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Aus: Ausgabe vom 18.01.2021, Seite 7 / Ausland
Organisiertes Verbrechen

Mammutprozess gegen Mafia

Italien: ’Ndrangheta-Clan vor Gericht. Verbindungen in Politik und Justiz
Von Gerhard Feldbauer
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Italiens Justizminister Alfonso Bonafede (l.) begutachtet am 15. Dezember 2020 den Ort des Gerichtsverfahrens, Lamezia Terme

In einem der größten Mafiaprozesse der italienischen Geschichte hat Oberstaatsanwalt Nicola Gratteri in Lamezia Terme, einer Kleinstadt im südlichen Kalabrien, am vergangenen Mittwoch mehr als 350 Mitglieder der ’Ndrangheta vor Gericht gebracht. Die 13.500 Seiten zählende Anklageschrift listet 400 Straftatbestände auf, die von Mord, Erpressung und Raub, über Drogenhandel, illegalen Waffen- und Sprengstoffbesitz bis hin zu Geldwäsche und anderen Wirtschaftsverbrechen reichen. Laut Ermittlern erpressten die Clans allein in Kalabrien von rund 40.000 Unternehmern Schutzgeld. Aus Sicherheitsgründen findet der Prozess in einem extra dafür errichteten, 3.300 Quadratmeter großen, bunkerähnlichen Gebäude statt.

Gratteri, Oberstaatsanwalt am Gericht der Regionalhauptstadt Catanzaro, überwachte mit seinem Team vier Jahre lang mutmaßliche ’Ndrangheta-Mitglieder, befragte Zeugen und Mafiaaussteiger und verfolgte dubiose Geldströme, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur ANSA. Er gilt als derzeit erfolgreichster Antimafiastaatsanwalt Italiens, der jährlich Hunderte Mafiosi hinter Gitter brachte. Allein im Jahr 2018 waren es demnach mehr als 900 – ein deutliches Indiz für die große Anzahl an Mitgliedern, über die die Verbrecherorganisationen verfügen. Im Dezember 2019 wurden 334 Mitglieder und Unterstützer, darunter die Führungsspitze des ’Ndrangheta-Clans in der Provinz Vibo Valentina, von den 2.500 Mann zählenden Spezialeinheiten Raggruppamento Operativo Speciale (ROS) der Carabinieri bei Großrazzien in mehreren Regionen festgenommen. Bei Razzien in Deutschland, der Schweiz und Bulgarien seien ebenfalls Verbindungsleute der ’Ndrangheta dingfest gemacht worden.

Unter den jetzt Angeklagten befinden sich zahlreiche Politiker, Geschäftsleute, Anwälte, Justizangestellte, ein Polizist und sogar ein General der Carabinieri. Durch diese Kontakte war es den Mafiosi gelungen, sich sogar Zugang zu Datenbanken staatlicher Sicherheitsorgane zu verschaffen. Luigi Mancuso, Boss eines nach ihm benannten Clans in der Kleinstadt Limbadi, wurde »Kokainkönig« Kalabriens genannt und unterhielt laut den Ermittlern Verbindungen zu kolumbianischen Drogenkartellen und deren Todesschwadronen. Von Kolumbien aus steuerte der Clan große Teile des weltweiten Kokainhandels – ein Milliardengeschäft. Der Rechtsanwalt Giancarlo Pittelli, ehemaliger Abgeordneter und Senator der faschistischen Forza Italia (FI) von Expremier Silvio Berlusconi, konnte von verdeckten Ermittlern beim Waschen von Geld gefilmt werden.

Medien vergleichen das vergangene Woche begonnene Verfahren mit den sogenannten Maxiprozessen, die auf Basis der Ermittlungen der Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino in den 1980er Jahren gegen die sizilianische Cosa Nostra geführt wurden. 1986 wurden dabei 19 Mafiabosse zu lebenslangen Zuchthausstrafen sowie 323 weitere zu insgesamt 2.665 Jahren Gefängnis verurteilt. Aus Rache ermordete die Mafia am 23. Mai 1992 Falcone, zwei Monate später traf es am 19. Juli Borsellino.

Auch damals reichten die Verbindungen des organisierten Verbrechens bis in höchste politische Ämter. Am 27. März 1993 wurde der mehrmalige Ministerpräsident Giulio Andreotti der Democrazia Cristiana (DC) der Komplizenschaft mit der Mafia angeklagt, jedoch wegen Mangels an Beweisen freigesprochen – ein Freispruch »zweiter Klasse«. In einem zweiten Prozess in Perugia musste er sich wegen Anstiftung zum Mord an Carmine Pecorelli verantworten. Pecorelli, Herausgeber des ­Osservatore politico, hatte Andreottis Rolle bei der Ermordung des DC-Führers Aldo Moro im Mai 1978 untersucht und war von Mafiakillern erschossen worden. Ergebnislos verliefen auch die Ermittlungen gegen den mehrmaligen Premier und FI-Chef Berlusconi wegen Komplizenschaft mit der Mafia.

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