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Aus: Ausgabe vom 18.01.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Linke in Lateinamerika

Konstruierte Beziehung

Klaus Meschkat über den »Staatssozialismus« und Lateinamerikas Linke
Von Dieter Boris
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Zuviel beim »Staatssozialismus« abgeschaut? Veranstaltung der venezolanischen Regierungspartei PSUV in Caracas (17.2.2012)

Über den Aufstieg und Niedergang »progressiver Regierungen« in Lateinamerika in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist viel geschrieben worden. Der Soziologe Klaus Meschkat möchte sich auf von ihm ausgemachte »innere Gründe« des Niedergangs konzentrieren. Da er schon seit Jahrzehnten sowohl zu Lateinamerika als auch zur Kommunistischen Internationale (KI) forscht, durfte man auf seinen Diskussionsbeitrag gespannt sein. Seine nur wenig relativierte zentrale These: Das »Erbe des Staatssozialismus« ist für die Schwächung der Linksregierungen in Lateinamerika verantwortlich.

Das schmale Buch zerfällt in zwei Teile. Im ersten analysiert Meschkat den Einfluss der Oktoberrevolution auf Lateinamerika und die Entstehung der dortigen kommunistischen Parteien. Meschkat beschreibt den sukzessiven Niedergang von parteiinternen Diskussionen und die abrupten Wendungen der KI, die zu Empfehlungen der Selbstauflösung kommunistischer Parteien führten. Selbstisolierung, Einflussverlust, Mitgliederrückgang waren die Folgen, so dass die kommunistischen Parteien nach 1945 in fast allen lateinamerikanischen Ländern (mit Ausnahme von Chile und Kuba) bedeutungslos geworden seien.

Im zweiten Teil wird ein Überblick über die Linkswende in Venezuela seit 1998 und die Etappen und Ziele der Regierung von Hugo Chávez gegeben. Zu Recht hebt Meschkat die bedeutenden Erfolge in den ersten Jahren hervor. Den Beginn des Niedergangs sieht er um 2006, als eine – der Tendenz nach – Einheitspartei der Linken aus der Taufe gehoben wird und dies mit Erscheinungen einherging, die Meschkat schon in der KI hat auftreten sehen: Zentralisierung, Bürokratisierung, Entdemokratisierung, Ausgrenzung politischer Gegner (auch im eigenen Lager), Personenkult, Führergläubigkeit usw. Einige Bemerkungen macht Meschkat auch zu Bolivien und Ecuador, wo er ähnliche Defizite wie in Venezuela ausmacht.

Angesichts des knappen Raums sind die beiden Teile in ihrer Komprimierung als sehr gelungen zu bezeichnen. Die Frage ist allerdings, und das betrifft die Zentralthese Meschkats, was sie miteinander zu tun haben. Aus mehreren Gründen sehe ich fast überhaupt keine Beziehungen – oder allenfalls nur konstruierte, gedankliche, die realgeschichtlich kaum nachweisbar sind.

Einmal liegen die beiden Zeitphasen teilweise bis zu 100 Jahre auseinander, was dagegenspricht, dass hier eine Kausalbeziehung vorliegen könnte. Sodann ist festzuhalten, dass die in Lateinamerika entstandenen kommunistischen Parteien der 1920er und 1930er Jahre in der Regel isoliert, klein und einflusslos geblieben sind. Außerdem werden von Meschkat die populistischen Strömungen kaum erwähnt, die teilweise mit linken Programmatiken auftraten und in vielen Ländern einen weit größeren Einfluss hatten als die kommunistischen Parteien. Viertens werden die Debatten und Veränderungen innerhalb des linken Lagers nach dem Ende der Stalin-Ära kaum berücksichtigt. Trotzkistische und maoistische Gruppierungen waren in bestimmten Phasen – je nach Land – weitaus bedeutender als die traditionellen kommunistischen Parteien. Es scheint deshalb wenig plausibel zu sein, ernsthaft von einem ausschlaggebenden Einfluss des »Staatssozialismus« oder marxistisch-leninistischer Parteien »Moskauer« Orientierung auf die gegenwärtigen Linksregierungen in Lateinamerika zu sprechen. Alles in allem: Ein Buch, das für viele Leser interessant und informativ sein kann, aber als Beleg für seine zentrale These nicht zu überzeugen vermag.

Klaus Meschkat: Krisen progressiver Regime. Lateinamerikas Linke und das Erbe des Staatssozialismus. VSA-Verlag, Hamburg 2020, 112 Seiten, zehn Euro

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