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Aus: Ausgabe vom 19.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Woher hat Fiffi das Menschenbein?

Und andere beunruhigende Probleme: Young Ha Kims kluger Thriller über einen Serienmörder mit Alzheimer
Von Kai Köhler
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Wem gehört der jetzt? Byong Su Kim kann sich nicht erinnern

Das Gedächtnis zu verlieren ist schlimm genug. Um so ernsthafter ist das Problem für einen Serienmörder. Dabei hat sich der 70jährige Byong Su Kim, aus dessen »Aufzeichnungen« der Roman des Autors Young Ha Kim besteht, eigentlich zur Ruhe gesetzt. Im Alter von 16 hatte er seinen gewalttätigen Vater mit dem Kopfkissen erstickt, mit 45 verlor er die Lust am Töten. Ab und zu besucht er das Lyriktreffen an der lokalen Volkshochschule; die Gedichte, in denen er seine Morde schildert, werden vom ahnungslosen Kursleiter wegen ihrer schönen Metaphern gelobt. Dann wieder sitzt er verwirrt auf der Polizeiwache. Dort kennt man ihn schon und weiß, in welche Wohnung man ihn bringen muss. Die Diagnose lautet auf Alzheimer.

Und ausgerechnet nun treibt in der Gegend ein Serienmörder sein Unwesen. Beunruhigt blättert Kim seinen Kalender durch, stellt aber fest, dass er für die Tatzeit ein Alibi hat. Das aber heißt, dass es einen anderen Mörder gibt, dass Kims Tochter Un Hi gefährdet ist! Was soll er unternehmen? Er weiß, wie vergesslich er nun ist und dass er alles, was er bemerkt, aufschreiben muss. Kurz darauf liest er, dass in der Nähe ein Serienmörder zugeschlagen hat. Als er in seinem Tagebuch blättert, findet er die bereits wieder vergessenen Aufzeichnungen über die drohende Gefahr.

Hintergrund ist die südkoreanische Gewaltgeschichte der Nachkriegszeit. Die Karriere des Serienmörders Kim entspricht – vom Erscheinungsjahr des koreanischen Originals 2013 an zurückgerechnet – ungefähr den Militärdiktaturen der Generale Park und Chun. Kim blieb nicht nur unentdeckt, weil die Ermittlungstechniken auf einem kläglichen Stand waren, sondern weil die Polizei Verdächtige folterte und diese Morde gestanden, die sie gar nicht begangen hatten. Die Gegenwartshandlung ist dann ein gespenstisches Ausblenden der Vergangenheit.

Buchgraphisch ist das so gestaltet, dass die anfangs fettgedruckten Seitenzahlen immer blasser werden, bis sie zuletzt kaum mehr lesbar sind. Dem entspricht der Orientierungsverlust Kims. Er will, nein, er muss mit dem anderen Mörder kämpfen, um seine Tochter zu retten. Aber das wird immer schwieriger. Wenn doch bloß dieser Nachbarhund nicht immer aufs Grundstück pinkeln würde! Oder handelt es sich, wie Un Hi behauptet, um den eigenen Hund? Weshalb ist er dann plötzlich verschwunden, und warum hat er – als er wieder auftaucht – einen Menschenknochen in seinem Maul? Und ist Un Hi überhaupt Kims Tochter?

Autor Young Ha Kim spielt alle Vorteile aus, die es bringt, einen unzuverlässigen Erzähler einzusetzen. Die Glaubwürdigkeit des Beschriebenen steht immer in Frage. Man kann den schmalen Band mehrfach lesen und dabei zu neuen Interpretationen des Geschehens kommen. Kim legt seine Romane sehr unterschiedlich an. So liegt auf deutsch mit »Schwarze Blume« ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama über koreanische Arbeitsmigranten am Anfang des 20. Jahrhunderts in Mexiko vor, während »Im Reich der Lichter« detailreich und mit thrillerartiger Spannung einen einzigen Tag eines nordkoreanischen Spions in Seoul aufrollt, der kurz vor seiner Enttarnung steht. Die »Aufzeichnungen eines Serienmörders« sind dagegen karg und lakonisch.

Der Erzähler raucht nicht, trinkt nicht, schimpft nicht (und wurde deshalb auch schon mal für einen vorbildlichen Christen gehalten); die Wahrheit ist, dass er auf all das keinen Wert legt. Was Menschen reden, zumal wenn es sich um Frauen handelt, hat er noch nie verstanden. Vermutlich wurde er deshalb Tierarzt. Gleich anfangs schreibt er: »Denn ich kann zwar von Natur aus keine Trauer empfinden, für Humor aber bin ich empfänglich.« Deshalb fehlt ihm jedes Selbstmitleid. Tatsächlich ist dieses Protokoll eines Verfalls voller Komik, und nie verletzt sie die Würde des Kranken. Dies ist vielleicht das beunruhigendste Problem, das dieser Roman aufwirft. Die Aufzeichnungen über einen Kontrollverlust bleiben bis zum Ende kontrolliert, der Mörder bleibt trotz zunehmender Schwäche souverän. Der Autor verschweigt aber nicht, dass diese Würde nicht ohne ihren Preis zu haben ist: die Asozialität.

Young Ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders. Aus dem Koreanischen von In Won Park. Cass-Verlag, Bad Berka 2020, 152 Seiten, 20 Euro

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