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Aus: Ausgabe vom 19.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Vergessene Tote

Das Blut an der Wiege des Front National: Dominique Manottis historischer Krimi »Marseille.73« über eine rassistische Mordserie
Von Gerd Bedszent
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Ein Sturm kommt: Hafenszene in Marseille (1970)

Die französische Autorin Dominique Manotti (ein Pseudonym der Historikerin Marie-Noëlle Thibault) gilt als Meisterin des Roman noir. Die bekennende Linke versteht es in ihren Romanen immer wieder, wenig bekannte Politskandale der letzten Jahrzehnte mit einer spannenden Romanhandlung zu verknüpfen. Die Bösewichter sind bei ihr im Regelfall faschistoide Totschlägerbanden, Handlanger gemeingefährlicher Großkonzerne oder extrem rechte Regierungsbeamte.

In ihrem neuen Roman »Marseille.73« begibt sich die Autorin in die politischen Abgründe des Frankreichs der frühen 1970er Jahre. Den blutige Kolonialkrieg in Algerien hatte Frankreich 1962 verloren, das nordafrikanische Land hatte seine Unabhängigkeit erkämpft. Nicht wenige ehemalige Militärs, Polizisten und Geheimdienstler wollten sich mit der Niederlage nicht abfinden und gingen noch Jahre später gegen Institutionen der Regierung vor, der sie vorwarfen, die Interessen der Nation verraten zu haben. Auch viele der aus Algerien rückgewanderten Franzosen trauerten der verlorenen Kolonialherrlichkeit nach und übten sich in Hasstiraden gegen muslimische Nordafrikaner, von denen viele nun auf der Suche nach Arbeit nach Frankreich kamen. In dieser Stimmung formierte sich der Front National.

Im Jahre 1973 eskalierte in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille die Situation. Unter der Parole »Stoppt die wilde Einwanderung« sorgten lokale Politiker und rechtslastige Bürgermilizen für Pogromstimmung. Zeitgleich verstärkte die Regierung unter dem öffentlichen Druck die Repression gegen illegal in Frankreich lebende Migranten. Die Folge war eine rassistisch motivierte Mordserie – der historische Hintergrund dieses Krimis.

Hauptfigur des Romans ist der schwule Comissaire Théodore Daquin, der schon in Manottis Romandebüt »Hartes Pflaster« (2004) und den zwei nachfolgenden Büchern eine Rolle spielte, hier allerdings noch jung und wenig erfahren ist. Auf Weisung seiner Vorgesetzten begibt er sich nach Marseille, um die Morde aufzuklären. Dort stößt er auf eine Mauer aus Misstrauen und Abneigung. Und macht die Erfahrung, dass die Stadt von einem Gewirr rivalisierender Regierungsdienststellen durchzogen ist. Einig sind sich die nur in dem Bestreben, sich keineswegs von dem aus Paris kommenden Polizeibeamten in die Karten schauen zu lassen. Ohne die Handlung komplett vorwegzunehmen: Manotti versteht es zu zeigen, wie schnell der bürgerliche Rechtsstaat bei strukturellem Rassismus an seine Grenzen stößt.

Die Sympathie der Autorin liegt nicht in erster Linie beim einsam ermittelnden Polizisten. Helden des Buches sind viel eher die afrikanischen Arbeiter, die, obwohl sie in der Minderheit und ohne Rückendeckung einer Gewerkschaft agieren, mittels Streik ein bedeutenden Teil der Wirtschaft lahmlegen und so demonstrieren, dass sie die rassistische Gewaltserie nicht widerstandslos hinnehmen. Erinnert wird im Buch auch daran, dass während des Zweiten Weltkrieges Hunderttausende nordafrikanische Soldaten in den Reihen der französischen Streitkräfte für die Befreiung Frankreichs kämpften. Und dass nicht wenige der sich später nationalistisch gebenden Rechten damals mit den deutschen Besatzern zusammengearbeitet hatten.

Dominique Manotti: Marseille.73. Aus dem Französischen von Iris Konopik, Ariadne, Hamburg 2020, 397 Seiten, 23 Euro

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