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Aus: Ausgabe vom 18.01.2021, Seite 5 / Inland
Armut in Coronazeiten

Pandemische Verelendung

Immer mehr Kältetote in Deutschland: Verein für Wohnungslosenhilfe kritisiert fehlende Unterstützung für Betroffene
Von Susan Bonath
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Die Regierung hat sie nicht auf dem Schirm: Obdachlose Menschen leiden in diesem »Coronawinter« besonders

Beim Statistischen Bundesamt gibt es ein düsteres Datenwerk: Zwölf Wohnungslose sind demnach im Winter 2018/19 in Deutschland erfroren. Im Jahr davor waren es sieben, im Winter 2009/10 kamen 16 Menschen auf diese Art ums Leben. In diesem »Coronawinter« deutet sich bereits jetzt an: Die Zahl der Kältetoten droht in die Höhe zu schnellen. Mindestens acht Betroffene starben seit Anfang Dezember in Hamburg, wie das Straßenmagazin Hinz und Kunzt am Donnerstag bekanntgab. Lokale Medien meldeten Opfer unter anderem in Augsburg, Wolfsburg, Mainz, Freiburg und Berlin. Zuletzt berichtete der RBB am Sonntag über Marco R.: Man fand den erst 33jährigen im Hauptstadtkiez Neukölln tot auf seiner Matratze.

»Das sind nur die Fälle, über die Medien berichtet haben«, stellte Werena Rosenke, Geschäftsführerin und Pressesprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), im jW-Gespräch am Sonnabend klar. Mit Sicherheit gebe es eine hohe Dunkelziffer. Diese tauche auch beim Statistischen Bundesamt nicht auf, denn die Behörde verwende Daten ihres Vereins, »die wir selbst auch nur durch Medienrecherche erheben«. Rosenke beschreibt die derzeitige Situation für Obdachlose als »ganz besonders schwierig«.

Schwierig bedeutet in diesem Fall: Vielerorts haben Kommunen die Notschlafplätze einfach reduziert, um Ansteckungen zu vermeiden und Auflagen halbwegs zu erfüllen. Das ohnehin zu geringe Angebot der Winternotprogramme sei insgesamt eher gesunken, und der Zugang dazu bürokratisch erschwert, berichtete Rosenke. In einer Erhebung der BAGW vom November hätten nur 20 Prozent der befragten Unterkünfte angegeben, ausreichend vorbereitet zu sein. »40 Prozent gaben an, nicht vorbereitet zu sein, und weitere 40 Prozent meinten, sie wüssten gar nicht, was die zuständige Kommune will«, sagte sie weiter. Schon vor Monaten habe ihr Verein ein Notprogramm gefordert, etwa die Unterbringung in Hotels, Motels und Pensionen. Passiert sei nur in ganz wenigen Städten etwas. »Die Sozialarbeiter wissen oft nicht wohin mit hilfesuchenden Menschen«, konstatierte die BAGW-Geschäftsführerin. Auch an den unwürdigen Zuständen habe sich nicht gravierend etwas verändert: Mehrbettzimmer seien nach wie vor gang und gäbe. Oft sei nicht genug Platz vorhanden, um positiv getestete Menschen zu isolieren. Überhaupt werde zuwenig getestet. Dabei seien gerade unter diesen Menschen nicht oder unzureichend behandelte Erkrankungen verbreitet, und sie hätten auch mehr Angst, Unterkünfte aufzusuchen. »Die Situation spitzt sich zu«, blickte Rosenke mit Sorge voraus.

Dazu gehören auch über den puren Erfrierungsschutz hinausgehende Hilfen. Diese kochen weiterhin auf Sparflamme. Tagesaufenthalte haben strenge Zugangsbeschränkungen oder wurden geschlossen, die Belieferung mit Lebensmitteln durch die Tafeln ist »stark eingebrochen«, wie Rosenke erklärte. Betteln und Flaschensammeln brächten vielen Betroffenen kaum noch Einnahmen, um sich über Wasser zu halten. Hiervon seien Menschen aus anderen EU-Staaten am schlimmsten betroffen. Denn sie haben keinen Anspruch auf Sozialhilfe oder Hartz IV. Viele haben ihre Jobs verloren. »Mit Spendengeldern haben wir Lunchpakete und Lebensmittelgutscheine organisiert und verteilt«, erläuterte sie weiter. Einige Bundesländer hätten Sondermittel an Hilfsvereine ausgezahlt. Im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen seien insgesamt 500.000 Euro an diese geflossen. Dies alles sei aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Hinzu kommt: Viele wohnungslose Menschen sind nicht krankenversichert oder haben, oft nach hoher Verschuldung bei den Kassen, einen unsicheren Status. Laut BAGW wächst das Problem. Kliniken müssten zwar Schwerkranke aufnehmen, wollten sie aber schnell wieder loswerden. Seit vielen Jahren behandelten einige Mediziner ehrenamtlich und mit Hilfe von Spenden schwerkranke Betroffene. »Diese Projekte sind immer mehr geworden, geändert hat sich nichts«, resümierte Rosenke. Selbst diese seien unterfinanziert und rar gesät, es gebe sie fast nur in großen Städten. Am schlechtesten würden Wohnungslose nach wie vor in den ostdeutschen Bundesländern mit Ausnahme von Berlin versorgt. Es bleibe dabei: »Die Politik hat obdachlose Menschen nicht auf dem Schirm.«

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