem Abriss von Wohnhäusern begonnen haben

Der Kohlekonzern RWE hat am Montag damit begonnen, Häuser im Dorf Lützerath in Erkelenz am Tagebau Garzweiler II abzureißen. Es gibt Widerstand dagegen. Was geschieht dort?

Morgens um vier Uhr rückte eine Hundertschaft Polizisten an. Bis zu 70 Sicherheitskräfte des Konzerns RWE riegelten die Häuser, die abgerissen werden sollen, mit Zäunen ab. Baukräne schlugen in die Häuser ein. Die Polizei und Sicherheitskräfte gingen gewaltsam gegen Aktivistinnen und Aktivisten vor, die das verhindern wollten. Als ein Aktivist über den Bauzaun klettern wollte, zogen ihn Angestellte des Konzerns über den Zaun und verdrehten ihm mit einem Schmerzgriff den Arm. Als ich mit der Polizei klären wollte, dass Sicherheitskräfte Menschen nicht körperlich angreifen dürfen, wurde ich von Ordnungskräften geschubst. Dabei hatte ich ihnen zuvor mitgeteilt, dass ich für die Grünen in Erkelenz als parlamentarische Beobachterin da sei. All das ist aus unserer Sicht nicht tragbar.

Wer unterstützt die Bewohnerinnen und Bewohner von Lützerath und weiteren umliegenden bedrohten Orten bei ihrem Kampf um das Dorf?

Im Dorf selber sind derzeit ungefähr 40 Aktivistinnen und Aktivisten. Die Initiative »Lützerath lebt«, die sich eigens dafür gebildet hat, hat hier eine Villa bezogen. Es gibt auch Wohnwagen hier. Immer wieder kommen Menschen hinzu, um uns zu unterstützen. Ich bin ihnen sehr dankbar. Wer hier in Lützerath gegen die Zerstörung des Dorfes kämpft, kämpft zugleich für die Bewohnerinnen und Bewohner in den anderen Dörfern mit, hilft dafür zu sorgen, dass nicht noch mehr kaputt gemacht wird.

Gibt es für die Menschen in Lützerath noch einen normalen Alltag?

Ein Bauer verkauft hier noch Kartoffeln. Alle aus den umliegenden kleinen Dörfern gehen ansonsten zum Einkaufen nach Erkelenz. Von Lützerath ist die Grube nur noch etwa 50 bis 60 Meter entfernt. Sechs oder sieben Häuser sind noch so intakt, dass man darin leben kann. Von etwa fünf Familien sind vier im Umsiedlungsprozess. Für den Landwirt Eckardt Heukamp ist es besonders bitter. Er ist auf dem Bauernhof seiner Eltern im Enteignungsverfahren. Zuvor hatte ihn der profitgierige Konzern, der in seiner Gier nie genug bekommt, aus dem nahegelegenen Borschemich vertrieben. Jetzt soll er erneut weichen.

RWE muss einen großen Hass auf uns haben. Der Konzern treibt den Abriss immer rabiater voran; offenbar, um seine Macht zu demonstrieren. Bisher hat man noch die Häuser entkernen lassen, Fenster und Dachziegel zuvor entfernt, um sie weiterzuverkaufen. Jetzt reißen sie die Häuser umstandslos nieder, als könnte es nicht schnell genug gehen. Es wiederholt sich, was schon 2018 in Immerath so brutal begann. Damals kletterten Greenpeace-Aktivisten auf den später abgerissenen Dom, um für den Kohleausstieg zu protestieren.

Selbst in dem sogenannten Kohlekompromiss, der einen Stopp bis 2038 vorsieht, heißt es, weiteres Baggern sei sinnlos. Weshalb macht der Konzern trotzdem weiter?

Nach dem Pariser Klimaabkommen und EU-Beschlüssen muss Deutschland das 1,5-Grad-Ziel bei der Erderwärmung einhalten. Nach Berechnungen liegt in Lützerath genau die Grenze dazu. Bereits 2019 wurde ein entsprechendes Gutachten über verschiedene Szenarien der Folgekosten des Braunkohleausstiegs und des Erhalts der fünf Erkelenzer Dörfer im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstellt. Die Landesregierung in NRW behielt es aber bis Dezember 2020 unter Verschluss. Im Frühjahr soll nun eine vierte neue Leitentscheidung beschlossen werden, worin der Satz steht: RWE wird angehalten, nur unbewohntes Gebiet anzutasten. Leider gibt es bisher nur den Entwurf.

Werden Sie weiter Widerstand leisten?

Stellen Sie sich mal vor, Ihre Nachbarhäuser würden zerstört, nur weil ein Konzern Kohle scheffeln will! Bereits in den vergangenen Wochen ist es zu heftigen Protesten gekommen. In Zeiten der Klimakrise ist eine Zerstörung von Dörfern für die klimaschädliche Braunkohle nicht zu verantworten. Wir rufen alle Menschen auf: Packt eure Masken ein, haltet Abstand und helft uns, Lützerath zu schützen!

Britta Kox ist Sprecherin von »Alle Dörfer bleiben«. Sie wohnt im etwa sechs Kilometer von Lützerath entfernten Dorf Berverath, welches ebenfalls wegen des Braunkohleabbaus vom Abriss bedroht ist

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