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Aus: Ausgabe vom 18.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Finanztricks

Profite durch Gemüsehandel

Niederlande wird zum Knotenpunkt für Geldwäsche in Landwirtschaft
Von Gerrit Hoekman
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Sieht eigentlich harmlos aus: Kartoffelernte in Kloosterburen (Niederlande)

Kartoffeln werden im Wasserbad von allem Schmutz befreit, bevor sie sauber in die Supermärkte kommen. Das ist bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, dass niederländische Kriminelle seit einiger Zeit ihr illegal beschafftes Geld gerne in Afrika reinwaschen – neuerdings auch über den Handel mit Zwiebeln und Kartoffeln. Die niederländische Steuerfahndung (FIOD) hat herausgefunden, dass einheimische Gangster während der letzten Jahre für 150 Millionen Euro Zwiebeln und Kartoffeln nach Afrika exportiert haben. Das teilte der FIOD in seinem Jahresbericht 2020 mit, den er am vergangenen Montag veröffentlicht hat. Häufig geht es dabei um Geld aus illegalen Drogengeschäften.

Geldwäsche mit Kartoffeln ist offenbar recht einfach. »Sie gehen mit ihrer Sporttasche voller 500-Euro-Scheine zum Erzeuger und bezahlen die Kartoffeln bar im Namen eines ausländischen Käufers. Die Kartoffeln werden exportiert und in einem anderen Land verkauft. Kriminelles Geld wird mit legalem Handel vermischt. Danach scheint der Gewinn aus einem ehrlichen Handel zu kommen«, sagte Bert Langerak, Cheffahnder der FIOD am Montag in einem Interview mit der Onlineausgabe des Algemeen Dagblad (AD). Hätte ihm das jemand vor fünf Jahren erzählt, hätte er diejenigen für verrückt erklärt, gab Langerak zu.

»Wir sehen, dass kriminelles Geld immer öfter via Waren weißgewaschen wird«, so Langerak. Das gilt nicht nur für Gemüse, sondern auch für Autos und Maschinen für die Landwirtschaft. Besonders im Autohandel stamme eine große Menge Bargeld aus kriminellen Quellen. »Der Umfang der Geldwäsche in den Niederlanden ist groß und strukturell«, stellt der FIOD fest. Es gehe um geschätzte 13 Milliarden Euro. »Kriminelle missbrauchen hierbei die Stärke der Niederlande als Handelsnation«, heißt es in dem Bericht.

Früher wurde das Geld fast ausschließlich in Knotenpunkten der Finanzwelt wie Dubai, Hongkong oder Singapur gewaschen. Das Außenministerium und das Justizministerium in Den Haag verhandeln aktuell mit den Vereinigten Arabischen Emiraten über einen bilateralen Vertrag, der es für die niederländischen Behörden leichter machen soll, an Informationen über dort gemeldete Personen und Unternehmen zu kommen. »Man sieht, dass die Welt transparenter wird. Länder sind häufiger bereit, Informationen zu teilen. Es bleibt immer weniger geheim«, sagte FIOD-Direktor Hans van der Vlist am 9. Januar gegenüber der Tageszeitung Het Parool. Ob das für Nichtkriminelle eine beruhigende Entwicklung ist, sei dahingestellt.

Die Fahndungsbehörde will außerdem innerhalb eines sogenannten Finanziellen Expertisezentrums enger mit den niederländischen Banken zusammenarbeiten. Die Bereitschaft der Institute dazu dürfte gewachsen sein, nachdem die Bank ING letztes Jahr 775 Millionen Euro Strafe zahlen musste, weil sie allzu lax gegen Geldwäsche über ihre Konten vorgegangen war. Gegen das Geldhaus ABN Amro läuft noch ein entsprechendes Verfahren. Inzwischen machen Kenia, Uganda und die Zentralafrikanische Republik den früheren Hotspots in Asien Konkurrenz. Im Oktober letzten Jahres verhaftete die Polizei in Brabant und Limburg sechs niederländische Staatsbürger, von denen einige Diplomatenpässe der Zentralafrikanischen Republik besaßen. Die Festgenommenen werden verdächtigt, die Absicht gehabt zu haben, dort mehrere Millionen Euro zu waschen.

»Afrika ist reich an Naturschätzen. Das führt dazu, dass es der neue Kontinent ist, um kriminelles Geld zu waschen«, sagte Langerak gegenüber AD. Die kriminellen Banden kaufen in Afrika Gold, Diamanten und andere Edelmetalle, die sie dann auf der ganzen Welt weiterverkaufen, um schließlich zum Beispiel ein Hotel in Amsterdam zu erwerben. Früher hätten Banden das Geld sofort auf den Kopf gehauen. Eine Yacht gekauft, Feste gefeiert und Champagner getrunken. Mittlerweile steckten sie aber deutlich mehr in das System der Geldwäsche. »Sie investieren in Logistik, in Häuser und Hotels, sie kaufen Beamte und Hafenarbeiter. Es sind kleine multinationale Konzerne geworden.«

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